) die Wörter Eros und erân in diesem ganzen Dialog zwischen den zwei sehr heterogenen Bedeutungen der reinen Liebe und des blossen Begehrens immer hin und her schwanken; ein Doppelsinn, wodurch alles Wahre und Praktische, was sie uns zu lehren scheint, indem wir es erfassen wollen, uns unvermerkt wieder durch die Finger schlüpft. Das allerschlimmste indessen ist, dass nachdem die Seherin, die so viel sieht was sonst niemand sehen kann, uns zu Erwartung der herrlichsten Offenbarungen über das selbstständige Urschöne berechtigt hat, – zu welchem wir von einer ganz neuen Art von idealischer Päderastie, als der untersten Stufe, durch die ganze materielle und intellektuelle Welt emporsteigen sollen, – uns gleichwohl am Ende nichts geoffenbaret wird, als dass dieses Urschöne (welches Diotima doch für den eigentlichen Gegenstand und das höchste Ziel der Liebe ausgibt) weder mehr noch weniger als das Parmenideische Eins und All, das Platonische Wirklichwirkliche, der Hermetische Cirkel, dessen Mittelpunkt überall, und dessen Umkreis nirgends ist, mit Einem Worte, das Unendliche sei; welches aber erstens, da es keine Form hat, eben so wenig das Urschöne als der Urcirkel oder das Urdreieck sein kann; und zweitens, da es (ihrem eigenen ehrlichen geständnis nach) weder von den Sinnen erfasst, noch von der Einbildungskraft dargestellt, noch vom verstand begriffen werden kann, gänzlich ausser unserm Gesichtskreise liegt, und also für uns eben so viel ist als ob es gar nicht wäre."
"Ich will es nun euerm eigenen Scharfsinn und Urteil überlassen, setzte Praxagoras hinzu, was für einen Zweck der göttliche Plato mit diesem geistigen Gastmahl beabsichtigt haben könne, und ob ihm grosses Unrecht geschähe, wenn man es mit einem Zaubermahl vergliche, wo die Gäste, nachdem sie ihre Kinnbacken ein paar Stunden lang weidlich spielen liessen, und von einer Menge der köstlichsten Schüsseln gesättigt zu sein glaubten, am Ende die Entdekkung machen, dass sie nichts als Luft gegessen haben, und hungriger von der prächtigen Tafel aufstehen, als sie sich um dieselbe gelagert hatten."
Wenn dem so ist, wie ich selbst zu besorgen anfange sagte Lais lächelnd, so hätte der Zauberer wohl verdient, dass wir eine kleine Rache an ihm nähmen. Wie wenn wir unser heutiges Symposion zu einem Gegenstück des seinigen machten, und anstatt dem leidigen Amor Lobreden zu halten, uns vereinigten, ihm der Reihe nach alles Böse nachzusagen, was sich, ohne ihm das kleinste Unrecht zu tun, von ihm sagen lässt? Was meinst du, Euphranor?
E u p h r a n o r . Es hiesse, däucht mich, die Rache, anstatt an Plato, an dem armen Amor nehmen, der eine so unfreundliche Behandlung am Ende doch weder an dir, schöne Lais, noch (wie ich hoffen will) an irgend einem von uns andern verschuldet hat.
L a i s . Wie, Euphranor? Wenn nun auch wir für unsre person uns nicht über ihn zu beklagen hätten, sollen wir so selbstsüchtig sein, ihm alles tragische Unheil und Elend zu verzeihen, das er seit dem Trojanischen Kriege, und lange vorher, da wir arme sterbliche Weiber noch so viel von den Nachstellungen und Gewalttätigkeiten der Götter auszustehen hatten, im Himmel und auf Erden angerichtet hat?
N e o k l e s . dafür legen wir alles Gute, Schöne, Angenehme, Fröhliche, Komische und Possierliche, wovon er ebenfalls von jeher der Urheber und Anstifter war, in die andere Wagschale, so wird sie, wenn auch das Uebergewicht nicht auf dieser Seite sein sollte, allem Unheil, das die schöne Lais so sehr zu Herzen nimmt, wenigstens das Gegengewicht halten. Und rechnest du die vielen herrlichen Tragödien für nichts, die wir noch nebenher damit gewonnen haben?
A n t i p a t e r . Auch ohne diess ist ja schon Platons Pausanias allen fernern Beschwerden und Wehklagen über die Liebe durch die glückliche Entdeckung zuvorgekommen, dass es, so wie zweierlei Aphroditen, auch zweierlei Amorn gebe. Alles Tragische und Komische, was der Liebe nachgesagt werden kann, kommt auf Rechnung des Eros Pandemos und seiner Mutter der Muse Polymnia; beide hat uns Plato selbst schon preisgegeben, und das Böse, was sich von ihnen sagen lässt, würde weder neu noch angenehm zu hören, noch von irgend einem Nutzen sein.
L a i s . Das käme auf eine probe an, mein junger Freund. Von dir selbst mag was du sagst immerhin gelten; denn in der Tat scheint dir weder der himmlische noch der Allerwelts-Amor, noch irgend ein anderer wofern es ihrer noch mehrere gibt, bisher weder eine Stunde von deinem Schlaf, noch eine Rose von deinen Wangen gestohlen zu haben. – Antipater errötete, und schien ein wenig verlegen; ich musste ihm also zu hülfe kommen.
A r i s t i p p . Mich däucht, schöne Lais, du hast ein Wort gesprochen, das uns über die Liebe auf einmal ins Klare und dich selbst ausser aller Gefahr setzt, für undankbar gehalten zu werden, wenn du etwa Lust hättest, eine Schmachrede auf sie zu halten.
L a i s . Diese Lust hat mir dein junger Landsmann schon vertrieben, Aristipp; und ich bin ihm Dank dafür schuldig. Denn meine Schmachrede würde am Ende doch schwerlich viel anders ausgefallen sein als Agatons Lobrede; und da hättest du mir im Namen deines Sokrates eben denselben Vorwurf machen können, den er dem Agaton macht; nämlich, dass wir beide, nach Art