i s . Indessen ist nicht zu läugnen, dass die Alcibiades und ihresgleichen durch diese künstliche und aufs feinste in einander verflösste Mischung der auffallendsten Unarten und Untugenden mit den schimmerndsten Naturgaben, ja sogar mit allem was das liebenswürdigste und schätzbarste am Menschen ist, und durch diese unwiderstehliche Grazie, die ihren Lastern selbst etwas Gefälliges und Liebreizendes gibt, zu den gefährlichsten aller Menschen würden. Wofern uns also jemand einwendete: wenn die Dichter durch das Gesetz der Schönheit verpflichtet wären, die lasterhaften und hassenswürdigen Personen, die sie uns darstellen, immer so zu schildern, dass es uns unmöglich wäre, ihnen nicht, mehr oder weniger, gut zu sein – wie der Fall wirklich beim Alcibiades des Plato ist so würden ihre Werke, je vortrefflicher sie in Ansicht der Kunst wären, desto verderblicher für die Sitten, und also, in Rücksicht auf das allgemeine Beste, desto verwerflicher werden; was könnten wir ihm antworten?
P r a x a g o r a s . Ich sollte denken, es wäre eben so möglich als der Humanität gemäss, das Laster, als das allein Hassenswürdige, von der person, die als Mensch immer liebenswürdig ist, so zu trennen, dass die Liebe zur Tugend nichts dabei verlöre, wenn wir gleich (was ehmals der Fall des Sokrates war) sogar einen Alcibiades liebten.
A r i s t i p p . Diese Trennung mag in der Speculation leicht genug sein; aber ich zweifle dass im wirklichen Leben die Liebe zur person uns nicht immer geneigt machen werde, ihre Untugenden zu übersehen, oder, wenn wir sie auch gewahr werden, zu entschuldigen; bis wir nach und nach so weit kommen, sie mit ihren guten Eigenschaften zu vermengen, oder für blosse Schattirungen derselben anzusehen, und unter dem Schleier der Grazie zuletzt sogar liebenswürdig zu finden. Wenn diess wirklich der Fall wäre, möchte es wohl kaum möglich sein, dass unser Abscheu vor der Untugend selbst sich nicht eben so allmählich verminderte, oder wenigstens dass die Nachsicht gegen die Untugenden der geliebten person uns eben so duldsam gegen unsre eigenen machte.
N e o k l e s . Die Liebe wäre also nicht immer, wie Plato sagt, Liebe des Schönen, wofern es möglich wäre, auch das Hässliche an der geliebten person zu lieben?
A r i s t i p p . So scheint es, und ich denke nicht dass Platons Ansehen hier in Betrachtung kommen kann; denn es herrscht durch sein ganzes Symposion eine so auffallende Vieldeutigkeit in dem Sinne, worin er die Wörter Liebe und lieben gebraucht, dass es schwer ist, sich seiner wahren Meinung gewiss zu machen.
Diese Rede schien allen Anwesenden aufzufallen, und sie brachte uns unvermerkt auf die Frage: was denn eigentlich der Zweck des philosophischen Dichters des Symposions bei diesem aus so seltsam contrastirenden Teilen zusammengesetzten Werke gewesen sein könne?
Der Versuch diese Frage zu beantworten, führte eine etwas genauere Zergliederung desselben herbei, die uns beinahe das einhellige geständnis abdrang: dass diese so allgemein bewunderte Composition mehr einem bunten morgenrötlichen Duftgebilde als einem festen und bewohnbaren Gebäude ähnlich sei.
Da wir das Symposion diesen Abend – (vermutlich nicht zum erstenmale) gehört und also noch ganz frisch im Gedächtniss haben, sagte Praxagoras, so lasst uns, jedes sich selbst, ehrlich und offenherzig gestehen, wie viel oder wenig Wahres, eine schärfere Prüfung Bestehendes und im Leben Brauchbares wir darin gefunden? Ob uns alle diese Lobreden, Hypotesen und Allegorien auf und über den vorgeblichen Gott oder Dämon Eros, die uns in diesem Gastmahl131 in so mancherlei Tonarten vordeclamirt, vorgescherzt und vorprophetisirt werden, wirklich befriedigende Aufschlüsse über die natur, die Eigenschaften und die Wirkungen der allgemeinsten und gewaltigsten, wohltätigsten und verderblichsten, tragischsten und komischsten aller Leidenschaften geben? Ja, ob sich überall irgend ein aus dem Ganzen hervorgehendes Resultat, welches als der Zweck des Verfassers betrachtet werden könne, darin entdecken lasse? Lasst mich in dieser Rücksicht einen Versuch machen, ob ich diesen grossen reich und zierlich gestickten Peplos132 unter einen Gesichtspunkt bringen könne, aus welchem er sich, wo nicht auf Einen blick übersehen, doch wenigstens in der Vorstellung leichter zusammenfassen und beurteilen lasse. – Alle nickten ihm ihre Einstimmung zu, und er begann folgendermassen:
"Eine bei dem Dichter Agaton versammelte Gesellschaft, in welcher Sokrates (wie in allen Platonischen Dialogen) die Hauptfigur vorstellt, ist übereingekommen, eine von Rednern und Dichtern bisher vernachlässigte Lücke auszufüllen, und dem Liebesgott, Mann vor Mann, nach Vermögen eine Lobrede zu halten.
Die Rede des schönen Phädrus, der den Reihen anführt, ist beim Tageslichte besehen, nichts als eine spielerhafte rhetorische Schulübung, deren Tendenz noch zum Ueberfluss unsittlich ist, da sie lediglich darauf ausgeht, die Päderastie nur nicht gar zum höchsten Gute des Menschen, und die Willfährigkeit des Geliebten gegen den Liebhaber zu einer in den Augen der Götter selbst höchst verdienstlichen Sache zu machen.
Der auf Phädrus folgende Pausanias scheint durch Unterscheidung eines zwiefachen Amors etwas Vernünftigeres auf die Bahn bringen zu wollen als sein Vorgänger; aber seine Rede dreht sich grösstenteils um schwankende Begriffe. Auch ihm ist die Päderastie so sehr die einzig rechtmässige Art von Liebe, dass er es seinem gemeinen Amor (Eros Pandemos) sogar zum Vorwurf macht, dass die Verehrer desselben Weiber nicht weniger als Männer liebten; und wenn er gleich – zu Hebung des anscheinenden Widerspruchs zwischen dem Gesetz und Herkommen, welche bei den Atenern den Knabenliebhaber auf alle Weise begünstigen, und der Sitte, die es dem Geliebten