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wenigem Verlust ersetzen zu können.

Erwarte aber (was dir Neokles auch gesagt haben mag) nichts, was mit Platons berühmtem Symposion auch nur von fern in einige Vergleichung kommen, geschweige für ein Gegenstück zu diesem weitglänzenden Prachtwerke gelten könnte. Platons Symposion ist eine Art von Poem, wozu alle Musen beigetragen haben, und worin der Verfasser die ganze Fülle seiner Phantasie, seines Witzes und Attischen Salzes, seiner Wohlredenheit und Darstellungskunst, wie aus Amalteens128 unerschöpflichem Zauberhorn, auf seine Leser herabschüttet; ein bei nächtlicher Lampe mit grösstem Fleiss ausgemeisseltes, polirtes und vollendetes Werk, womit er uns zeigen wollte, dass es nur auf ihn ankomme, ob er unter den Rednern oder Dichtern, Sophisten oder Sehern seiner Zeit der Erste sein wolle. Was ich hingegen dir mitzuteilen habe, ist ein zufälliges Tischgespräch unter einer kleinen Anzahl anspruchloser Freunde, denen es bloss um eine angenehme Unterhaltung, und (was in Rücksicht einer Vergleichung mit Platons Gastmahl noch schlimmer ist) nicht um Witzspiele, ironische Parodien, Milesische Mährchen, und Offenbarungen aus der Geisterund Götterwelt, sondern lediglich um schlichte nackte Wahrheit zu tun war. Du siehst also leicht, wie unermesslich weit ich hinter dem begeisterten Dichter des Agatonischen Siegesmahls129 zurückbleiben müsste, wenn ich der verwegenen Anmassung fähig wäre, mich mit ihm in einen Wettstreit einzulassen. Ich werde, im eigentlichsten Sinn, ein blosser Erzähler dessen sein, was an der Tafel unsrer Freundin, während eines ziemlich frugalen Mahls und bei sehr kleinen, aber freilich desto öfter geleerten Bechern, gesprochen wurde. Nimm also vorlieb mit dem was ich zu geben habe, und ersetze dir selbst, indem du dich in Gedanken an den Platz deines Neokles nahe an die schöne Wirtin legst, das einzige, was meiner Erzählung fehlt, um sie so anmutig zu machen, als das Gespräch selbst, dieses kleinen Umstandes wegen, dem jungen Neokles vorkommen musste.

Es traf sich damals eben glücklicherweise, dass die Gesellschaft viel kleiner war, als sie gewöhnlich bei unsrer gastfreien Freundin zu sein pflegt. Ausser ihr selbst und mir war niemand zugegen als Euphranor (den du kennst), dein Neokles, mein Landsmann Antipater, und der Arzt Praxagoras, der auf seiner Rückreise von Aspendus sich eine Pflicht daraus machte, zu Aegina anzulanden, und der schönen Lais von dem guten Fortgang ihrer an dem jungen Chariton verrichteten berühmten Wundercur Nachricht zu erteilen. Lais hatte, um uns Stoff zu einem kurzweiligen Tischgespräch zu verschaffen, Platons Gastmahl von einem trefflichen Anagnosten130, den sie in Diensten hat, vorlesen lassen. Sie hätte bei keiner andern Leserei ihre Absicht weniger verfehlen können. Neokles und Euphranor eiferten ordentlich in die Wette mit ihr, wer es dem andern in Lobpreisung der Schönheiten dieses Meisterstücks zuvortun könnte; und es wurden eine Menge feiner Sachen gesagt, die ich dir nicht vorentalten würde, wenn sie nicht, durch den Verlust des lebendigen Vortrags im Moment, auch zugleich ihre Grazie, und mit dieser ihren grössten Wert verlieren würden. Unter andern wollte Lais, dass jedes von uns auf einem kleinen Täfelchen bemerken sollte, welches von den Stücken, woraus das Ganze, gleich einer grossen Tapezerei, zusammengesetzt ist, ihm in Rücksicht auf die Kunst der Ausarbeitung am besten gefalle. Euphranor erklärte sich für die Rede des Aristophanes, in welcher er alle Züge, die den eigenen Charakter der Muse dieses komischen Dichters ausmachen, mit der feinen Schalkheit einer allentalben durchschimmernden Ironie, so meisterlich nachgeahmt zu finden glaubte, dass Aristophanes selbst es schwerlich besser hätte machen können. Praxagoras stimmte für die Rede des Agaton, als die urbanste und launigste Verspottung der Manier des berühmten Rhetors Gorgias, welchen Agaton zum Muster genommen zu haben schien. Neokles war für den Pausanias, Lais für die Hierophantin Diotima, Antipater für den Alcibiades. Ich, um sicher zu sein, dass ich mit keinem andern zusammenträfe, gab meine stimme dem Eryximachus; mit der Einschränkung, dass ich seine Rede, in Ansehung des reichhaltigern und solidern Stoffes allen übrigen vorziehe, wiewohl ich gestehen müsste, dass sie der gezwungen witzigen Einkleidung und des flachen Ausdrucks wegen die schlechteste von allen sei. Jedes von uns hatte diess und das zu Behauptung seiner Meinung vorzubringen, bis wir uns endlich alle vereinigten dem Antipater Recht zu geben, und den letzten Act, wo der Sohn des Klinias, mit einem lärmenden Gefolge von lockern Zechgesellen, trunken und mit Blumenkränzen und Bändern behangen in den Saal hereingestürmt kommt, und alles was darauf folgt, bei weitem für das Beste am ganzen Werke zu erklären.

Von dem Augenblick an, sagte Antipater, da Alcibiades auftritt, weht sein Genius durch den Rest des Dialogs; alles ist freie zwanglose natur, Feuer, Jugendkraft und üppige Lebensfülle; auch halt' ich es für unmöglich, von diesem ausserordentlichen Jüngling, wie er wirklich war, und (nach allem, was wir von ihm wissen) gewesen sein muss, ein Bild aufzustellen, das mit so viel Freiheit und Leichtigkeit richtiger und fester gezeichnet, lebhafter gefärbt, zärter schattiert und leichter gehalten wäre; wenn ich anders in Gegenwart eines Künstlers mich so kunstmässig ausdrücken darf.

Das darfst du, versetzte Euphranor, indem er ihm traulich die Hand schüttelte; und wenn du hinzusetztest: diese Darstellung des Alcibiades verdiene der Kanon aller künftigen Dichter zu sein, welche die Menschen, wie sie sind, schildern, und doch dem Gesetz der Schönheit, das alle Künstler bindet, nichts dabei vergeben wollen; so würde ich ohne Bedenken behaupten, dass du die Wahrheit gesagt hättest.

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