, als in den ersten Tagen unsrer Wiedervereinigung. Sie schien sich nur in dem einfachsten ländlichsten Anzug zu gefallen. Das Marmorbecken vor ihrem Schlafgemach, worein ein schelmisch lächelnder Amor das wasser aus seiner umgekehrten Fackel giesst, vertrat diese ganze Zeit über die Dienste der krystallenen Näpfchen und Alabasterbüchsen, womit ihr Putztisch beladen zu sein pflegt. Ein leichtes weisses Gewand, eine Rose in den kunstlos sich ringelnden Locken, ein Veilchenstrauss am Busen, waren ihr ganzer Putz. Kurz, sie spielte eine Art Arkadischer Schäferin aus der goldnen Zeit123, mit so viel natur und Anmut, als ob sie nie etwas anders gewesen wäre. Sie schien in diesen glücklichen Tagen beinahe für mich allein da zu sein; und ich? – du kennst meine Weise – alles Gute (und wahrlich auch das Angenehme ist gut) dankbar anzunehmen und zu geniessen, ohne zu fragen, oder mir Kummer darüber zu machen, wie lang' es dauern werde. Aber wenn ich sage, dass in einer einzigen Dekade wie diese mehr Lebensgenuss ist, als in neunzig Jahren, wie man gewöhnlich zu leben pflegt, so glaube ich keinen übermässigen Wert auf sie gelegt zu haben.
Euphranor, der auf dem Fuss einer vertrauten Freundschaft mit ihr steht, und dieses Vorzugs in mehr als Einer Rücksicht würdig scheint, hat eine Arbeit mitgebracht, womit er so eifrig beschäftigt ist, dass man ihn, ausser bei Tische, nur in seiner Werkstatt zu sehen bekommen kann. Vielleicht ist diess zwischen Lais und ihm so verabredet worden: doch halte ich ihn für edel und bescheiden genug, aus eigner Bewegung die Rechte einer ältern Freundschaft ohne Schelsucht anzuerkennen. Ueberdiess scheint mir ein geheimes Verständniss zwischen ihm und einer von den Zöglingen unsrer Freundin vorzuwalten, wodurch ihm (wofern ich recht beobachtet hätte) die Tugend der Selbstüberwindung freilich so sehr erleichtert würde, dass sie beinahe aufhörte verdienstlich zu sein.
Euphranor ist ein eben so gelehrter als geschickter Künstler; Bildner und Maler zugleich, beiden Künsten mit gleicher Liebe zugetan, und in beiden gleich stark; was vielleicht Ursache sein könnte, dass er in keiner die hohe Stufe der Vortrefflichkeit und des Ruhms erreichen wird, die ihm nicht fehlen könnte, wenn er sich einer von beiden allein widmete. Sein Kunstsinn will sich aber um so weniger auf ein einzelnes Fach einschränken lassen, da es ihm in allen gelingt, und die Abwechslung (wie es scheint) grossen Reiz für ihn hat. Was er dermalen für Lais arbeitet, ist ein goldner Becher, dessen Deckel, ein einziger herrlicher Sardonyx aus der Persischen Beute, mit halb erhobenen Figuren von grosser Schönheit von ihm geziert wird. Seit kurzem hat er angefangen, sich vorzüglich mit der Wachsmalerei zu beschäftigen, die er der lebhaftern wirkung und grösseren Dauerhaftigkeit wegen der gewöhnlichen mit dem Pinsel vorzieht, und zu einem bisher noch nie gesehenen Grade von Vollkommenheit zu bringen hofft. Man tadelt an seinen Werken124, dass er die Köpfe, vornehmlich an seinen heroischen Figuren, zu gross mache, worüber man sich, wenn der Tadel gegründet wäre, um so mehr verwundern müsste, da er ein Buch über die Symmetrie geschrieben hat, und sich mit dem Fleiss, womit er diesen teil der Kunst studirt habe, nicht wenig weiss. "Dass man," sagt er, "meine Köpfe zu gross findet, hat eine sehr natürliche Ursache: es kommt nicht daher, dass meine Köpfe zu gross, sondern dass der andern ihre zu klein sind. Uebermass taugt in allen Dingen nichts: aber was an jedem Dinge zu viel und zu wenig ist, lässt sich nicht durch eine einzige allgemeine Formel bestimmen. Schwerlich wird man mir beweisen können, dass ich in der Proportion meiner Köpfe über die schöne natur hinausgehe; von dem gemein angenommenen Mass hingegen entferne ich mich geflissentlich, weil der Kopf unstreitig derjenige teil ist, worin der Geist und Charakter an Menschen und Tieren sich am stärksten und deutlichsten ausspricht; wiewohl ich nie vergesse, dass alle, auch die kleinsten Gliedmassen des menschlichen Körpers mehr oder weniger charakteristisch sind. Nur dann, wenn die Köpfe meiner Heroen durch das proportionelle grössere verhältnis, das ich ihnen gebe, nicht auch an Bedeutsamkeit und Energie gewinnen, verdiene ich Tadel, und diess ist noch auszumachen." Ob Euphranor Recht hat, überlasse ich deinem Urteil. Mir sind die Köpfe in den wenigen Werken, die ich von ihm gesehen habe, nicht grösser vorgekommen als sie sein sollen. Aber das geübte und gelehrte Auge des Kenners misst freilich schärfer, als der blick eines blossen Liebhabers.
Der junge Antipater, dem ich zur Belohnung seines Fleisses und guten Betragens das Glück ein paar Monate bei der schönsten Frau unsrer Zeit zu leben nicht versagen wollte, hat bereits, ohne es zu wissen oder wissen zu wollen, so viele Eroberungen gemacht, als weibliche Wesen in diesem haus sind. Lais selbst begegnet ihm mit ausgezeichneter achtung, und lässt ihm seit einigen Tagen sogar ziemlich deutlich merken, dass ihr die Art des Eindrucks, den sie auf ihn mache, nicht gleichgültig sei. Ich habe ihn auf nichts vorbereitet. Er soll alles mit eigenen Augen sehen, und sich in allem nach seinem eigenen Gefühl und Urteil benehmen; und er sieht wirklich schärfer und beträgt sich männlicher, als man von einem Jüngling seines Alters erwarten sollte. Ich verberge ihm so viel möglich, dass ich ihn beobachte, und erforsche nichts von ihm was er mir nicht von freien Stücken sagt. Bis jetzt habe ich noch keine merkliche Veränderung an ihm wahrnehmen