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würde, wenn ich bloss dem Antrieb meines Dämons oder der Lockstimme seines Satyrs folgte, der, sobald er will, der artigste und wohlgezogenste aller Bokksfüssler ist.

Die Rede war von seinen Wolken, die er noch immer für sein bestes Werk hält, wiewohl die Atener geschmacklos oder launisch genug waren, ihm die Weinflasche des neunzigjährigen Kratinus vorzuziehen. Es versteht sich, dass ich ihm so viel Schmeichelhaftes über das Lieblingskind seines Witzes gesagt hatte, als nötig sein mag, um einen Autor in gute Laune zu setzen; und so entspann sich denn folgender Dialog zwischen uns.

I c h . Wiewohl wir Cyrener dermalen noch kein scenisches Schauspiel besitzen, so gehen doch vielleicht mehr als zwanzig Abschriften deiner Stücke bei uns aus einer Hand in die andere; undabgerechnet, dass unsre Schuhflicker, Sackträger und Bootsknechte über Werke der Musenkunst keine stimme haben, – wird das, was die Wolken zum schönsten deiner Stükke macht, schwerlich in einer griechischen Stadt mehr Beifall gefunden haben, als bei uns. Um so viel grösser war die Verwunderung, da man hörte, die Atener, deren Urteil in solchen Dingen im Auslande einem Götterspruch gleich ist, hätten ganz anders darüber erkannt; und da das Bestreben sich das Unbegreifliche begreiflich zu machen nun einmal unter die stärksten Naturtriebe des Menschen gehört, so war und ist noch jetzt die gemeine Meinung bei uns, das Schicksal, das die Wolken zu zweien Malen betroffen haben soll, könne von keiner andern Ursache herrühren, als weil dem weisen Sokrates so übel darin mitgespielt wird.

E r . Die Cyrener schliessen, wie ich sehe, von sich auf die Atener, und glauben, weil sie eine so hohe Meinung von Sokrates und seiner Weisheit hegen, so müssten wir, seine Mitbürger, die das Glück haben, von dieser Sonne täglich angestrahlt zu werden, notwendig um so viel grösser von ihm denken. Diess ist aber keineswegs der Fall, und würde es vermutlich auch in Cyrene nicht sein, wenn er euer Mitbürger wäre. Gesetzt aber, Sokrates gälte zu Aten wirklich für das, wofür ihn die von seinem Chärephon befragte Pytia erklärt haben soll, so kennst du die Atener noch wenig, wenn du nicht auf den ersten blick siehst, dass ich ihm in diesem Falle keinen grösseren Dienst hätte erweisen können, als ihn dadurch, dass ihn dem öffentlichen Gelächter preisgab, vom Ostracism61 oder einem vielleicht noch härtern Schicksal zu retten. Denn dass wir keine gar zu rechtschaffnen, gar zu klugen, gar zu vorzüglichen Leute unter uns dulden können, ist, sollt' ich denken, durch unser Verfahren gegen einen Miltiades, Aristides, Temistokles, Cimon, Anaxagoras, Diagoras, und so manche andre, schon lange ausser allen Zweifel gesetzt. Indessen fehlt viel, dass der Sohn des Steinhauers Sophroniskus und der Hebamme Phänarete den Atenern in einem eben so glänzenden Licht erscheinen sollte als Ausländern, die ihn nur dem Namen und Rufe nach kennen. Wir, die wir ihn leibhaft vor unsern Augen herum wandeln sehen, und mit unsern Ohren reden hören, wir kennen der Ehrenmänner gar viele, die eben so barfuss und spärlich gekleidet gehen wie er, ihren Bart eben so selten dem Barbier untergeben, eben so schlecht essen und wohnen, sich eben so ehrbar und genügsam mit ihrer Xantippe behelfen, und den ganzen langen Tag eben so geläufig, und ungefähr eben so gescheidt und witzig, Moral und Politik sprechen wie er. natürlich können also alle, die nicht zu seinen besonderen Freunden gehören, ausser seinem silenenmässigen Kopf und Bauch (hinter welchen man eben nicht die höchste Weisheit zu suchen pflegt) nicht viel mehr an ihm sehen, als was er mit hundert und tausend andern gemein hat. Was ihn aber von andern unterscheidet, sein blick und gang und Tragen des Kopfs, wodurch er sich gleich beim ersten Anblick als einen Mann ankündigt, der nichts bedarf, nichts fürchtet, und seinen Wert nicht erst von andern zu erfahren braucht, ingleichen die ihm eigene Art von Ironie, die ihm seine Verehrer sogar zum besonderen Verdienst anrechnen; das alles ist gerade das, was ihn dem grossen Haufen seiner Mitbürger entweder lächerlich, oder gewissermassen verhasst und furchtbar macht. Denn wie gesagt, der Atener kann nicht leiden, dass jemand durch seine eigene Grösse über ihn hervorrage, und er duldet seine Obern nur desswegen, weil er ihnen die Koturnen, worin sie um so viel grösser als er sind, selbst angeschnallt hat, und sie, sobald es ihm beliebt, wieder auf ihre eigenen Füsse stellen kann. Du siehst also, dass die Ursache, warum die Wolken nicht so gut als ich billig erwarten konnte, aufgenommen wurden, nicht darin zu suchen ist, dass sie die öffentliche Meinung von dem mann, der darin verspottet wird, gegen sich gehabt hätten: auch hat derjenige, der euch sagte, dass sie von den Zuschauern übel aufgenommen worden, die Sache sehr übertrieben. Ich müsste meine guten Kechenäer gröblich verleumden, wenn ich nicht bekennte, dass bei weitem der grössere teil über die drei ersten und die drei oder vier letzten Auftritte das lebhafteste Vergnügen äusserte; und ohne den Einfluss des Alcibiades, und die Furcht, in welche sein Anhang (ein Haufen handfester verwegner Gesellen) den friedeliebenden teil der Zuschauer setzte, würde mein Stück wenigstens den zweiten Preis erhalten haben, da doch einmal der guterzige Entschluss dem alten halbkindischen Kratinus aus Dankbarkeit für ehmalige Verdienste vor seinem Ende noch eine Freude zu machen, von den Meisten schon vorausgefasst war,