geheimnis deines Herzens weiss, wiewohl du es, ich weiss nicht warum, so sorgfältig vor mir verborgen hast. Ein Verliebter ist so leicht zu entdecken, wie gut er sich auch zu verstecken glaubt, und die Freundschaft ist scharfsichtig. Befürchte indessen nichts von der meinigen: sie soll dir nie durch Zudringlichkeit beschwerlich fallen, aber auch nie entstehen, wenn du dich aus eigenem Drange nach ihr umsiehst. Alles was ich mir dermalen von der deinigen verspreche, ist, dass du deinen trautesten Jugendfreund nicht ganz vergessen, und ihm gern erlauben werdest, sich während einer Abwesenheit, deren Dauer noch unbestimmbar ist, von Zeit zu Zeit durch Briefe bei dir in Erinnerung zu bringen.
Widrige Winde zwingen mich einige Tage länger in Kreta zu verweilen, als meiner Geschäfte wegen nötig war. Ich werde diese Zeit zu einem Ausflug nach Gnossus6 anwenden, wo, wie man sagt, die vorzüglichsten Merkwürdigkeiten dieser fabelhaften Insel beisammen sind. Wie dürft' ich mich auch jemals wieder in Cyrene blicken lassen, wenn ich in Kreta gewesen wäre, ohne den berüchtigten Labyrint und – das Grab des unsterblichen Königs der Götter und Menschen gesehen zu haben?
2.
An Aritades, seinen Vater.
Nach einer glücklichen und grösstenteils angenehmen Reise befinde ich mich seit zehn Tagen in dem reichen, gewerbevollen, prächtigen und wollüstigen Korint, wo ich von dem Eupatriden7 Learchus, vermöge der alten Gastfreundschaft, die seit Perianders zeiten zwischen unsern Familien besteht, mit der gefälligsten Freundlichkeit aufgenommen wurde. Meine erste sorge war, mich der Aufträge zu erledigen, womit mein Oheim Alketas mich an seine hiesigen Freunde beladen hatte; die zweite, die mir zum Behuf meines Aufentalts in Griechenland mitgegebenen Waaren auf die vorteilhafteste Art zu Gelde zu machen. Die Nähe des grossen Marktes zu Olympia kam mir zu dieser Absicht sehr zu Statten, und der Gewinn, den ich dabei gemacht, ist so beträchtlich, dass ich – ausser der Summe, die ich für das nächste Jahr nötig haben mag, um deinem Willen gemäss meiner Vaterstadt und der Würde, die du in unsrer Republik bekleidest, durch einen anständigen Aufwand Ehre zu machen – fünfhundert Attische Minen8 in Golde bei meinem Wirte hinterlegt habe, über welche ich deine Befehle erwarte.
Korint hat sich seit den vierzig Jahren, da du den Vater des Learchus besuchtest, sehr verändert. grosser und täglich zunehmender Reichtum in einem oligarchischen, äusserst mild regierten und vielleicht nur zu wenig gezügelten kleinen Freistaat, zumal in der glücklichen Lage von Korint, die es zum Mittelpunkt des Asiatischen und Europäischen Handels bestimmt, muss, wie mich däucht, alle Vorzüge, worauf es stolz ist, und alle Uebel, die seinen Verfall ankündigen, notwendig hervorbringen. Ich gestehe, dass die Wehklagen, die ich hier, sogar in den reichsten Häusern und von verständigen alten Männern, über die immer zunehmende Ueppigkeit, Verschwendung, Habsucht und Sittenverderbniss führen höre, mir keine hohe Meinung von der Weisheit der Korinter geben. Wo grosser Reichtum ist, muss notwendig auch grosse Armut sein, und von beiden ist sittliche Verdorbenheit die unausbleibliche Frucht. Der Reiche erlaubt sich alles, um gränzenlos geniessen zu können, ohne die Quelle seines Genusses zu erschöpfen; der arme tut, wagt und duldet alles, um reich zu werden. Dass es so und nicht anders ist, überzeugte mich schon was ich in Cyrene sah, und Korint hat mich darin bestätiget. Alle Gesetzgeber, Philosophen und Moralisten in der Welt können den Korintern nicht helfen: es gibt nur Ein Mittel, das sie und ihres gleichen retten könnte, und das ist gerade das einzige, wozu sie keine Lust zu haben scheinen. Sie müssten wieder so arm werden als sie vor dreihundert Jahren waren. Wer weiss aber auch, ob diess einzige Mittel nicht schon zu spät käme?
Doch wohin versteige ich mich? Ich bin noch zu neu in der Welt, um tiefe Blicke in den Zusammenhang der Dinge getan zu haben, und zu jung, um mich in so verwickelte Speculationen einzulassen.
Die Zeit der Olympischen Spiele naht heran, und ich rüste mich ungesäumt nach Pisa9 abzugehen, um, wo möglich, noch auf eine leidliche Art unterzukommen; denn der Zusammenfluss von Fremden soll schon unbeschreiblich gross sein. Meine Ungeduld nach dem herrlichen Schauspiel, das mich dort erwartet, nimmt mit jedem Tage zu; auch hoffe ich bei dieser in ihrer Art einzigen gelegenheit interessante Bekanntschaften zu machen; was am Ende doch wohl der einzige wahre Vorteil ist, den ich von Olympia zurückbringen werde.
3.
An Kleonidas.
Kaum bin ich einige Tage in Korint, und schon hat mir meine leichtsinnige Unbefangenheit ein Abenteuer zugezogen, welches vielleicht Folgen von Bedeutung hätte haben können, wenn mir der Zweck meiner Reise einen längern Aufentalt erlaubte.
Indem ich nach Vollendung einiger Geschäfte in den Strassen dieser grossen und prächtigen Stadt umher irre, fällt mir eines von den vielen öffentlichen Bädern, womit sie versehen ist, in die Augen, dessen zierliche Bauart mir Lust macht, mich darin abzuwaschen. Ich gehe hinein, und da sich nicht gleich ein Aufwärter zeigt, öffne ich auf Geratewohl eine der Badekammern und treffe gerade den Augenblick, da eine junge Frauensperson, die sich ganz allein darin befand, im Begriff war aus dem Bade zu steigen. Diess war das erstemal in meinem Leben, dass ich vor einem schönen Anblick zusammenfuhr; gleichwohl weiss ich nicht wie es kam, dass ich, anstatt zurückzutreten, und die Tür, die ich noch in der Hand hatte, vor mir wieder