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nachzuahmen übrig gelassen hätten. Ob aber auch die Philosophie, insofern sie die Wissenschaft alles dessen ist, was der Mensch wissen soll und wissen kann, so viel dadurch gewonnen habe als seine Verehrer behaupten, und überhaupt wie das ganze Werk, wenn es Stück vor Stück einer strengen Prüfung unterworfen würde, vor dem ernsten unbestechlichen Richtstuhl der Wahrheit und Sittlichkeit bestehen würde, diess, liebe Laiska, ist eine andere Frage, deren Erörterung uns in eine so langweilige Analyse verwickeln würde, dass ich die Entscheidung lieber bei einer zweiten ruhigern Lesung deinem eigenen Gefühl überlasse. – Doch du willst ja, dass wir das Symposion unter den Augen deiner Grazien zu Aegina mit einander lesen? Auch das, meine Freundin! wenn uns diese freundlichen Göttinnen ja so abhold sein könnten, uns keine angenehmere Beschäftigung zu geben.

Lege mir es übrigens nicht zur Eifersucht aus, wenn ich dir sage, deine Phantasie schwärme, flattre und kreise so viel um diesen Plato herum, dass ich nicht dafür gut stehen möchte, dass er dir nicht, wie du jetzt scherzweise sagst, zuletzt noch in ganzem Ernste gefährlich werden könnte. Wirklich weiss ich dir zu Verhütung dieses Unglücks keinen bessern Rat, als wieder einmal nach Aten herüber zu kommen, und dich mit deinen eigenen Augen von der Schönheit seiner Physiognomie und der Liebenswürdigkeit seiner Schwärmerei zu überzeugen. Ich glaube selbst, wofern er sich's in den Kopf setzte, so artig und liebenswürdig gegen dich zu sein als er könnte, eine Frau wie du würde an ihrer ganzen Stärke nicht zu viel haben, um sich seiner zu erwehren. Aber wenn die Gefahr aufs höchste gestiegen wäre, brauchtest du auch nichts weiter als eine seiner Vorlesungen über seinen Parmenides, Protagoras, oder Kratylus zu hören, umsogar den Cynischen Diogenes liebenswürdig zu finden, wiewohl seine Haare, seitdem er sie mit seinen Fingern kämmt, nicht in der besten Ordnung sind.

Der schöne Kleophron empfiehlt sich deinem Andenken. Er hat sich seit einiger Zeit so eifrig auf die Speusippische Philosophie gelegt, dass in wenigen Monaten eine kleine Luftveränderung in Aegina, wofern du die Güte hättest, ihn einzuladen, ihm ungemein zuträglich sein dürfte.

32.

Aristipp an Kleonidas.

Es wäre schwer, bester Kleonidas, dir zu beschreiben, wie mir zu Mute ward, als ich mich am dritten des letztverwichnen Munychions122 wieder in dem reizenden Landsitz unsrer Freundin befand, den ich seit dem Anfang des zweiten Jahres der fünfundneunzigsten Olympiade nicht wieder gesehen hatte. Die neun Jahre, um die ich indessen älter geworden bin, haben ihm nicht nur allen Reiz der Neuheit wieder gegeben, sondern die wirkung seines eigenen Zaubers noch durch tausend verwandte Erinnerungen verstärkt. Als ich an ihrer Hand zum erstenmal wieder in den Garten trat, tauchten plötzlich die Bilder der schönsten Gegenden und Lustörter, die ich binnen dieser Zeit gesehen hatte, in meinem Gedächtniss auf, und gewährten mir, indem sie sich an die vor mir liegenden Scenen anschlossen, einen unbeschreiblichen Augenblick. Aber fast eben so plötzlich wurden sie wieder, wie morgenrötliche Duftgestalten von der aufgehenden Sonne, von dem lebendigern Gefühl des Gegenwärtigen verschlungen. Weder Panionions liebliche Gefilde, noch die zauberischen Hügel und Täler von Lesbos, noch das Elysische Tempe hatte ich an ihrem Arm gesehen; in keinem von jenen zweimal die schönste der Horen mit ihr gefeiert, in keinem den Bund ewiger Freundschaft am Altar der Grazien mit ihr beschworen. Welchen magischen Glanz gossen alle auf Einmal erwachenden Bilder der Vergangenheit über alles aus was ich sah, über jede Stelle, die ich betrat! über jede schattende Baumgruppe, unter welcher wir sassen, jede unter Blumengewinden hin schleichende Quelle, an deren rand wir lustwandelten, jede dunkle Myrtenlaube, jede stille Grotte, die unsre glücklichsten Augenblicke unter den Zauberschleier des Geheimnisses bargen! – Könntest du dich wundern, dass diess alles mein Gemüt in eine Stimmung setzte, die den Wunsch, mit welchem ich nach Aegina gekommen war, zu Hoffnung erhöhte, und, da Lais selbst durch eine gewisse, mir an ihr ungewohnte Innigkeit ihres ganzen Betragens gegen mich, ähnliche Gefühle zu verraten schien, mich einige Tage lang glauben liess, es könnte mir vielleicht gelingen, ihr meinen Plan für ihr künftiges Leben unvermerkt als ihr eigenes Werk in die Seele zu spielen? – Aristipp kann also auch schwärmen, wirst du denken? – Ich gesteh' es, und lasse mir's nicht leid sein; im Gegenteil, da ich die Gabe habe, dass eine getäuschte Hoffnung für mich nichts weiter ist als das Erwachen aus einem schönen Traum, so danke ich der natur auch für jeden Genuss, den sie mir in Träumen schenkt. Aber wozu hier diese voreiligen Betrachtungen, da alles noch so lächelnde Anscheinungen hat?

Unsre Freundin hat sich in den drei Jahren, die seit unserer Zusammenkunft zu Rhodus verflossen sind, so wenig verändert, dass ihre Schönheit vielmehr noch immer im Zunehmen zu sein, und sogar von dem frischen Glanz der ersten Jugend nichts verloren zu haben scheint. Doch auch diess ist vielleicht nur ein täuschender Schluss von Gleichheit der wirkung auf Gleichheit der Ursache; denn es ist nicht unmöglich, dass die grössere Sicherheit immer zu gefallen, und die grössere Vollkommenheit in der Kunst zu gefallen, das Wenige, was sie durch die Zeit verloren haben könnte, doppelt und dreifach ersetzt. Dem sei wie ihm wolle, gewiss ist dass ich sie noch nie so äusserst liebenswürdig, nie in einer so sanften, beinahe möchte' ich sagen zärtlichen Stimmung gesehen habe