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den Anstand und Ernst einer Dame, welche schon neun Olympiaden überlebt hat, so viel nötig sein möchte, zu entkräften suchte. Diess wirkte zusehends, und in kurzem sagte mir seine ehrerbietige Zurückhaltung, dass er die Ueberraschung des ersten Anblicks bloss einer zufälligen Aehnlichkeit beimesse. Die Richtigkeit dieser Vermutung und die Vollständigkeit der Genesung des jungen Aspendiers bestätigte sich, sobald sich dieser mit seinem Vertrauten wieder allein befand. Kannst du dir vorstellen, sagte er zum Arzt, dass mir beim ersten Anblick der Frau dieses Hauses beinahe etwas Albernes begegnet wäre? – Ich bemerkte wohl, erwiderte Praxagoras, dass du von einem Augenblick zum andern die Farbe verändertest. – Wirklich, fuhr jener fort, sieht sie in einer gewissen Entfernung der Bildsäule meines fatalen Traumes so ähnlich, dass ich beinahe die Besonnenheit darüber verloren hätte. – Dergleichen Aehnlichkeiten kommen häufig vor, versetzte der Arzt, und fallen immer zuerst in die Augen; aber bei genauerer Ansicht zeigt sich gemeiniglich eine so grosse Verschiedenheit, dass man sich wundert, sie nicht sogleich wahrgenommen zu haben. – So ging mir's auch, sagte Chariton; es dauerte nicht lange, so kam ich mir selbst mit meiner Einbildung lächerlich vor; hoffentlich hat die schöne Lais nichts davon gemerkt. – Wenigstens ist zu glauben, versetzte Praxagoras, dass sie sich deine Verwirrung bloss aus dem Eindruck erklärt hat, den sie gewöhnlich auf jeden, den sie zum erstenmal anredet, zu machen pflegt. – In der Tat, sagte der Jüngling, hab' ich nie so viel Majestät mit so viel Anmut gepaart gesehen. – "Ich auch nicht, Chariton, wiewohl meine Augen dreissig Jahre älter sind als die deinigen."

Mit Einem Wort, Aristipp, die Cur ist glücklich vollendet; und da man nicht weiss, oder aus gebührender Bescheidenheit nicht wissen will, welcher Mittelsperson das Wunder zuzuschreiben ist, so tragen die Götter (denen wir Sterblichen so häufig durch Dank oder Undank gleich viel Unrecht tun) unverdienter Weise den Dank allein davon.

Meine Gäste haben sich ohne Mühe bereden lassen, so viele Tage bei mir zu verweilen, als Praxagoras zu Befestigung der Gesundheit seines Pfleglings für nötig hielt. Der Alte, der ein mächtiger Kunstliebhaber ist, brachte seine meiste Zeit in der Werkstatt meines Freundes Euphranor zu, von dessen vielfachen Talenten er ganz bezaubert ist. Noch mehr ist es der Sohn von den Talenten der reizenden Euphorion, die sich ihm in kurzem so unentbehrlich zu machen gewusst hat, dass sie ihn mit Bewilligung des Vaters nach Aspendus begleiten wird. Sie ist zwar eine Waise und ohne Vermögen; aber sie stammt in gerader Linie von einem Schwestersohn des Tyrannen Kypselus117 ab, und ich werde dafür sorgen, dass sie nicht mit leeren Händen in das Haus des edlen Aspendiers einziehen soll.

Sie sind nun wieder abgereist, und wenige Stunden, nachdem sie den Hafen von Kenchreä118 verlassen hatten, wurde mir im Namen des Alten zu seinem Andenken eine schwere, zierlich gearbeitete goldne Schale, und, zum Austeilen unter meine jungen Freundinnen, verschiedene Stücke der schönsten Persischen und Phönicischen Zeuge zugestellt.

Meine Abreise nach Aegina ist auf einen der letzten Tage des Elaphebolions119 festgesetzt. Ausser einem teil meiner Hausgenossen werde ich niemand mit mir nehmen als meinen Günstling unter den hiesigen Künstlern, Euphranor, welchen ich mit dir in Bekanntschaft zu bringen ungeduldig bin. Ich bin gewiss du wirst ihn lieb gewinnen, und den Vorzug billig finden, den ich ihm vor seinen Mitbürgern gebe.

Unter den Vergnügungen, die ich in meiner kleinen Zauberinsel mit dir zu teilen hoffe, ist keine der geringsten, dass wir Platons Symposion zusammenlesen werden. Ich gestehe, dass die hohe Schönheit seines Geistes, und der Reichtum von Erfindungskraft und Witz, den er in diesem Drama von einer ganz neuen Art, mit der stolzen Freigebigkeit eines Krösus, der sich der Unerschöpflichkeit seiner Quellen bewusst ist, so üppig verschwendet hat, mich beim ersten Durchlesen dermassen hinriss, dass ich es mehr verschlungen als gelesen habe. Wenn es ihm mit seiner Schwärmerei Ernst ist (woran ich fast zweifle), so ist er der liebenswürdigste Schwärmer, den ich mir denken kann; und ich würde hinzusetzen, auch der gefährlichste, für mich wenigstens, wofern seine Physiognomie wirklich so schön und geistvoll ist, als sein Neffe Speusippus sie mir angepriesen hat.

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Aristipp an Lais.

Wenn ich dir etwas Schmeichelhaftes deines jungen Aspendiers wegen sagen sollte, schöne Laiska, so würde mir die Krankheit, nicht die Cur, den Stoff dazu geben müssen. Die letztere wäre, aller Wahrscheinlichkeit nach, einer deiner Mägde eben so gut gelungen als der Zaubrerin Euphorion, oderdie Grazien mögen mir verzeihen dass ich sageder Göttin selbst. Jene hingegen könnte unter den Wundern, die deine Schönheit bereits getan hat, vielleicht das grösste scheinen, wenn es wirklich ein grösseres Wunder wäre, dass dein Bild einen jungen Aspendischen Schwächling rasend machte, als dass du selbst schon mehr als Einen Kopf, mit dem es sonst ziemlich richtig stand, aus dem Gleichgewicht gerückt hast. Der gute Chariton hatte, wie es scheint, von dieser Seite wenig zu verlieren; und da ein im grund doch nur sehr gemeines Hausmittel gegen ein schon ziemlich eingewurzeltes Uebel so gut und schnell bei ihm anschlug, so ist nicht zu zweifeln, es würde, wenn man gleich Anfangs darauf verfallen wäre, dem alten Aspendier und seiner Familie viel Kummer, Plackerei und Ausgaben, dem jungen ein paar verlorne Jahre, und dir einen sehr entbehrlichen