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wo die Nacht zwar ohne Schlaf, aber doch unter ziemlich ruhigem Phantasiren vorüberging.

Die Frage war nun, in einer abermaligen Rücksprache zwischen dem Arzt und der weisen Lais, wie die mächtige Zaubrerin Alphesiböa in den Stand gesetzt werden könne, Wort zu halten. Dass die Bildsäule belebt werden müsse, wenn Chariton von seinem Wahnsinn gründlich geheilt werden sollte, schien beiden etwas Ausgemachtes. Der Arzt gestand, dass anfangs grosse Fehler in der Behandlung des Kranken begangen worden. Damals, meinte er, wäre durch ein paar geschickte Kunstgriffe leicht zu helfen gewesen. Aber nun, da es einmal so weit mit ihm gekommenWas nun zu tun? – Ein dritter hätte eben dieselbe Antwort auf diese Frage in beiden Gesichtern lesen können. Es gab jetzt nur Einen Weg die Statue zu beleben, nur Eine person die das Wunder verrichten konnte; ihr Name lag beiden auf der Zunge; aber er gehörte unter die unaussprechlichen Worte. Wer durfte der weisen Lais ansinnen, sich selbst zum Opfer der albernsten aller albernen Grillen des unartigen Bastards des Porus und der Penia114 darzustellen? Und wie war zu hoffen, dass sie sich aus blosser Menschlichkeit von freien Stücken zu einer so zweideutigen Heldentat entschliessen würde? Beide sahen einander mit einverstandenen Blicken an und schwiegen. Endlich lösete deine schnellbesonnene Freundin den Knoten mit einem raschen Hiebund wer sonst hätte es tun können, wenn sie es nicht tat? Auf irgend eine Art muss die Sache zu einem Ausgang gebracht werden, sagte sie. Sei du ruhig, Praxagoras; bereite deinen Kranken mit der guten Art, die dir eigen ist, zu einer glücklichen Begebenheit vor, und mich lass für das Uebrige sorgen.

Mein erster Gedanke, als der Arzt sich wegbegeben hatte, warrate, was? mein scharfsinniger Herr! – Du wirst raten: eine meiner Nymphen, etwa die schöne Zaubrerin selbst (die mir wirklich an Grösse und Gestalt ziemlich ähnlich ist) in einem nur vom mond schwach beleuchteten Zimmer unterzuschieben? – In der Tat hast du meinen ersten Gedanken erraten; aberδευτεραι φροντιδες115du weisst ja? – Oder könntest du dir im Ernst einbilden, deine Freundin Lais, bekanntermassen eine Art von Philosoph und von allem, was Vorurteil und leidenschaft heisst, freier als Sokrates und Plato selbst, sollte, wenn auch das Wunderbare keinen Reiz für sie hätte, nicht wenigstens so viel Neugier haben, dem Spiele der natur bei einer so ausserordentlichen und schwerlich jemals wiederkommenden gelegenheit in der Nähe zuzusehen? – Aber freilich! – Man muss gestehendu hast Recht, Aristipp! – Die schöne Alphesiböa würde sich vielleicht ohne grossen Zwang gefallen lassenWir wollen sehen.

Die Entzauberung ist glücklich zu stand gekommen, mein Freund. Die freundliche Göttin, die sich in alten zeiten eines Cyprischen Bildners116 in einem ähnlichen Fall erbarmte, war so gefällig das Wunder zum zweitenmale zu verrichten. Erwarte keinen umständlichen Bericht. Genug, das Marmorbild erwarmte, atmete, lebte auf, bekam eine Seele unter den Küssen des Glücklichen; und die Besorgniss, dass er vor lauter Entzücken über ihre wiedergekehrte Seele die seinige in ihren Armen ausatmen möchte, war das einzige, was der Göttin den Trost, ein so seltsames Abenteuer zu einem fröhlichen Ausgang gebracht zu haben, beinahe verkümmert hätte. Glücklicherweise fiel der neue Pygmalion bei zeiten in einen tiefen zehnstündigen Schlaf, und beim Erwachen fand ihn der Arzt (der schon ein paar Stunden, vor seinem Bette sitzend, an der Länge seines Schlummers, der frischen Farbe seiner Wangen und dem weichen ruhigen Schlag seines Pulses sich ergötzt hatte) wie in ein neues Leben geboren. Er schien wieder in vollem Besitz seines Verstandes, so viel er dessen je gehabt haben mochte, und erinnerte sich des Vergangenen nur überhaupt, wie eines schweren Traumes, dessen Umstände so übel zusammenhingen, dass er Mühe hatte sich das Ganze klar zu machen. Aber, sagte er, wenn auch das ein Traum war, was mir diese Nacht begegnete, so wünschte ich mir wohl, ewig wie Endymion zu schlafen, um ewig so zu träumen. – Zu grösserer Sicherheit zapfte ihm Praxagoras noch etliche Unzen Blut ab, mit dem Vorbehalt, ihn nach und nach durch gute Nahrung und edlen Wein wieder so viel zu stärken, als ihm dienlich sein möchte. Nicht wenig trugen vermutlich zu Befestigung seiner Genesung auch die Grazien und Nymphen meines Hauses bei, welche (wie du bezeugen kannst) durch Schönheit, Talente, gefälliges Wesen und ungezwungene Sittsamkeit so ausgezeichnet sind, dass keine Gesellschaft für sie zu gut und die ihrige für niemand zu schlecht ist. Der junge Aspendier gefiel sich so wohl unter ihnen, dass er unvermerkt selbst immer liebenswürdiger ward.

Zwei Tage nach seiner Wiederherstellung gab uns seine erste Zusammenkunft mit mir ein Schauspiel, das eines Beobachters wie du wert gewesen wäre. Ich hatte mich, um mit der Bildsäule des Skopas so wenig als möglich gemein zu haben, äusserst matronenmässig angezogen; überdiess schien ich merklich grösser und stämmiger und wenigstens zwanzig Jahre älter zu sein, als das Ebenbild meines sechzehnten Jahres. Dem ungeachtet stutzte Chariton bei meinem Anblick, und eine mit Mühe zurückgehaltene Ausrufung blieb zwischen seinen Lippen stecken. Doch schien er seinen Augen nicht zu trauen, und mit dem Gefühl zu kämpfen, welches ihm sagte, dass er mich anderswo gesehen habe. Es war nicht mehr als billig, dass ich ihm die Mühe, diess Gefühl durch Reflexion zu übertäuben, auf alle Weise erleichterte, und den Zauber meiner weltberühmten Reize durch