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in der Welt für dieses ohne Zutun unsers Willens veranlasste Unglück verantwortlich gemacht, und zu irgend einer Art von Vergütung desselben verurteilt werden könnten, so fühlte ich mich doch aus Menschlichkeit geneigt, und gewissermassen sogar verpflichtet, alles, was billigerweise von mir erwartet werden könnte, zum Troste des bedauernswürdigen Vaters beizutragen. Durch einen glücklichen Zufall (fuhr ich fort) befindet sich die Bildsäule, die wir nötig haben werden, eben hier in diesem haus, da sie sonst in einem Gartensaale meines Landguts zu Aegina zu stehen pflegt. Wie meinst du, wenn wir einen Versuch machten, was ihr unverhoffter AnblickAber beinahe hätte ich vergessen, dass ihr eine Zaubrerin mit ins Spiel gezogen habt, deren Erscheinung uns jetzt unentbehrlich ist, da der Kranke alle seine Hoffnung auf ihren Beistand baut. Auch diese ist gefunden. Es leben etliche junge Korintierinnen unter meiner Aufsicht, von welchen eine ganz das ist, was wir nötig haben; ein schönes Mädchen, von prächtiger Gestalt, und reichlich mit jedem heroischen Reiz begabt, der sie zur Darstellung einer Medea oder Circe geschickt machen kann. Ich werde sie, weil Gefahr im Verzug ist, ungesäumt in der Rolle, die sie zu spielen hat, unterrichten, und sie in einem so blendenden Costume vor unserm Nympholepten erscheinen lassen, dass wir unsre gute Absicht schwerlich verfehlen werden.

Praxagoras konnte nicht Worte genug finden, mir für meine edelmütige Herablassung zu danken, und nachdem wir alles auf jeden Fall Nötige verabredet hatten, wurde sofort Hand ans Werk gelegt. Einer der grössten Säle des Hauses wurde zur Scene unsers Drama's eingerichtet, und eine Stunde der Nacht zur Aufführung angesetzt. Für den Vater und deine närrische Freundin wurde ein Platz abgesondert, wo sie, ohne selbst gesehen zu werden, alles wahrnehmen konnten. Die Stunde kam. Bleich und abgezehrt wankte der arme Chariton von seinem Arzt geführt heran; seine Gesichtsbildung schien mir ziemlich unbedeutend, aber nicht unedel, und durch die stille Schwermut, die um seine lockichte Stirne hing, sogar ansprechend. Er schien beim Eintritt in den Saal über die Scene, die ihm in einer künstlichen Beleuchtung entgegen schimmerte, mehr erstaunt als erschrokken zu sein. Euphorion, in einem prächtigen Anzug, einen funkelnden Gürtel um den Busen, eine kleine Strahlenkrone auf dem haupt, und von reichgeschmückten Nymphen umringt, auf einem erhöhten Tron sitzend, war das erste was ihm in die Augen fiel. Er blieb plötzlich stehen, schaute bald mit fragenden Blicken auf die schöne Zaubrerin, bald mit suchenden im Saal herum, wie im Zweifel ob er seinen Augen glauben dürfe, und als ob er sich nach etwas umsehe, das hier vorhanden sein müsse. Tritt näher, Chariton, und sei ohne Furcht, sprach sie: ich habe dich in meinen Schutz genommen; der Räuber deiner Geliebten ist entwaffnet, ich gebe sie dir wieder. Siehe! – Mit diesem Worte tat sich ein Vorhang auf, der die Bildsäule bisher verdeckt hatte, und vermittelst eines andern, der plötzlich und ohne Geräusch herabfiel, schwand die Zaubrerin mit ihren Nymphen aus seinen Augen. Soll ich dir gestehen, Aristipp, dass die Bewegungen, wodurch sich die Gefühle des bestürzten Jünglings bei Erblickung dieses Bildes ausdrückten, meiner Eitelkeit wirklich ein schmeichelhaftes Schauspiel gaben? Er blieb eine Weile wie in den Boden gewurzelt stehen, sah sich schüchtern und lauschend um, als ob er beobachtet zu werden fürchte, trat dann näher hinzu, und stutzte wieder zurück. Ein langer tiefer Seufzer schien ihm endlich Luft zu machen; zweifelhaft und nachsinnend betrachtete er das geliebte Bild, schien es auf einmal zu erkennen, und stürzte freudetrunken mit ausgebreiteten Armen auf dasselbe hin. Bist du es wirklich? hab' ich dich endlich wieder? rief er aus, und umklammerte die frostige Geliebte, als ob er mit ihr zusammenwachsen wollte. – "Aber warum bist du so stumm? so kalt? so unempfindlich? – Fühlst du denn meine glühenden Küsse nicht? – Ach! sie haben mich betrogen! Du bist noch Marmor! Deine schönen Augen sind ohne Licht, kein Herz schlägt in diesem lieblichen Busen! Sie haben mich betrogen die Grausamenaber es wird ihnen nichts helfen! Ich fühl' es, auch im Marmor liebst du michdiese tote Hand hat mich berührtdein Arm windet sich eiskalt um meine erstarrende Hüfte – o Dank, ihr Götter! ich werde zu Marmor mit ihr!"

Es war hohe Zeit dass Praxagoras sichtbar ward, um einem Rückfall in seine vorige Tollheit noch zuvorzukommen. Wir haben dich nicht betrogen, lieber Chariton, rief er ihm zu: noch eine kleine Geduld und du wirst glücklich sein! – Der Jüngling stutzte, da er den Arzt, den er schon lange als seinen einzigen Freund anzusehen gewohnt war, mit offnen Armen auf ihn zueilen sah, und schien in einigen Augenblicken wieder zu sich selbst zu kommen. Sei gutes Muts, fuhr Praxagoras fort, indem er einen Arm um ihn schlang, und ihn unvermerkt von der Bildsäule entfernte; ein so schweres Werk, wie die Entzauberung deiner Geliebten ist, kann nicht in einem Augenblick zu stand kommen; genug dass die mächtige Alphesiböa, deine Beschützerin, mit Eifer daran arbeitet, und zur einzigen Bedingung des glücklichen Erfolges macht, dass du dich noch eine kurze Zeit geduldest. – Durch diese und dergleichen Zureden liess sich der junge Mensch nach und nach besänftigen; und so brachte ihn der Arzt mit guter Art wieder auf sein eigenes Zimmer,