wäre noch immer die Frage, ob sie hinreichten das Wunder zu tun, das du von mir erwartest. – O gewiss, rief er, vermagst du mehr als Melampus, Machaon und Podalirius, ja als Chiron und Aesculap und der Wundarzt der Götter Päeon selbst. – Unbegreiflich! versetzte ich mit einer so unschuldigen Miene, dass ihm alles was er noch sagen wollte, aus Verwunderung oder Verlegenheit, in der Kehle stecken blieb. Der Arzt, den er mitgebracht hatte (ein sehr verständiger Mann, wie sich's in der Folge zeigte) eilte seinem Patron zu hülfe, entschuldigte sehr ehrerbietig ihre Freiheit mich so unangekündigt zu überfallen mit der Besorgniss abgewiesen zu werden, und schränkte sich auf die blosse Bitte ein, dass ich ihm die Gunst erweisen möchte, zu einer mir gelegenen Stunde anzuhören, was er mir im Namen seines Patrons vorzutragen hätte. Bei dergleichen Anlässen pflegt meine Guterzigkeit, oder wie du es sonst nennen willst, der überlegung gewöhnlich einige Schritte zuvorzueilen. Ich ersuchte also die Fremden, wofern sie nichts Besseres zu versäumen hätten, sich sogleich eine wohnung in meinem haus gefallen zu lassen, welches, wie du weisst, Raum und Bequemlichkeit genug hat, um zur Not einen Persischen Satrapen zu beherbergen; und mein Erbieten wurde, nachdem sie sich so viel, als die Aspendische Urbanität erforderte, gesträubt hatten, mit dankbarem Entzücken angenommen.
Sobald meine Gäste von dem angewiesenen Flügel des Hauses Besitz genommen hatten und gehörig bewirtet worden waren, liess der Arzt (der sich Praxagoras nennt, und ein Anverwandter und Schüler des berühmten Hippokrates ist) sich erkundigen, ob es mir jetzt gelegen wäre ihm ein geheimes Gehör zu verwilligen. Er wurde sogleich in mein Cabinet geführt, und, wiewohl er ein gesetzter und schon etwas bejahrter Mann ist, schien er doch, da er sich allein mit mir sah, in einige Verwirrung zu geraten, wusste sich aber sehr bald mit einer Bescheidenheit und guten Art herauszuziehen, die ein sehr günstiges Vorurteil für ihn erweckten. Ich läugne nicht, fing er an, dass wir mit einer Art von Plan und Erwartung hierher gekommen sind; aber es bedurfte auch nichts als deinen ersten Anblick, um zu sehen dass von allem dem nicht mehr die Rede sein könne. Alles, warum ich dich also im Namen des unglücklichen Vaters zu bitten wage, ist, dass es mir erlaubt werde, dich durch eine ausführliche Darstellung unsers in seiner Art vielleicht einzigen Falles in den Stand zu setzen, den Grad des Mitleidens selbst zu bestimmen, den, wie ich nicht zweifle, die Güte deines Herzens uns nicht versagen wird.
Auf diesen hinterlistigen Eingang machte er mir nun, nachdem ich ihn mit aller geziemenden Holdseligkeit dazu aufgemuntert hatte, eine umständliche und (lache nicht, Aristipp) wirklich rührende Erzählung von der ganzen geschichte der seltsamen Krankheit des jungen Charitons, wovon ich, da es mir nicht um einen Angriff auf deine Mildherzigkeit zu tun ist, zu dem, was ich dir von ihrem Ursprung und Fortgang bereits berichtet habe, nur so viel hinzu tun will, als des Zusammenhangs wegen nötig zu sein scheint.
Nach mancherlei vergeblichen Versuchen, welche von verschiedenen Aerzten und Quacksalbern an dem zerrütteten Jüngling gemacht worden, war es endlich demjenigen, unter dessen Aufsicht er sich gegenwärtig befindet, gelungen, die Raserei, die ihm nur selten Ruhe liess, zu einer stillern Art von Wahnsinn herabzustimmen: so dass man wieder zu hoffen anfing, er könnte durch eine behutsame und schonende Behandlung vielleicht wiederherzustellen sein. Seine Phantasie wurde zwar noch immer von einer einzigen Vorstellung tyrannisch beherrscht; aber sie nahm unvermerkt einen weniger unordentlichen gang, und bestrebte sich eine Art von scheinbarem Zusammenhang in ihre Fieberträume zu bringen. Das gewöhnlichste war jetzt, dass er die Bildsäule, die all diess Unheil angerichtet hatte, mit einer wirklichen person verwechselte, und in den hellern Augenblicken, die jetzt öfter als sonst kamen und länger dauerten, sich fest in den Kopf setzte, seine Geliebte sei ihm von einem feindseligen Dämon oder boshaften Zauberer geraubt, und durch magische Künste in ein Marmorbild verwandelt worden. Auf diesen Wahn hatte nun Praxagoras, nachdem einige andere Versuche, denselben zum Vorteil des Kranken zu benutzen, fehlgeschlagen, zuletzt den Plan gebaut, bei dessen Ausführung ich Unschuldige (wie es scheint) die Hauptrolle spielen sollte. Er wusste unvermerkt die Einbildung in ihm zu erwecken, es lebe auf einer unbewohnten Insel des Griechischen Meeres eine mächtige und wohltätige Nymphe und Zaubrerin, durch deren Beistand er wieder zum Besitz seiner Geliebten gelangen könne. In dieser Hoffnung hatte sich der arme Chariton ziemlich ruhig zu Schiffe bringen lassen; während der ganzen Reise war er meistens still und in sich selbst gekehrt geblieben, und nun, da er in dem Palast der magischen Nymphe angekommen zu sein glaubte, schien er mit Ungeduld und argwöhnischem Misstrauen, welche alle Augenblicke einen stürmischen Ausbruch besorgen liessen, des Erfolgs, worauf man ihn vertröstet hatte, gewärtig zu sein.
Praxagoras beschloss seine Erzählung mit der nochmaligen Erklärung: dass sie alles, was in diesem so weit ausser dem gewöhnlichen Wege liegenden Vorfall zu tun sein möchte, meiner Weisheit und Grossmut unbedingt überliessen. Die Weisheit war hier zu viel, wirst du denken; wenigstens musste ich mich durch ein so feines Compliment aufgefordert fühlen, diese Weisheit nun auch zu behaupten, die man mir so uneigennützig geliehen hatte. Ich antwortete also nach einer kleinen Pause: wiewohl weder ich, noch mein Bild, noch der Bildhauer Skopas, von irgend einem Gerichtshof