seiner Zeit die schöne Aspasia von sich gestossen hätte, wenn sie Lais für ihn hätte sein wollen. Dass er sich übrigens im Notfall an seine Xantippe hielt, war eine löbliche, wiewohl, ihrer sauren Laune ungeachtet, eben nicht sehr verdienstliche Genügsamkeit; denn Xantippe war weder eine hässliche noch bösartige Frau. – Sokrates zog, weil er ein sehr starker Mann war, die mühsamern und heftigern Leibesübungen den sanftern und ruhigern vor: bei mir ist's gerade umgekehrt. – Bei ihm war der Weltbürger dem Bürger von Aten untergeordnet, bei Mir der Bürger von Cyrene dem Weltbürger: wäre Cyrene seine Vaterstadt gewesen, Aten die meinige, so würde vermutlich das Gegenteil stattgefunden haben.
Ohne diese Parallele noch weiter zu verfolgen, will ich dir lieber geradezu sagen, was ich mit diesem ganzen Prolog haben will: nämlich nichts weiter als dich zu verständigen, warum und wie fern meine Philosophie weder mehr noch weniger die Sokratische ist, als ich selbst – Sokrates bin. Auch meinte es Sokrates nie anders. Er verlangte keinen Nachtreter und Nachsprecher. Er teilte uns und jedem der ihn hören mochte, unverhohlen mit, was er für wahr und recht, gut und anständig hielt, und wenn er jemanden belehren wollte, stellte er es immer so an, dass der Hörende das, was sie mit einander suchten, selbst gefunden zu haben glaubte. Oft war das was er gab nicht sowohl Lehre als guter Rat, der, zu einer allgemeinen Maxime gemacht, vielleicht viele Ausnahmen zuliess oder sogar erforderte. Kurz, er überliess es dem guten Verstand seiner Gesellschafter, wie viel oder wenig sie von dem Gehörten brauchen könnten oder wollten, und verlangte weder Pytagoräischen Glauben an seine Aussprüche, noch blinde sklavische Befolgung seiner Vorschriften. In dieser Rücksicht verdenke ich es dem Plato eben so wenig, dass er in so vielen Stükken von Sokrates abweicht, als ich selbst Tadel zu verdienen glaube, dass meine Philosophie, wiewohl sie sehr leicht und ungezwungen mit der Sokratischen in Harmonie gesetzt werden kann, dennoch nicht eben dieselbe mit ihr ist. Was ich an Plato tadle ist, dass er den entschiedenen Feind aller Meteoroleschie107 in vielen, wo nicht in den meisten seiner Dialogen die Rolle eines wahren Aristophanischen Phrontisten spielen lässt, und dass es immer der unschuldige Sokrates ist, den er vor den Riss stellt, und, weil er nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann, für Dinge verantwortlich macht, die er nie gesagt haben würde, und welche Plato selbst in eigener person zu sagen vielleicht Bedenken trüge.
Ich glaube mich hiermit deutlich genug erklärt zu haben, Freund Hippias, in welchem Sinn ich ein Sokratiker zu sein und zu heissen wünsche. Uebrigens kennst du die Welt zu gut, um dich zu verwundern, dass der Name und die Philosophie des in seinem Leben wenig geachteten und von den Meisten falsch beurteilten Sokrates seit seinem Tod, und selbst durch die Art seines Todes, vielleicht auch durch das erst nachher bekannter gewordene Orakel des Delphischen Gottes, den Griechen so ehrwürdig geworden ist, dass viele von keiner andern Philosophie als der Sokratischen hören wollen. Da ich nun, ich weiss selbst nicht wie, in den Ruf gekommen bin, dass sie von mir ächter und reiner zu erlernen sei als von Plato oder Antistenes, so ist es schon mehr als Einmal begegnet, dass geschlossene Gesellschaften von entusiastischen Verehrern des "weisesten aller Menschen" das Ansinnen, ihnen nicht meine eigene, sondern seine Philosophie in ihrer ganzen Lauterkeit vorzutragen, so ernstlich an mich gelangen liessen, dass ich mich nicht entbrechen konnte, ihr Verlangen zu befriedigen. Wenn dir also etwa zu Ohren kommt, dass Aristipp sich seinen Unterricht sehr teuer bezahlen lasse, so wisse, dass diess bloss von diesen Vorträgen der Philosophie des Sokrates (die ich desswegen in ein zusammenhangendes System zu bringen genötigt war) zu verstehen ist. Denn ich glaube einen Unterricht dieser Art, wobei ich mich gewissermassen als einen bloss mechanischen Arbeiter gebrauchen und zum blossen Sprachwerkzeug eines andern machen lassen muss, mit Fug und Recht eben so gut zu Geld anschlagen zu können, als ein Steinhauer, der den Marmor zu einem Tempel oder Säulengang nach einem gegebenen Mass und Modell zu bearbeiten und zusammenzufügen übernommen hat, seine Zeit und Arbeit. Alles diess, lieber Hippias, hielt ich für dienlich, dir über meinen Sokratism etwas ausführlich zu sagen, weil es ein für allemal gesagt sein soll.
Dass du, mit aller deiner Dankbarkeit für das heilsame lachen, so dir Plato durch seinen grösseren Hippias zubereitet hat, diesem Göttersohn nicht allzu hold bist, finde ich sehr natürlich. Insofern es für einen Trost gehalten wird, gefährten im Leiden zu haben, lass es dir – in Augenblicken, wo es dir etwa nicht so ganz lustig däuchten möchte, von einem hochangesehenen und weitberühmten mann allen Griechen der gegenwärtigen und künftigen Zeit als ein einfältiger Strohkopf vorgeführt zu werden – zu einigem Troste dienen, dass der tapfre, weise und weltberühmte Befehlshaber und Geschichtschreiber des Rückzugs der zehntausend Griechen in seinen Sokratischen Denkwürdigkeiten mit deinem Freund Aristipp nicht glimpflicher zu Werke geht. Das Beste ist, dass beide bei denen, die dich und mich persönlich kennen, schwerlich in den Ruf grosser Portraitmaler kommen werden.
Das zweideutige Mährchen von der hohen Abkunft des Sohnes der edlen Periktione geht wirklich schon seit einiger Zeit unter seinen Verehrern herum, so wie unter den Atenern überhaupt ein heimliches Gemurmel, es dürfte ihm schwer fallen, zu beweisen, dass er der Sohn eines Attischen Bürgers sei. Welches von