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ich ihn öfters in seiner eigenen genialischen Manier behaupten hörte, "Weisheit und Tugend könnten nicht auf die Art, wie man sich's gewöhnlich vorstelle, gelehrt," d.i. nicht in unsre Seelen hineingeschoben werden, wie man Brod in den Backofen schiebt. Zuweilen sprach er, als betrachte er sich wie einen Gärtner, dessen Geschäft es ist, nützliche Pflanzen und Gewächse zu ziehen und zu warten. Alles was der Gärtner vermag (sagte er) besteht darin, dass er guten Samen in ein wohlzubereitetes Land lege, und die junge Pflanze, wenn sie aufgegangen ist, vor Frost und schädlichen Winden sichere, vor aller Verletzung bewahre, und, so weit es in seiner Macht steht, dafür sorge, dass sie nicht zu viel noch zu wenig Sonne bekomme, nicht zu viel noch zu wenig genährt werde u.s.f. Aber eine schlechte Gattung in eine edle zu verwandeln, oder einer schwachen kränkelnden Pflanze das fröhliche Wachstum einer gesunden und starken zu geben, steht nicht bei ihm; und wenn er sein Möglichstes getan hat, kann er doch nicht verhindern, dass ein einziger unerwarteter Nachtfrost oder irgend ein anderer Zufall aller seiner sorge und Pflege spottet. – Am meisten liebte er das Bild einer Geburtshelferin, und verglich sich mit seiner Mutter, die, wiewohl sie für eine grosse Meisterin in ihrer Kunst galt, ein ungestaltes Kind in kein wohlgebildetes verwandeln konnte, sondern zufrieden sein musste, wenn sie, was nun einmal da war, glücklich zur Welt gebracht hatte. Sokrates hat in diesem Sinne Kindern von sehr ungleicher Art ins Leben geholfen. Aber um diejenigen, die ihm täglich und mehrere Jahre zur Seite waren, machte er sich auch das Verdienst eines Pädagogen; und, wie die Erfahrung lehrt, dass Knaben sich, ohne es zu wollen oder zu merken, immer nach ihrem Erzieher bilden, und mehr oder weniger seine Weise sich zu gebärden, zu reden, zu gehen, den Kopf zu tragen u.s.w. annehmen: so findet sich auch, dass keiner von den Zöglingen des Sokrates ist, an dem man nicht diese oder jene Züge von ihm gewahr würde, so dasswie man von Zeuxis sagt, er habe aus fünf der schönsten Agrigentischen Mädchen seine berühmte Helena zusammengesetztaus fünf oder sechs von uns ein ganz leidlicher Sokrates zusammengesetzt werden könnte. So hat z.B. Plato sich seiner Ironie und eigenen feinen Manier zu scherzen, Xenophon seiner Grundbegriffe, Maximen und Ideale in Sittenlehre und Staatskunst, und seines Glaubens an Orakel, Träume und Opferlebern, Antistenes seiner Geringschätzung aller Gemächlichkeiten und künstlichen Wollüste der Reichen, Cebes von Teben seines Talents die Philosophie in Fabeln und Allegorien einzukleiden, bemächtigt. Mir ist also kaum etwas andres übrig geblieben als seine Anspruchlosigkeit, sein Widerwille gegen alles Geschminkte und Unnatürliche, gegen Aufgeblasenheit, Eigendünkel und ungebührliche Anmassungen, seine Geringschätzung aller spitzfindigen, im Leben unbrauchbaren und bloss zum Gepräng und zum Disputiren dienlichen Speculationen, seine Manier bei Erörterung problematischer fragen immer zuerst auf das, was uns die Erfahrung davon sagt, Acht zu geben, nach der Entstehungsweise der Begriffe, in welche das Problem zerfällt, zu forschen, und überhaupt beim Suchen der Wahrheit immer vorauszusetzen, dass sie uns ganz nahe liege, und meistens nur durch den Wahn, dass man sie weit und mühsam suchen müsse, verfehlt werde, – und was sonst in dieses Fach gehört. In allem diesem, und (wenn ich mir nicht zu viel schmeichle) noch in manchen andern Stücken, finde ich mich ihm so ähnlich, dass ich mir zuweilen einbilde, ich würde, wofern ich in der siebenundsiebzigsten Olympiade in seinen Umständen auf die Welt gekommen wäre, Sokrates, oder er, vierzig Jahre später in den meinigen geboren, Aristipp gewesen sein. Auf diese Weise erkläre ich mir das Verschiedene in den Aehnlichkeiten, die ich mit ihm habe. Er kleidete sich z.B. schlecht, weil er arm war und sich dessen nicht schämte; aber er liebte die Reinlichkeit: wäre er reicher gewesen, würde er sich vermutlich nicht schlechter gekleidet haben als ich; so wie ich mich nicht geringer dünkte, als ich im ersten Jahre meines Aufentalts zu Aten in einem groben wollenen Tribonion unbeschuht hinter ihm hertrabte. – Seine Mahlzeit kostete selten mehr als drei bis vier Obolen; indessen schlug er nicht leicht eine Einladung zu den prächtigsten Gastmählern aus, wenn er gewiss war gute Gesellschaft anzutreffen; wär' er reicher gewesen, so hätt' er vermutlich, wie ich, lieber andere eingeladen, als sich einladen lassen. Er kaufte weder Bildsäulen noch Gemälde, weil er kein Geld zu solchen Ausgaben hatte; aber er liebte darum die Kunst nicht weniger, und wusste die Werke der grossen Meister sehr wohl zu würdigen: ich habe mir, weil mir das Glück besser wollte als ihm, eine feine Sammlung auserlesener Malereien angeschafft, und bin darum kein grösserer Kenner. – Er trank gewöhnlich wasser, konnte aber, wenn's darauf angelegt war, den stärksten Weinschläuchen die Stirne bieten, und streckte sie alle zu Boden, ohne dass man eine merkliche Veränderung an ihm spürte: ich trinke gewöhnlich Wein, und den besten der zu haben ist; aber sehr mässig, weil ich viel nicht vertragen kann. – Ich liebe schöne Weiber ungefähr wie er schöne Knaben liebte, ohne dass Platons Eros Pandemos106 jemals mehr Gewalt über mich gehabt hätte als über ihn: ich zweifle aber sehr, dass er zu