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haben, dass er auf einem kürzern Wege zum Ziele kommen könne. Aber nun ist ihm diese Metode so sehr zur Gewohnheit geworden, dass er sie auch bei solchen Personen gebraucht, bei denen sie keine gute wirkung tut. Ich wenigstens bekenne, dass ich schon mehr als einmal alle meine Geduld aufbieten musste, um die Ehrerbietung nicht aus den Augen zu setzen, die jedermann, und ein junger Mensch mehr als irgend ein anderer, einem Greise schuldig ist, der an Naturgaben und Geisteskräften den Besten gleich ist, an sittlicher Vollkommenheit vielleicht alle übertrifft; und, da ein Sterblicher doch nicht ganz ohne Tadel sein kann, sich durch die wenigsten und unbedeutendsten Schwachheiten von dem allgemeinen Loose der Menschheit, so zu sagen, frei gekauft hat.

Die neuesten Nachrichten, die mir aus Cyrene zugekommen sind, lassen mich besorgen, dass die zeiterige Ruhe unsers so glücklich scheinenden Vaterlandes von keiner langen Dauer mehr sein werde. Doch vielleicht gibt irgend ein guter Dämon unsern Regenten noch ein Mittel ein, das Ungewitter vor dem Ausbruch zu beschwören. Auf alle Fälle, mein Lieber, suche dich so lang' als möglich frei zu erhalten; und siehst du dass die Sachen eine Wendung nehmen, die dich entweder unvermerkt verwickeln oder wohl gar gewaltsam in eine der Factionen, die sich bereits zu bilden scheinen, hinein ziehen möchte, so folge meinem Beispiel, und flüchte dich in zeiten unter den zwar etwas engen aber sichern Mantel des weisen Sokrates. Das politische Meer, worin die griechischen Republiken, wie eben so viele schwimmende Inseln, hin und her treiben, ist zwar immer ein wenig stürmisch; aber in Vergleichung mit den letzteren zeiten, geniessen wir dermalen halcyonischer Tage, und für einen aufstrebenden Zögling der Musenkünste ist doch Aten der einzige Ort in der Welt.

9.

An Kleonidas.

Der Komödiendichter, nach welchem du dich so angelegen erkundigest, lieber Kleonidas, ist hier eine so allgemein bekannte person, dass es mir nicht schwer fallen kann, dein Verlangen zu befriedigen, zumal da ich (wie du mit Recht voraussetzest) Gelegenheiten genug gefunden habe, öfters in seiner Gesellschaft zu sein, und sogar in eine Art von Vertraulichkeit mit ihm zu kommen. Ungeachtet er eine gewisse sehr gut zu seiner satyrischen Physionomie passende Ernstaftigkeit affectiert, wovon sich der Beweggrund leicht erraten lässt, wird er doch, der witzigen Einfälle wegen, die ihm ohne Anspruch und Absicht gleichsam unfreiwillig zu entwischen scheinen, für einen der angenehmsten Tischgesellschafter (einer in Aten sehr zahlreichen klasse) gehalten, und man findet ihn gewöhnlich bei allen grossen Gastmählern, die in vornehmern Häusern gegeben werden. Da er sich den Freunden des Sokrates durch seine Wolken58 (die sie ihm nach mehr als zwanzig Jahren noch immer nicht vergessen haben) sehr übel empfohlen hat, so wird mir's nicht zum Besten ausgelegt, dass ich kein Bedenken trage, mit einem so verworfenen Menschen umzugehen. Aber Sokrates selbst scheint davon keine Kenntniss zu nehmen, und spricht überhaupt weder Gutes noch Böses von ihm; wiewohl er, so oft sich eine gelegenheit dazu findet, seine Geringschätzung der Komödie, wie sie ehmals zu Aten beschaffen war und es zum teil noch jetzt ist, mit seiner gewohnten Freimütigkeit zu Tage legt. Nicht als ob er das komische Drama überhaupt missbilligte; denn ich hörte ihn einst von den Komödien des Epicharmus59 mit achtung sprechen; sondern weil er den gränzenlosen Mutwillen, die leidenschaftlichen Anfälle auf einzelne Personen, und die pöbelhaften Spässe, Unflätereien und unzüchtigen Darstellungen, womit die Stükke der neuern Atenischen Komiker besudelt sind, vermöge seiner Grundsätze und seines ganzen Charakters, unmöglich duldbar finden kann. Nichts ist gewisser, als dass diese Art von Komödie, worin Kratinus60, Aristophanes und Eupolis mit einander wetteiferten, schon lange auf immer abgeschafft worden wäre, wenn Sokrates eine entscheidende stimme in Aten gehabt hätte: aber ohne allen Grund ist, was ich in Cyrene von einem unsrer gereisten Leute (die alles besser als andre wissen wollen) gehört habe: Sokrates und seine Freunde hätten das Gesetz bewirkt, wodurch unter dem Archon Myrrhichides die Komödie aufgehoben wurde, und dieser an der komischen Muse begangene Frevel sei die wahre Ursache des Hasses, den die Komödienschreiber auf den Sokrates geworfen, und der Rache, welche Aristophanes, im Namen der ganzen Gilde, an ihrem gemeinschaftlichen Feinde genommen habe. Ich sage, dieses Vorgeben ist ohne allen Grund; denn der Sohn des Sophroniskus, der im ersten Jahre der fünfundachtzigsten Olympiade, als jenes Gesetz gegeben wurde, erst achtundzwanzig Jahre zählte, war damals noch ein unbekannter Steinmetz, und weit entfernt unter den Sophisten selbiger Zeit einen Namen und Rang zu haben. Das Wahre ist, dass Perikles selbst der unsichtbare Urheber jenes Gesetzes war, aber es doch mit allem seinem Einfluss nicht länger als zwei Jahre aufrecht erhalten konnte, weil der pöbelhafte teil des souveränen volkes sich eine seiner liebsten Belustigungen schlechterdings nicht länger vorentalten lassen wollte.

Es wird dir vielleicht nicht unangenehm sein, bei dieser gelegenheit die Substanz einer Unterredung zu lesen, die zwischen Aristophanes und mir, nachdem wir bekannter mit einander geworden waren, vorfiel. Denn ich darf nicht vergessen, dir zu sagen, dass sein Satyr, ich weiss nicht warum, eine Art von Geschmack an meinemweissen oder schwarzen Genius gefunden, und (da wir beide so ziemlich unter der herrschaft unsrer angebornen Hauskobolde stehen) eine Art von gutem Vernehmen zwischen uns gestiftet hat, welches ich mir gleichwohl in meinen Verhältnissen weit weniger zu Nutze machen kann, als ich tun