hat, dass sie den König Artaxerxes, von welchem sie mit so grossen Beweisen seines Wohlwollens und Vertrauens überhäuft worden, und dem sie es allein zu danken haben, dass sie wieder etwas unter den Griechen bedeuten, sich mit aller Gewalt zum Feinde machen wollen? Zwar an dem Atenischen volk wird mich keine Torheit, wie ungeheuer sie auch sein mag, jemals in Verwunderung setzen: aber wie Konon von seinem Glücke so sehr berauscht werden konnte, dass er sein eigenes Werk, die Frucht so vieler Gefahren und arbeiten, mit eigenen Händen wieder vernichtet, das geht über meinen Begriff. Kannst du dir vorstellen, wie dieser um Aten so sehr verdiente Mann übermütig und unklug genug sein kann, das Vertrauen des Königs und des Satrapen Pharnabazus so unverschämt zu betrügen, dass er die Persische Kriegsflotte, die ihm zu gewissen Unternehmungen gegen Sparta untergeben worden war, dazu missbraucht, die unter Persischer Oberherrschaft stehenden Ionischen Inseln und Städte, eine nach der andern, entweder geradezu den Atenern zu unterwerfen, oder zum Abfall zu reizen und in ein allgemeines Bündniss gegen den König zu verstricken? Dass es ihm auch bei den Milesiern gelingen werde, zweifle ich indessen sehr. Es fehlt zwar auch hier nicht an unruhigen und regiersüchtigen Köpfen, die durch Ergreifung der Atenischen Partei zu gewinnen und den Pöbel auf ihre Seite zu ziehen hoffen, indem sie ihm die unermesslichen Vorteile der Demokratie vorspiegeln, und ihm weiss machen wollen, die vereinigte Macht von Aten und Milet allein sei mehr als hinlänglich, dem grossen König die Unabhänglichkeit des Griechischen Asiens abzutrotzen. Aber die edlen und reichen Häuser, und überhaupt alle zum Handelsstande gehörigen Bürger befinden sich bei der gegenwärtigen Verfassung, unter der gelinden Persischen Regierung (die ihnen die wesentlichsten Vorteile der Freiheit willig zugesteht) viel zu wohl, und sind durch ehmalige Erfahrungen zu sehr gewitziget, um solchen Lockungen Gehör zu geben. Inzwischen werden die Lacedämonier, die den Kechenäern von jeher an Staatsklugheit und Consequenz in ihren Massregeln unendlich überlegen waren, sich den Unverstand der letzteren bald genug beim Könige zu Nutze machen, und wir werden unversehens das Vergnügen haben, die luftigen Schwindler von ihrer Höhe eben so geschwinde wieder herabstürzen zu sehen, als sie sich in ihrer voreiligen Einbildung, die der Realität immer tausend Parasangen zuvorläuft, emporgeschwungen hatten. Antalcidas105, einer der geschicktesten Staatsmänner und feinsten Unterhändler, welche Sparta besitzt, ist zu diesem Ende bereits an das königliche Hoflager abgegangen, und der Erfolg seiner Sendung kann um so weniger zweifelhaft sein, da die Atener selbst ihm die stärksten Waffen gegen sich von freien Stücken in die hände spielen, und ihr Möglichstes tun, dem so gröblich getäuschten Artaxerxes die Augen zu öffnen. Der grosse und entscheidende Vorteil, den das Aristokratische Sparta über die Atenische Demokratie immer behaupten wird, liegt darin: dass die gränzenlose Eitelkeit der letzteren ihre Vergrösserungs-Projecte immer über alle Möglichkeit hinaustreibt, nichts berechnet, nichts vorhersieht, und sich ruhig auf das alte Orakel verlässt, dass die Götter ihre dummen Streiche immer wieder gut machen werden; da hingegen die wohlberechnete Staatsklugheit der erstern sich auf die Oberstelle unter den Griechischen Republiken einschränkt, und noch nie über diesen höchsten Punkt ihrer Ambition hinauszugehen begehrt hat. Diese Mässigung wird den Persischen Hof, der die Griechen auf seine Kosten endlich kennen gelernt haben muss, notwendig auf den Gedanken bringen, sein eigenes Interesse erfordere, mit den Spartanern Friede zu machen, und die unzuverlässigen Atener, ohne darum ihre gänzliche Unterdrückung zuzugeben, sich selbst und ihrem Schicksal zu überlassen. Durch diese einzige Massregel wird er es stets in seiner Gewalt haben, die Griechen in immerwährender innerlicher Gährung zu erhalten, und, ohne sehr grossen Aufwand, durch seinen politischen Einfluss gerade so viel Gleichgewicht unter diese rastlos hin und her schwankenden Freistaaten zu bringen, als für das Interesse des Persischen Reichs und die allgemeine Ruhe der Welt nötig ist. Denn es ist kaum möglich, dass das ewige Tema eurer Redekünstler, der Isokrates, Lysias, u.s.w. "Eintracht unter allen Griechen zu Vereinigung ihrer Kräfte gegen den gemeinschaftlichen Feind in Asien," nicht endlich zu den Ohren des Königs kommen, und ihn überzeugen sollte, dass die Begünstigung des Spartanischen Systems das sicherste Mittel sei, einer so gefährlichen Coalition zuvorzukommen.
Wundre dich nicht, Aristipp, wie ich mit meiner oben angerühmten sorglosen Denkart und Lebensweise dazu komme, dich so unversehens mit einer so reichlichen politischen Ergiessung zu beträufen. Seit etlichen Wochen hört man hier nichts anders. Alles was in der weitesten Bedeutung zur guten Gesellschaft gehört (die zahlreiche Innung der Hetären mitgerechnet) spricht Politik und ist Spartanisch gesinnt; und dass ich selbst, trotz meiner Weltbürgerschaft und Kaltblütigkeit, diese Partei ergriffen habe, wird dich, wenn ich auch den Nephelokokkygiern weniger abhold wäre als ich es immer war, mein alter Hass gegen die Ochlokratie nicht bezweifeln lassen.
29.
Aristipp an Hippias.
Ich werde es immer unter die glücklichsten Ereignisse meines Lebens zählen, dass ich den Sokrates gekannt, und während der drei bis vier Jahre, da ich freien Zutritt bei ihm hatte, seines Umgangs beinahe täglich genossen habe. Wie wenig auch das, was ich von ihm lernen konnte, in anderer Augen sein mag, nach meiner Schätzung und für meinen eigenen Gebrauch ist es sehr viel, und mehr als genug um mir ein Recht auf den Namen eines Sokratikers zu geben, auf den ich stolz bin, und den ich nicht unwürdig zu führen hoffe.
Es war eine von den Meinungen des Sokrates, die