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in ganz Aten herum, und wurde von vielen auf meine Rechnung gesetzt; aber Jedem das Seine! Du siehst dass Antipater nicht vergeblich so viel um den Spötter Diogenes ist.

Aus deinen Nachrichten von dem dermaligen Zustand unsrer Vaterstadt sehe ich, dass ein Mann, der unter glücklichen Menschen glücklich leben will, er sei auch zu haus wo er wolle, nach Cyrene ziehen muss. Und ichbin ein geborner Cyrener, habe alles was mir das Liebste ist in Cyrene, und lebe zu Aten! – Nur noch ein Jahr, Kleonidas, ein einziges Jahr längstens, trage Nachsicht mit meiner Torheitwenn ich mich wieder von diesem verführerischen Aten scheide, so ist's auf immer!

28.

Hippias an Aristipp.

Ich höre mit vielem Vergnügen, Freund Aristipp, dass du dich wieder in Aten befindest, und eine Art von Schule eröffnet hast, worin du der Hellenischen Jugend die Philosophie des guten Sokrates, nach deiner eigenen Weise mit Geschmack zubereitet, und mit einigen feinen Schüsseln vermehrt, wieder aufzutischen beflissen bist. Während zwei seiner vornehmsten Anhänger, der eine die Philosophie, welche sein Meister aus den meteorischen Höhen der Ionischen Schule herabzusteigen genötigt, und unter den Menschen lebend mit ihren Angelegenheiten sich zu beschäftigen gewöhnt hatte, nicht nur in den Himmel zurückführt, sondern sogar in überhimmlischen Gegenden, wovon sich bisher noch niemand etwas träumen liess, umherschwärmen und von den unaussprechlichenUndingen, die sie da gesehen und gehört haben will (unverständlich genug), reden lässt; der andere hingegen, aus Missverstand der Lehren und mit Uebertreibung des Beispiels seines Meisters, das von diesem veredelte menschliche Leben, in der Meinung es zur natur zurückzuführen, dem tierischen wieder so nah' als möglich zu bringen suchtist es löblich von dir, dass du ihr mit ihrer vorigen Popularität auch die Würde, die ihr Sokrates gab, wieder zu verschaffen beflissen bist. Ich bin gewiss, von den Grazien der schönen Lais ausgeschmückt, und mit der Peito97, die dir immer hold war, auf den Lippen, kann es ihr an Liebhabern nicht fehlen, und es wird nur auf dich ankommen, der erste und einzige unter den Sokratikern zu sein, der sich durch ihre Vermittelung auch den Plutus98 günstig zu machen weiss.

Was mich betrifft, lieber Aristipp, ich habe nun unvermerkt die Jahre erreicht, wo es nicht mehr der Mühe wert ist, etwas anders zu tun, als sich an den Torheiten der Sterblichen zu belustigen, und von einem Tage zum andern so sorgenfrei und angenehm zu leben, als es uns die Götter noch gönnen wollen. Wie Solon in einem ungleich höhern Alter als das meinige,

Lieb' ich die Gaben der Cyprogeneia, des Bacchus, der

Musen,

völlig, wie er, überzeugt,

Alle Freuden der Welt kommen von ihnen allein.99

Das schöne, volkreiche, so glücklich zum Seehandel gelegene und durch ihn mit allen Schätzen der natur und Kunst bereicherte Milet ist (wie du aus eigener Erfahrung wissen musst) ausser allen diesen Vorteilen, noch besonders durch den geselligen Charakter seiner Einwohner und die Schönheit seiner Weiber, vor vielen andern Orten der Welt, einer solchen Lebensweise günstig; vorausgesetzt (versteht sich) dass man mit dem unentbehrlichsten aller Dinge, wofür die andern alle zu haben sind, hinlänglich versehen sein muss.

Wie ich höre gibt der grosse Aërobat100 Plato den Atenern und ihren Nachbarn mächtig viel von sich zu reden, und publicirt eine Menge philosophischer Possenspielchen, worin er den ehrlichen Sokrates (der jetzt alles ungestraft aus sich machen lassen muss, wozu man ihn brauchbar findet) bald mit diesem bald mit jenem unsrer ehmaligen Sophisten in eine possierliche Art von dialektischen Zweikämpfen zusammen hetzt. Denn, damit sein Sokrates immer Recht behalte, oder doch wenigstens die Lacher auf seine Seite bekomme, begabt er ihn über seine gewohnte Ironie und die ihm eigene Art seine Gegner zu überraschen und in Verlegenheit zu setzen, noch mit aller nur ersinnlichen eristischen Spitzfindigkeit und Gewandteit, die armen Schelme von Antagonisten hingegen mit einem so erbärmlichen Grade von Geistesschwäche und treuherziger Dummheit, dass sie immer ihr Aeusserstes tun, um jenem den Sieg recht leicht zu machen, und, weit entfernt zu merken dass er ihrer spotte, durch Paarung der lächerlichsten Aufblähung mit der schülerhaftesten Unwissenheit und dem blödsinnigsten Unverstand, ihm eine gelegenheit nach der andern geben, sie mit der schmählichsten Art von Urbanität zum Besten zu haben. Auch mir Unwürdigen hat er zweimal diese Ehre erwiesen; vermutlich weil er nicht weiss, dass ich allein die toten Löwen Protagoras, Prodikus, Gorgias u.s.f. mit welchen es ihm jetzt so leicht wird den Hercules zu spielen, überlebt habe.101 Aber auch vor meiner Rache kann er sicher sein; denn ich bin ihm zu viel Dank für die gute Digestion schuldig, die mir sein Hippias der Grössere gestern Abends nach einem grossen Gastmahle verschafft hat. In meinem Leben hab' ich nicht so viel gelacht, wie über die Rolle, die er mich in diesem schnakischen Ding von einer dialektischen Schulübung spielen lässt. Man sollte denken, er habe die Wolken des Aristophanes zum Muster genommen, wie man es anfangen müsse, um ein ordentliches Menschengesicht zu einer fratzenhaften Larve zu verzerren. Das Lustigste ist indessen, dass der Leser immer im Zweifel bleibt, wen der philosophirende Spassvogel eigentlich am lächerlichsten habe machen wollen: ob den guten Sokrates, der hier als das Ideal eines naseweisen Attischen Spitzkopfs erscheint, und meinen blödsinnigen Repräsentanten (den er bloss einem