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hättest du doch in dieser einzigen Stunde, die du für verloren hältst, viel gewonnen, wenn du dir merktest, was sie dich gelehrt hat. –

"Und was wäre das?"

Dass es Dinge gibt, von denen ein vernünftiger Mensch nicht mehr wissen wollen muss, als jedermann davon weiss. Dass z.B. Etwas nichtNichts, und Eins nichtZwei ist, sind Wahrheiten, woran niemand zweifelt: aber Plato wollte auch begreiflich machen, wie und warum es so sei, und verwickelte darüber sich selbst und seine Zuhörer in so undenkbare Sophistereien und Widersprüche, dass du am Ende ungewiss wurdest, ob du selbst Etwas oder Nichts seiest.

"Das ist eben, was mich toll machte. Höre nur an. – Viele können nicht sein, wenn nicht Eins ist; denn Viele sind weiter nichts als Eins vielmal genommen. Nun kann aber Eins nicht Eins sein; denn ein anders ist sein, ein anders, Eins. Sobald also Eins existirte, so wär' es notwendig mehr als Eins, nämlich das Eins an sich selbst, und das existirende Eins; Eins wäre also Zwei; da aber Zwei nicht Eins sein kann, weil es dann nicht Zwei wäre, so gibt es weder Eins noch Zwei, folglich auch nicht Viele, folglich gar Nichts. – Ist es erlaubt, solch unsinniges Zeug für Philosophie zu geben, wenn man's auch umsonst gibt?"

Nimm es, wie gesagt, beim rechten Ende, so wird es dich klug machen. Wer weiss ob Plato mit seinem Parmenides etwas anders wollte?

"Wenn das sein Zweck war, so danke ich für das Mittel! Was würde man von einem Menschen sagen, der ein paar Duzend arme Kinder stundenlang mit Versuchen auf dem kopf zu gehen quälte, bloss um sie zu überzeugen, dass sie nicht auf dem kopf gehen müssten?" –

Was konnte' ich dem jungen mann antworten, Kleonidas?

Da ich doch einmal auf diesem Kapitel bin, so habe die Geduld, über mein verhältnis zu Plato, worüber meine Freunde sich, wie ich merke, ziemlich unnötige Sorgen machen, mein letztes Wort anzuhören.

Niemand kann geneigter sein als ich, diesem grossen Antagonisten und Nebenbuhler der Protagoras, Gorgias, Prodikus, Hippias, und wie sie weiter heissen, in allem was an ihm und seinen Werken als vortrefflich zu loben ist, die vollständigste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ob ich aber wirklich so gerecht gegen ihn sein kann, als ich zu sein wünsche, zweifle ich selbst. Wir sind zu verschiedene Naturen und sympatisiren zu wenig, um einander rein aufzufassen. Daher ist mir auch seine Meinung von mir sehr gleichgültig; vielleicht noch mehr als ihm die meinige. Er kann mir weder schaden noch nützen; denn ich werde nie weder sein Nebenbuhler noch sein Fackelträger sein. Der Weg, den ich gehe, liegt so weit von dem seinigen, dass wir schwerlich jemals in Zusammenstoss geraten können. Ruhm scheint alles zu sein was er sucht; ich suche nichts, als so gut durch die Welt zu kommen wie mir möglich ist, und wenn ich berühmt werden sollte, müsste dem Ruhm nur die Laune anwandeln, mich zu suchen; ich suche ihn gewisslich nie. Wie könnten wir also, Plato und ich, uns je im Wege stehen? Kurz, ich sehe so wenig Ursache, warum ich ihn lieben oder beneiden, als warum er mich hassen oder verachten sollte; warum sollten wir uns also nicht bei unsrer bisherigen Gewohnheit erhalten können, ich von ihm öffentlich immer mit der achtung, die man grossen Talenten schuldig ist, er von mirgar nicht mehr zu reden? – Indessen werde' ich mir doch gefallen lassen müssen, von den strengern Sokratikern überhauptzumal seitdem Xenophon in seinen Erinnerungen an Sokrates den Ton hierin angegeben hataus ihrer Gemeine ausgeschlossen, oder, da sie mich doch nicht ganz verwerfen können, wenigstens für einen unächten Sohn des Vaters, zu dem wir uns alle bekennen, erklärt zu werden. Sie machen mir, wie ich höre, mit vieler Bitterkeit zum Vorwurf, dass ich die keusche Philosophie des Sokrates auf eine zweifache Weise zur Hetäre herabwürdige: erstens, indem ich zu ihrem ersten Grundsatz mache, "die Wollust sei das höchste Gut des Menschen;" und zweitens, weil ich sie für baares Geld verkaufe. über den ersten Vorwurf, der sich vermutlich mehr auf meine von der ihrigen ziemlich stark abstechende Art zu leben, als auf die lächerliche Beschuldigung, dass ich die Wollust zum Princip meiner Philosophie mache, gründet, bedarf ich wohl keiner Rechtfertigung bei dir; über den zweiten hingegen glaube ich dir einige Erläuterung schuldig zu sein, und trage zu diesem Ende kein Bedenken, dir den ganzen Hergang, der den Anlass dazu gegeben, umständlich zu erzählen.

Die Entschliessung, deren ich ehemals gegen dich erwähnte, einen teil meiner Musse Jünglingen, die sich nach Sokratischer Weise zu mir halten wollten, zu widmen, fand, als ich sie eine Zeitlang in Ausübung gebracht hatte, vielen Beifall. Meine Art zu philosophiren schien mehrern, welche sich den Sokrates selbst öfters gehört zu haben erinnerten, der Sokratischen Deutlichkeit, Popularität und Anwendbarkeit im Leben ohne Vergleichung näher zu kommen als die Platonische, und ein gutes teil mehr von der Sokratischen Genialität und Anmut zu haben, als die herbe einseitige Manier des Antistenes. Indessen waren doch diejenigen, die sich am meisten an mich andrängten, grösstenteils Fremde,