, dass sie mitlachen können, und der Spötter ihnen hinwieder Blössen genug gibt, um ihn mit gleicher Münze zu bezahlen; so hat er sich dadurch bereits eine Art von Popularität erworben, die ihn wenigstens vor dem Mangel an Wolfsbohnen (seiner gewöhnlichen und beinahe einzigen Nahrung) sicher stellt. Aber die Philosophie des Schnappsacks verschafft ihm noch einen Vorteil, der nach seiner Schätzung alle andern überwiegt. Da er so unendlich wenig Ansprüche an die bürgerliche Gesellschaft macht, so glaubt er auch berechtigt zu sein, sich über alles, was im menschlichen Leben bloss von Uebereinkunft, Gewohnheit und Sitte abhängt, wegzusetzen, und im Notfall mitten auf dem Markte zu Aten alles, was nicht an sich unrecht ist, für eben so erlaubt zu halten, als in der tiefsten Schlucht des Pentelikus. Er achtet kein Vorurteil, spottet über den Zwang, den wir uns selbst durch eine unendliche Menge vermeinter Pflichten auflegen, wovon die natur nichts weiss, und die man übertreten kann, ohne darum ein schlimmerer Mensch zu sein; und hält sich daher durch die gesetz der Wohlanständigkeit und Urbanität so wenig gebunden, dass er vielmehr das grösste Vergnügen darin findet, sie alle Augenblicke zu übertreten, und den Leuten dadurch lächerlich und anstössig zu werden. Er hat sehr richtig geurteilt, dass diess alles zu der Rolle eines blossen Naturmenschen gehört, und dass er so ziemlich darauf rechnen kann, man werde die Billigkeit fühlen, an einen Menschen, der von andern nichts fordert, als dass sie ihn leben lassen, hinwieder keine Forderungen zu machen, wozu er als blosser Mensch nicht verpflichtet ist. Bei allem dem hat er doch zu viel Sinn, um in der Ausübung seiner Grundsätze so weit zu gehen, als sie ihn führen könnten. Er spricht freier als er handelt, ist besser und verständiger als er scheinen will; und wiewohl er eine eigene Freude daran hat, in den seltsamen Bockssprüngen, die er seinen Witz und seine Laune machen lässt, der Gränzlinie des Unanständigen öfters so nahe zu kommen, dass man alle Augenblicke befürchtet, er werde vollends über sie weggehen, so weiss er doch (zumal in guter Gesellschaft) den äussersten Punkt immer so genau zu treffen, dass man ihm wenigstens das Lob eines geschickten Luftspringers nicht versagen kann. Noch einer kleinen Tugend muss ich erwähnen, die an einem Philosophen dieses Schlages nicht ganz gleichgültig ist; nämlich dass er – das wasser nicht spart (welches zum Glück in und um Aten überall umsonst zu haben ist), und dass er daher im Punkt der Reinlichkeit von dem wasserscheuen Antistenes sehr stark zu seinem Vorteil absticht.
Ich habe mich etwas länger bei der Charakteristik dieses bis jetzt in seiner Art einzigen Sterblichen aufgehalten, damit dir begreiflicher werde, wie es zuging, dass Antipater an ihm und er hinwieder an Antipatern in kurzer Zeit so viel Geschmack finden konnte, dass jetzt keine Dekade vergeht, ohne dass sie einen gang bald in den Hafen, bald auf den Hymettus oder Pentelikus95, oder eine Schwimmpartie nach den kleinen Inseln Psyttalia und Atalanta, auch wohl bis nach Salamine, zusammen machen. Es gibt einen komischen Anblick, unsern jungen Landsmann, nach Cyrenischer Weise stattlich gekleidet, mit dem zottigen Barfüsser in seinem groben Tribonion, das ihm kaum über die Kniee reicht und seine ganze Draperie ausmacht, durch die Gassen und Hallen von Aten schlendern zu sehen, wo tausend gaffende Augen und klaffende Mäuler auf sie gerichtet sind, und oft ziemlich laut über das ungleichartige Paar scherzen, ohne dass Antipater die mindeste Kunde davon nimmt. Sein häufiger Umgang mit Diogenes hat ihn auch mit dem alten Antistenes in Bekanntschaft gesetzt, an dessen trivialem Menschenverstand er unendlich mehr Gefallen bezeigt, als an den sophistischen Spitzfindigkeiten, womit Plato seine Zuhörer so gern – zum Besten hat. Schliesse nicht etwa hieraus, dass ich deinen jungen Freund gegen den letzteren böslicherweise eingenommen habe. Die Sache machte sich von selbst. Denn zum Unglück musste sich's fügen, dass Plato, da der gute Antipater zum erstenmal in seine Schule kam, eben in der Vorlesung und Erklärung seines Parmenides96 begriffen war, worin er diesen Eleatischen Sophisten seinen berühmten Grundsatz: "Alles ist Eins, und Eins ist Alles," durch eine neunfache Reihe Argumentationen von der allersubtilsten Subtilität durchführen lässt. Der arme Antipater, dem so etwas nie gereicht worden war, horchte mit Augen, Mund und Ohren, und wäre beinahe erstickt, weil er, aus Furcht dass ihm ein Wort entgehen möchte, den Atem so lange bis er nicht mehr konnte an sich hielt. Da er aber in einer ganzen Stunde mit übernatürlicher Aufmerksamkeit und Anstrengung allem, was er gehört hatte, weder Sinn noch Geschmack abgewinnen konnte, und anstatt weiser als zuvor geworden zu sein, nichts als einen wüsten Kopf, worin sich alles mit ihm im Wirbel herumdrehte, davon trug, lief er, ohne den Schluss abzuwarten, zum Saal hinaus, und schwur bei allen zwölf himmlischen Göttern, seinen Fuss nie wieder über die Schwelle des Mannes zu setzen, welcher wissbegierigen Jünglingen solche Possen für Weisheit verkaufe. Da irrest du dich, Antipater, sagte ich: er gibt sie umsonst. – Desto schlimmer für seine Zuhörer, versetzte der junge Mensch; denn wenn er auch nur den Wert einer Drachme darauf legte, so würde er sich schämen, Spreu für Körner zu verkaufen. Ich muss eilends nach der nächsten Palästra laufen, um das tolle Zeug wieder aus dem leib zu schwitzen. – Das magst du immerhin, sagte ich: indessen