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. Er weilte noch einige Augenblicke bei dem tod des Sokrates, und sagte dann im Weggehen etwas feierlich: "es war ein Unglück für mich, Aristipp, dass ich unpässlich war; aber dass du nicht zu Aegina warst, magst du deinem Glücke danken." – Ich fürchte, er hat Recht.

Die Hoffnung mit Euphranor künftigen Sommer durch deine Vermittlung in ein näheres verhältnis zu kommen, hat nun einen ungleich grösseren Reiz für mich. Ich werde dir dafür, wenn du es erlaubst, in der person meines jungen Landsmannes Antipater, der sich seit einiger Zeit bei mir aufhält, einen Jüngling vorstellen, dessen gleichen man auch nicht alle Tage sieht.

27.

An Kleonidas.

Dein junger Freund Antipater hätte sich durch nichts einer bessern Aufnahme versichern können, als dass er mir einen so lange erharrten Brief von meinem Kleonidas überbrachte; wiewohl ich gestehe, dass er keiner andern Empfehlung bedarf, als sich bloss zu zeigen. Ich bin wirklich stolz darauf, einen so unverdorbenen, kraftvollen und vielversprechenden Sohn der natur, wie Antipater ist, als meinen Landsmann bei den Atenern aufzuführen. Wohl wird es ihm kommen, wenn er so fest und unreizbar ist, als sein ganzes Wesen ankündigt; denn ich sehe schon drei oder vier unsrer jungen mädchenhaften Batylle94 mit Rosen duftenden Locken, schmachtenden Augen und zarten lispelnden Stimmchen, die um ihn herumbuhlen, und alle ihre kleinen Hetärenkünste aufbieten, sich von ihm bemerken zu machen, und ihm zu zeigen, dass sie keine gefälligkeit zu gross finden würden, um sich eines Liebhabers von seinem Schlage zu versichern.

Ich habe meinem jungen Landsmann ein Zimmer in meinem haus (das gerade Raum genug für uns beide hat) angewiesen; er ist, so oft es ihm gefällt, mein Tischgenoss, und bedient sich meines Umgangs, ohne mir lästig zu sein, so viel als ihm gemütlich ist: diess ist aber auch alles, was ich (vor der Hand wenigstens) für ihn tun kann, und wirklich schon mehr als er vonnöten hat. Jünglinge wie er werden nicht gebildet, sondern bilden sich selbst, oder bringen vielmehr ihre schon vorausbestimmte Form mit sich auf die Welt; wie sie sind, sollen sie sein; was sie werden, sollen sie werden. Was eine Pflanze bedarf, um sich zu entwickeln, Freiheit, Licht und angemessene Nahrung, ist im Grund alles, was solche Menschen zu ihrem Wachstum und Gedeihen brauchen. Aten ist reich an merkwürdigen Menschen aller Arten, deren Vorzüge, Talente, Kenntnisse, Erfahrungen, Tugenden und Untugenden ein Jüngling wie Antipater benutzen kann: er mag sie selbst aufsuchen, und selbst wählen, zu wem er sich halten will. Zwar werde' ich ihn unvermerkt beobachten, und ihn warnen, sobald ich sehe, dass seine Unerfahrenheit irgend eine grosse Gefahr laufen könnte; aber mich nicht gleich für ihn ängstigen, wenn er auch dann und wann zu weit mit der Nase vorwärts kommt, oder einen Misstritt tut, der ihn künftig vorsichtiger zu sein lehrt. Selten oder nie werde' ich ihm mit meinem Rate zuvorkommen, niemals ihm von einer person, die er selbst sehen wird, voraus sagen, was ich von ihr halte: begehrt er aber von freien Stücken meine Meinung, worüber es sei, zu wissen, so werde' ich sie ihm frei und offen sagen. Verlangt er Unterricht über etwas, das ich besser weiss als er, so soll er ihn erhalten. Diess ist ungefähr die Art, wie ich mit ihm umgehe, bis wir uns näher kennen, und das wahre verhältnis seiner natur zu der meinigen sich so bestimmt ausgesprochen hat, dass wir beide genau wissen, wie wir gegen einander stehen, und was wir einander sein oder nicht sein können. An eigentliche Bildung ist (wie gesagt) bei einem Jüngling wie dieser nicht zu denken. Ja, so einen Onokradias, den Sohn Onolaus des Zweiten, des Enkels von Onomemnon, der ein Urenkel von Onocephalus dem Grossen war, so einen Heldensohn kann man bilden, und soll man bilden, so gut als es gehen will, denn er ist für sich selbst nichts; so einem soll man gesunde Begriffe, Grundsätze und Maximen in den Kopf, oder wenigstens ins Gedächtniss einsammeln, weil er sie ohne fremde hülfe nie bekommen würde. Wer nicht schon von blossem Zusehen gehen lernt, muss es in einem Gängelwagen oder am Führband lernen; wer blind ist, muss geführt werden; wer nicht denken kann, soll andern glauben; wer selbst kein Urteil hat, mag, wenn er nicht schweigen kann, verständigen Männern nachsprechen. So will es die natur; und so ist's recht. Aus einem Stück Sandstein, Marmor oder Lindenholz kann freilich ein Alkamen nach Gefallen einen Achilles oder Tersites herausmeisseln oder schnitzeln: aber aus seinem Sohn Lamprokles konnte Sokrates selbst keinen Xenophon, so wie aus seinem geliebten Alcibiades keinen Perikles bilden. – Doch, wozu das alles, was du so gut weisst als ich. Denn gewiss wolltest du mit der Bildung deines jungen Freundes, die du mir aufträgst, weder mehr noch weniger sagen, als was ich dir zu leisten versprach, und zu halten gedenkeund das ist genug.

Ohne Zweifel erinnerst du dich noch des alten Antistenes, den du in Aten kennen lerntest; desjenigen unter den vertrautern Freunden unsers Weisen, der ihm (seine fröhliche Laune und Urbanität und das feine Salz seiner Scherze ausgenommen) in Lehre und Leben am ähnlichsten wäre, wenn er nicht in