einem jüngern, einem Ausländer, und was noch das Schlimmste ist, einem der die Miene nicht hat, als ob er sich jemals unter seinen Scepter beugen werde, mehrere Schritte entgegen kommen sollte. Du wirst also, wenn ihr auch nur in einem leidlich anständigen Wohlverhältniss mit einander stehen sollt, schon das Beste dabei tun müssen; und gewiss wünschen alle deine Freunde, dass du auch hierin, wie in so manchen andern Stücken, der klügere teil sein mögest.
Unsere dermalige Staatsverfassung, nach deren ihrer Erzeugung eine so gesunde und kräftige Leibesbeschaffenheit, dass es nicht natürlich zugehen müsste, wenn sie sich in der ersten Blüte ihrer Jugend nicht wohl befände. Der grosse Punkt, wovon alles abhing, war die Wahl der Personen, die uns nach Massgabe der neuen Constitution regieren sollten. Glücklicherweise, oder vielmehr durch eine Folge des Zutrauens unsers ganzen Volkes zu deinem Bruder und seinem Freunde Demokles, und der eben so grossen Klugheit und Redlichkeit, womit sie dieses Zutrauen zum gemeinen Besten benutzten, fielen die Wahlen wirklich auf die Besten in jeder Rücksicht, ohne Ansehen der Partei, zu welcher sie sich ehmals gehalten hatten; auf lauter verständige, gemässigte, der neuen Ordnung aufrichtig anhangende, und grösstenteils durch ihre Glücksumstände über alle selbstsüchtigen Absichten weggesetzte Männer; auch erhielten sie daher die allgemeine Billigung. So lange diese unsern kleinen Staat besorgen, und vornehmlich so lange Demokles und Aristagoras an ihrer Spitze stehen, und die ihnen anvertraute höchste Staatsgewalt so gesetzmässig und mit so grosser Weisheit und Eintracht handhaben wie bisher, wird der sichtbar zunehmende Wohlstand unsers Gemeinwesens und unsrer Bürger aller Classen die Verfassung selbst immer mehr befestigen, und einen Rückfall in unsre ehemaligen Uebel unmöglich machen. Die natürlichste Folgerung, die du, lieber Aristipp, aus Vergleichung des glücklichen Zustandes unsrer Vaterstadt mit dem politischen und sittlichen Verfall von Aten ziehen könntest, will ich dir selbst überlassen. Lebe wohl, und liebe deine Abwesenden, wie du von ihnen geliebt wirst.
26.
Aristipp an Lais.
Die Gemälde deines Freundes Euphranor sind glücklich angelangt, und zieren bereits die kleine Galerie, welcher du ein so reiches Geschenk zu machen die Güte hast. Wohl verdiente die schöne Scene deiner Unterhaltung mit Sokrates unter dem heiligen Oelbaum der Atene Polias von einem Maler dargestellt zu werden, der neben einem Parrhasius und Timantes mehr wie ein glücklicher Nebenbuhler als wie ein Nacheiferer erscheint, und das grosse Talent Seelen zu malen von der natur selbst in dem Geschenk des innigsten Gefühls für sittliche Schönheit und Grazie empfangen zu haben scheint. Aber womit kann ich dir, o du liebenswürdigste der Weiber, den Gedanken vergelten, dass du auch den schönen Augenblick unsers ersten Zusammentreffens der Gewalt der Zeit entreissen, und, wofern mir ein so langes Leben bestimmt wäre, dass ein allmählich abbleichendes und verwitterndes Gedächtniss eine solche Nachhülfe nötig machte, das schönste aller Bilder, die meine Einbildungskraft aufbewahrt, immer jugendlich frisch und blühend in mir erhalten helfen wolltest? Euphranor selbst müsste mir seinen Pinsel und seine glühenden Farben leihen können, wenn ich dir auch nur einen kleinen teil dessen schildern sollte, was ich fühlte, bis das Entzücken der ersten Ueberraschung in den reinen Genuss des ruhigen Anschauens überging. Ohne Zweifel war es gerade die Vereinigung aller möglichen Forderungen der Kunst in diesem so sehr vollendeten Werke, was die Ursache war, warum ich beim ersten Anblick nur von dieser bis zur Täuschung aller Sinne getriebenen Wahrheit und Aehnlichkeit getroffen wurde, die den beiden Figuren den Schein als ob sie wirklich lebten in einem desto höhern Grade gibt, weil sie Lebensgrösse haben, und alles was um sie her ist, durch den Zauber der natürlichsten Beleuchtung und Färbung, die Illusion vollkommen machen hilft. Erst lange nachdem der kurze Wahnsinn des ersten Eindrucks vorüber war, gewann ich Besonnenheit genug, dem Geist und der Hand des Meisters ins Besondere und Einzelne zu folgen, und zu bemerken, wie günstig der gewählte Moment seiner Kunst war, aber auch welcher Geschicklichkeit sich der bewusst sein musste, der einen solchen Moment zu wählen wagen durfte.
Du wirst mir's hoffentlich nicht für Schmeichelei ausdeuten, wenn ich dir sage, dass dieses Gemälde, seitdem es meine kleine Pökile92 verherrlicht, das erste ist, was alle Augen an sich lockt, und das letzte, von welchem man sich trennt. Beinahe werde' ich mich noch genötigt sehen, es an einen geheimern und heiligern Ort zu versetzen, wenn ich verhüten will, dass es den übrigen nicht gar zu viel unverschuldeten Schaden tue. – Aber meinen Abderiten (den jungen Onokradias, von welchem ich dir neulich schrieb, hättest du sehen sollen, als ihm das Anschauen dieses Wunders der natur und Kunst (die ihm beide gleich unbekannte Gotteiten sind), zum erstenmal verstattet wurde! Seine ohnehin etwas weit hervorstehenden Augen wurden plötzlich noch einmal so gross, und die seltsamen Gebärdungen, womit er die Einwirkung eines für ihn so ganz neuen Schaugerichts zu Tage egte, machten uns einige Augenblicke befürchten, dass er wirklich närrisch geworden sei. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis er sich durch mehr als Einen Sinn überzeugen konnte, dass die Nymphe, die er aus der marmornen Kufe auftauchen sah, nur gemalt sei. Nun, bei Jason und Latona! rief er endlich, wenn diess nur ein gemaltes Bild ist, wie ich nun wohl sehe, so muss ich das Original haben, und wenn es mich das ganze Erbgut meiner Familie kostete! Man versicherte ihn, das Original sei zu Korint alle Tage in vollem Leben zu sehen