von person kennen lernen sollst, und von dessen Talent ein paar Stücke, die du mir in deine Galerie zu stiften erlauben wirst, dir indessen zur probe dienen können: aber was bliebe mir auch, wenn ich den nicht hätte, und wie lange wird es währen, so entschlüpft mir auch er? Glaube mir, ich wäre bereits nach Aten oder anderswohin gezogen, wenn ich mein Haus in Korint, wie die Schnecke das ihrige, allentalben mit mir nehmen könnte, und wenn mich dann auch der sehr wesentliche Umstand nicht zurückhielte, dass ein schönes Weib, dessen höchstes Gut die unbeschränkteste Freiheit ist, schwerlich einen andern Ort in der Welt finden kann, wo sie weniger beeinträchtiget und mit mehr achtung und Artigkeit behandelt würde, als zu Korint. Mit allem dem finde ich doch nötig, dass man von Zeit zu Zeit den Ort ändere, und Menschen suche, denen wir und die uns etwas Neues sind.
25.
Kleonidas an Aristipp.
Der schlanke schwarzaugige Jüngling, mit den dunkeln, um Stirn und Nacken herabhangenden Traubenlocken, der dir diesen Brief überbringt, nennt sich Antipater90, und ist ein naher Verwandter eines meiner hiesigen Freunde, dem ich es nicht abschlagen konnte, dir den jungen Menschen zu empfehlen. Ein löbliches Verlangen, das sehenswürdigste Land der bewohnten Welt zu sehen, und zu Aten, der wahren Hauptstadt dieses an schönen und blühenden Städten so reichen Landes, zu lernen was man in Cyrene nicht lernen kann, hat ihn aus dem Schooss der Seinigen herausgetrieben. Er bedarf aber in einer Stadt, welche, so zu sagen, die ganze Welt in einem Auszug ist, eines Führers, Auslegers und Ratgebers; und an welchen andern hätt' ich mich in dieser Absicht wenden können als an dich, der du, was du schon für jeden andern Menschen tätest, desto lieber für einen Mitbürger tun wirst, der mit dem vollesten Vertrauen auf die Empfehlung deines Freundes Kleonidas zu dir kommt. Bisher haben alle Arten von gymnastischen und andern Leibesübungen beinahe seine ganze Bildung ausgemacht. Er reitet wie ein Tracier, läuft wie der schnellfüssige Achilles, weiss einen Wagen zu lenken wie der Homerische Alcimedon, und im Ringen wird er selbst zu Aegina, der fruchtbaren Mutter so vieler öffentlich gekrönter Atleten, nicht viele finden, die er fürchten müsste. Auch hat er grosse Lust sich an einem eurer grossen Nationalfeste unter die Kämpfer zu stellen, und die Siegeskränze, womit schon mehrere Cyrener unsre Vaterstadt unter den Griechen verherrlicht haben, wo möglich mit einem frischen zu vermehren. Indessen fühlt er doch (was wenigen seines gleichen zu begegnen pflegt) dass er mit allen diesen Vorzügen nur die Hälfte von einem Menschen ist, dass sein Kopf noch leer ist, und dass Kräfte und Anlagen in seinem inneren schlafen, die der Erweckung, oder vielmehr da sie bereits zu erwachen angefangen, künstlicher Ausbildung und strenger Uebung eben so nötig haben als die körperlichen; kurz, er kommt mit dem rühmlichen Vorsatz zu dir, nicht eher abzulassen, bis er unter deiner Anleitung ein vollständiger Mensch geworden. Ich betrachte es als einen nicht geringen Vorteil für dich und ihn, dass er noch unverstückelt und unverbildet in deine hände kommt, wie ein schönes Stück rohen aber feinkörnigen Marmors, woraus du, als ein geschickter Bildner, jede schöne Form hervorgehen machen kannst; da hingegen selbst Praxiteles und Polyklet einen Marsyas in keinen Apollo, einen Tersites in keinen Ajax oder Diomedes umgestalten können. Nimm dich also seiner an, lieber Aristipp, und mache dir das Verdienst um Cyrene, uns dereinst in unserm jungen Atleten einen zweiten Milon91, an Weisheit wie an körperlicher Tüchtigkeit, wieder zurückzuschicken. Da dir dein junger Abderit den Mut nicht benommen hat, wenigstens etwas Leidliches aus ihm zu machen, so können wir um so viel gewisser sein, dass aus einem so fähigen Jüngling wie Antipater etwas Vortreffliches unter deinen Händen werden müsse.
Plato, – dem wir seine vor so manchem Jahr an dir und dem armen Kleombrot begangene Sünde doch wohl endlich einmal vergessen müssen, – gibt den Wissbegierigen (einer klasse von Müssigen, welche unvermerkt immer zahlreicher zu werden scheint) seit einiger Zeit so viel zu lesen, und wenigstens in dem grössten teil seiner bisher bekannt gewordenen Dialogen so viel Stoff zum Nachdenken und zur angenehmsten Unterhaltung zugleich, dass ich den grossen Ruf sehr natürlich finde, der seinen Namen bereits bis an die fernsten grenzen unsrer Sprache trägt. Materie und Form sind in seinen Werken gleich anziehend: auch wo er mich nicht überzeugt (was freilich oft begegnet), verführt er mich doch zu wünschen dass er Recht haben möchte, oder macht auch wohl dass ich ihm wenigstens so lange glaube als ich ihn lese. Wenn sein mündlicher Vortrag nur halb so angenehm ist als der schriftliche; wenn er, wie man sagt, eine der geistvollesten Physiognomien hat, und der Ton seiner stimme schon das Ohr für ihn besticht, so muss er eine Art von Sirene sein, deren Zauber nicht zu widerstehen ist. Auch hat er mit den Sirenen nicht nur gemein, dass er
Alles weiss was geschieht auf der viel ernährenden Erde,
sondern noch vor ihnen voraus, dass er auch weiss was in der über- und unterirdischen Erde, im Himmel und sogar in den überhimmlischen Räumen geschieht; eine Wissenschaft, deren die Homerischen Sirenen, mit allen ihren wenig bescheidenen Ansprüchen, dennoch sich anzumassen Bedenken trugen. Von einem mann, der so unermesslich viel mehr weiss als andere, ist freilich nicht zu erwarten, dass er