aber dafür richtete nun die leidenschaft des Mädchens für die Platonische Philosophie einen desto grösseren Unfug in ihrem Köpfchen an. Speusipp schickte ihr fleissig alles was er von seines Oheims Werken habhaft werden konnte, und sie besass schon eine geheime Abschrift vom Symposion, bevor andere die geringste Ahnung von seinem Dasein hatten. Das ganz davon entzückte Mädchen konnte sich nicht halten, es mir unter dem Siegel der heiligsten Verschwiegenheit mitzuteilen, zeigte mir aber bald, dass es nicht ohne eigennützige Absicht geschehen war. Kurz, von einer dreifachen Zaubermacht – der Muse des göttlichen Plato, der erotischen Philosophie der Seherin Diotima, und ihrer eigenen geheimen Neigung zu dem glücklichen Speusippus gänzlich überwältigt, erklärte sie mir endlich in einer schönen Mondnacht, dass sie nicht länger leben könne, wenn ich ihr nicht zu dem Glücke verhelfe, den herrlichen Mann selbst zu sehen, zu hören und zu seinen Füssen zu sitzen, von dessen Lippen die Musen diese Nektarflüsse himmlischer Weisheit strömen liessen. – Was war da zu tun? Ich konnte doch nicht so felsenherzig sein, dem armen kind die Befriedigung eines so unschuldigen Verlangens zu versagen? Oder hätte ich sie dafür bestrafen sollen, dass sie mich über den wahren Gegenstand ihrer leidenschaft zu täuschen suchte? Vielleicht täuschte sie sich noch selbst; oder, wo nicht, wie konnte ich ihr aus dem jungfräulichen Gefühl, das sie zurückhielt, ein Verbrechen machen? Und in jedem Falle, wär' es nicht unedel von mir gewesen, wenn ich die Abhänglichkeit von mir, in welche ein freigebornes Mädchen zufälliger Weise geraten war, hätte missbrauchen wollen, ihr das geheimnis ihres Herzens wider ihren Willen abzudringen? – Ganz aufrichtig zu reden, mochte mein natürlicher Hang zu einer gewissen dramatischen Knotenknüpferei, und die Neugier, was aus diesem kleinen Abenteuer werden könnte, wohl auch etwas, und vielleicht das meiste beitragen, jenen teoretischen Beweggründen mehr Gewicht zu geben, als sie sonst gehabt hätten. Mit Einem Wort, ich liess mich gewinnen, und machte mir sogar ein Geschäft daraus, sie in der ungewohnten Knabenrolle (denn als Mädchen konnte sie doch den Zutritt in die Akademie nicht zu erhalten hoffen) zu unterrichten und mit allem auszustaffiren, was sie haben musste, um den Sohn eines Sicyonischen Bildhauers so natürlich als möglich vorzustellen; und als alles das in seiner Ordnung war, liess ich sie von einem vertrauten alten Diener, der die Rolle ihres bisherigen Pädagogen spielte, sicher an Ort und Stelle bringen. Wie gut die kleine Schelmerei von Statten ging, hast du selbst gesehen.
Glücklicherweise hatte uns die natur treulich vorgearbeitet. Denn Lastenia besitzt wirklich mehr die Gesichtsbildung eines schönen Knaben, als eines Mädchens; der Ton ihrer stimme ist tief, wiewohl sanft und wohlklingend; dabei ist sie, verhältnissmässig, ziemlich stark von Muskeln und Knochen, etwas breit von Schultern und schmal von Hüften, und hat nicht viel mehr Busen als ein frischer genährter Jüngling ihres Alters zu haben pflegt; so dass sie, im Notfall (mit Vorbehalt einer ganz kleinen Bedeckung) auf der Palästra selbst für einen Jüngling gelten könnte. Wir haben aber dafür gesorgt, dass sie von dieser Seite nicht angefochten werden darf: denn sie ist mit einer Vorschrift von ihrem ehmaligen arzt versehen, worin ihr wegen Schwäche ihrer Brust alle heftigeren Leibesübungen, eine mässige Bewegung zu Pferde ausgenommen, scharf verboten sind. Du siehst dass nichts vergessen worden ist, der Akademie eine so gelehrige Schülerin, und dem wackern Speusipp eine so schöne gelegenheit sich in der Platonischen Liebe zu üben, so lange zu erhalten, als beide verständig genug sein werden, sich ihr Spiel nicht selbst zu verderben. In diesem Stücke traue ich dem Mädchen nur halb; denn sie hat, bei allen ihren vorbesagten guten Anlagen, einen ungeheuern Hang zur Zärtlichkeit; und ein so feuerfangendes Wesen, wie Speusipp zu sein scheint, könnte wohl in einer unbewachten Stunde die Sokratische Lehre von der Gefährlichkeit eines Kusses leichter vergessen als in Ausübung bringen. Dass sie überaus leicht errötet, wird ihr, anstatt Verdacht zu erwecken, vielmehr den Ruf eines sittsamen wohlerzogenen Jünglings zuziehen; dass sie aber vor deinem spähenden Falkenblick die Augen so jungfräulich sinken liess, kam wohl daher, weil sie vermutete, ich werde dir von ihr geschrieben haben, und du betrachtest sie so aufmerksam, weil du sie zu erkennen glaubest. Uebrigens zweifle ich nicht, dass der Umgang mit diesem anziehenden Paar Platonischer Verliebten dein Leben in Aten nicht wenig verschönern helfen werde: nur dürfte dazu nötig sein, mit dem Oheim auf einem leidlichen Fuss zu stehen; was dir, meines Erachtens, so schwer nicht werden sollte, wenn du über dich gewinnen könntest, von ihm und seinen Dialogen öffentlich mit einer gewissen achtung zu sprechen; freilich in einem Tone, den man nicht für Ironie halten könnte. Beide, der Mann und seine Werke, verdienen, däucht mich, diese achtung, wie gross auch übrigens die Verschiedenheit eurer Art zu denken und zu leben sein mag. Ich müsste mich sehr irren, oder Plato wird weniger ungerecht gegen dich sein, wenn du grossherzig genug bist, gegen ihn mehr als gerecht zu sein; und was kann dir das kosten?
Mein Verlangen uns wiederzusehen ist dem deinigen gleich, lieber Aristipp. Ich gestehe dir, die Eintönigkeit meiner Lebensweise zu Korint fängt mir an lange Weile zu machen. Die Leute, mit denen ich mich behelfen muss, verlangen so viel, und haben so wenig dagegen zu geben! Ich nehme den einzigen Euphranor aus, den du zu Aegina