habe. Ich muss mich des Ueberflüssigen entladen, und andern mitteilen, was ich entweder für mich selbst nicht brauche, oder was man mitteilen kann, ohne selbst ärmer zu werden. Indem ich andre lehre, bringe ich meinen eigenen Vorrat alles dessen, was ich durch Erfahrung, fremden Unterricht, Reisen, Forschen und Nachdenken erworben habe, in bessere Ordnung, sehe was davon für mich selbst und andere brauchbar ist, und werde im grund nur desto reicher, je mehr ich wegzugeben scheine. Ich melde dir diess vorher, damit du dich nicht gar zu sehr entsetzest, wenn dir zu Ohren kommen sollte, Aristipp mache zu Aten den Sophisten, und habe einen Haufen offner Geelschnäbel, die sich von ihm ätzen lassen, um sich her so gut als ein anderer. Auf alle Fälle wirst du, hoffe ich, das Beste von mir denken, und mir zutrauen, dass ich niemanden Kohlen für Gold verkaufen werde.
Wie nahe mir auch zuweilen meine Einbildungskraft unser Widersehen vor die Augen rückt, so kann ich mir doch nicht verbergen, dass bis dahin noch fünf ganze Monate mit schweren bleiernen Füssen vorüber kriechen werden. Wie betrügen wir einen so langen zwischen uns liegenden Zeitraum? Deine Briefe allein, beste Laiska, könnten ihn verkürzen, indem sie ihn in eben so viele kleinere teilten, durch welche ich, in stetem Wechsel von Erwartung und Genuss, wie von einer kleinen Insel zur andern, über diesen langweiligen Sund hinüber schwimmen würde.
24.
Lais an Aristipp.
Sollte wohl mein alter Freund Aristipp im Ernst zweifeln können, ob ich noch eben dieselbe für ihn sei? Ich will es nicht glauben; denn was würde mir ein solcher Zweifel anders sagen, als er selbst sei nicht mehr eben derselbe für mich?
Da die natur mir, ich weiss nicht wie viel oder wie wenig, dadurch versagte, dass sie mich der tragikomischen leidenschaft, die man Liebe nennt, unempfänglich gemacht hat, so ist sie dagegen so gerecht, oder so gütig gewesen, mich desto reichlicher mit allen Eigenschaften und Tugenden auszustatten, die zu einer warmen, wenig eigennützigen, aber desto beharrlichern Freundschaft erfordert werden. Ueberdiess hat die meinige, ohne den geringsten Zusatz von den Unarten und Quälereien der Liebe, so viel von ihren Annehmlichkeiten, dass ich glaube, man sollte sich damit behelfen können, ohne dass man sich darum eben viel auf seine Genügsamkeit einzubilden hätte.
Deine dermalige Einrichtung und Lebensweise zu Aten hat meinen ganzen Beifall, und besonders wünsche ich dir zu deiner guten Wirtschaft Glück. Noch fehlt viel, da ich mich hierin mit dir messen dürfte; denn die Summe, womit du einen ganzen monat auszukommen gedenkst, reicht in einer Haushaltung wie die meinige öfters kaum zwei Tage. Du wirst über meine leichtsinnige Gleichgültigkeit gegen die Folgen eines solchen Aufwandes erschrecken: ich muss dir also zum Troste sagen, dass ich vorsichtiger bin, als du mir zugetraut hättest, und durch Vermittlung meines Freundes Euphranor (dessen älterer Bruder in einem grossen Handelsverkehr mit Cypern, Aegypten und den Küsten des Arabischen Meerbusens steht) Mittel und Wege gefunden habe, ein sehr beträchtliches Capital so vorteilhaft geltend zu machen, dass eine doppelt so grosse Ausgabe als meine gewöhnliche ist meine Freunde nicht beunruhigen darf. Lass dich also, wenn du sehen wirst, dass es noch ziemlich auf Persischen Fuss bei mir zugeht, durch keine sorglichen Gedanken im frohen Genuss des Gegenwärtigen stören; und wofern du über kurz oder lang in den Fall kommen solltest, deiner rühmlichen Frugalität noch engere grenzen zu setzen, so bediene dich ungescheut der Rechte der Freundschaft, und schöpfe aus der Casse deiner Laiska wie aus deiner eigenen. Wir müssten es beide sehr arg treiben, wenn wir so leicht auf den Boden kommen sollten. Die Notphilosophie des Cynosarges wäre ja wohl in einem solchen Fall eine Art von Zuflucht. Aber (nichts von mir selbst zu sagen) wie gross auch meine Meinung von der Gewandteit ist, womit du dich in alle Launen des Glücks zu schicken weisst, so zweifle ich doch sehr, dass du es jemals so weit in der Kunst zu darben bringen würdest, deine ganze Habe mit so vieler Genialität und Grazie in einem leichten Quersack auf der Schulter zu tragen, wie der junge Cyniker, dessen negativen Reichtum du bei dreihundert Drachmen monatlich so beneidenswürdig findest.
Du bist, wie ich sehe, mit einem ausserordentlich feinen Spürsinn für unser Geschlecht begabt, dass du den schönen Jüngling von Sicyon, den wir so gut verzaubert zu haben meinten, nur mit einem blick zu berühren brauchtest, um ihn in seine natürliche Gestalt zurückzunötigen. Er ist in der Tat eben dieselbe leibhafte Lastenia, von welcher ich dir einst sagte, sie sei auf gutem Wege, mir einen schönen, wiewohl sehr glatten und schlüpfrigen Aal, der sich in meinen Reizen verfangen hatte, undankbarer und hinterlistiger Weise vor dem mund wegzufischen. Aber freilich war die Eroberung eines Neffen des göttlichen Plato eine zu glänzende Versuchung für die Eitelkeit einer sechzehnjährigen Schwärmerin; und was hättest du von mir denken müssen, wenn ich fähig gewesen wäre, sie ihr zu erschweren? zumal da der fisch von selbst so gierig auf die goldne Fliege zufuhr. Wie dem aber sein mochte, genug ich konnte oder wollte nicht verhindern, dass sich unvermerkt ein zärtliches Verständniss zwischen ihnen entspann, das mir desto mehr Kurzweile machte, je sorgfältiger die Kindsköpfe es vor mir zu verheimlichen suchten. Als er Korint wieder verliess, glaubten beide ihr Spiel beim Abschied recht fein zu spielen: