. Ich gestehe, vor wenig Tagen war ich noch um einen Haarkamm reicher, der aber einen Zacken weniger hatte, als eine meiner hände! Die besten Gedanken kommen uns wie durch Eingebung. Bin ich nicht ein Tor, dachte' ich, indem ich von ungefähr meine Finger überzählte, dass ich, im Besitz eines Paars zehnmal bequemerer und zierlicherer Kämme, womit mir die natur selbst ausgeholfen hat, mich noch mit einem so armseligen Kunstwerkzeug schleppen mag? Fort damit, in den Ilissus!"
Diese seltsame aber genialische Laune, die mit zu viel Frohsinn gepaart ist, um geheuchelt zu sein, und von der menschenfeindlichen Rohheit eines Timons und dem grämlichen Ernst des runzligen Antistenes gleich stark absticht, würde mich anreizen, die Freundschaft dieses jungen Mannes zu suchen, wenn ihm sein Stolz nicht in den Kopf gesetzt hätte, dass die Freundschaft eines Menschen meiner Art für seinesgleichen nur ein euphemisches Synonym89 von Schmarotzerei und Unterwürfigkeit sei. Ich versuchte es einsmals, ihn zu einem sehr frugalen, ächt Sokratischen Abendessen einzuladen. "Wenn ich keine Wolfsbohnen mehr in meinem Quersack finde, lade ich mich von freien Stücken bei dir ein, war seine Antwort." – Wir sehen uns also nur zufälliger Weise. Vor einigen Tagen traf ich ihn bei einem Brunnen an, da er eben wasser aus seiner hohlen Hand schlürfte. "Wer sollte gedacht haben, sagte er zu mir, dass ein Lehrling des weisen Antistenes durch einen Betteljungen noch weiser werden könnte? Es sind noch nicht zwei Stunden, dass ein geborner Philosoph aus dieser Zunft mich von der Entbehrlichkeit meiner hölzernen Trinkschale überzeugt hat. Ich habe sie, fuhr er lachend fort, dem vierzähnigen Kamm in den Ilissus nachgeschickt." – Was fehlt wohl diesem Narren, um reicher und glücklicher zu sein als ein König?
Nun auch etwas von meinem neuentdeckten Hermaphroditen. Als ich die Akademie, wo Plato sich nicht selten öffentlich hören lässt, zum erstenmale besuchte, zog ein schöner Jüngling meine Augen auf sich, der kaum siebzehn Jahre zu haben schien, und sich immer, so nah er konnte, zu Speusippus hielt. Man sagte mir, er nenne sich Kleophron, sei der Sohn eines Bildhauers von Sicyon, und, von einer heftigen Liebe zur Philosophie entbrannt, nach Aten gekommen, wo er jetzt einer von Platons eifrigsten Schülern sei.
Der junge Mensch, wie er merkte dass ich ihn aufmerksamer als andere betrachtete, schlug seine grossen rabenschwarzen Augen so mädchenhaft errötend nieder, dass mich sogleich ein Zweifel anwandelte, ob der vergebliche Kleophron nicht etwa die schöne Lastenia sein könnte, mit welcher Speusipp (wie du mir vor geraumer Zeit schriebst) in deinem haus Bekanntschaft gemacht hatte. Was mich in dieser Vermutung bestätiget, ist der Umstand, dass von allen Freunden und Anhängern Platons gerade sein Neffe der einzige ist, der sich (wiewohl mit einiger Behutsamkeit) um meine Freundschaft zu bewerben scheint. Seit kurzem hat auch der schöne Kleophron angefangen sich mir zu nähern; er ist sogar mit Speusipp in meine Galerie gekommen, um die Gemälde zu besehen, von welchen (wie er sagte) in Aten so viel gesprochen werde. Er machte einige Bemerkungen, welche stark nach der Quelle schmeckten, woraus er sie geschöpft hatte; besonders schien er bei dem Bilde des unglücklichen Kleombrot mit Nachdenken und Rührung zu verweilen. Wenn dieser Sicyonische Knabe, wie ich nicht länger zweifele, deine Lastenia ist, so muss ich ihr das zeugnis geben, dass sie der von dir empfangenen Bildung durch ihre Sittsamkeit nicht weniger Ehre macht, als durch die Lebhaftigkeit ihres Geistes. Auch benimmt sie sich in allem mit so vieler Besonnenheit und Gewandteit, dass ihr Geschlecht von niemand, der nicht, wie ich, schon vorher auf der Spur ist, so leicht entdeckt werden dürfte, insofern sie nur eine gute Ausrede bei der Hand hat, sich den Uebungen auf der Palästra zu entziehen. Plato wenigstens scheint nicht den mindesten Argwohn zu hegen, und die Liebe seines Neffen zu dem schönen Knaben um so weniger zu missbilligen, da beide, der Liebhaber und der Geliebte, erklärte Verehrer des Systems der begeisterten Diotima sind, von welcher sein Sokrates die subtile Teorie der übersinnlichen Knabenliebe (die er der Tischgesellschaft des gekrönten Dichters Agaton so redselig vorträgt) in seiner Jugend gelernt zu haben vorgibt. Dass dieser Speusipp ein kleiner Heuchler ist, brauche ich dir nicht zu sagen; im übrigen rechtfertigt er alles, was du mir von seiner Liebenswürdigkeit angerühmt hast, vollkommen, und ich gefalle mir sehr in seinem Umgang; zumal da ich dadurch gelegenheit erhalte, mit dem geist der Philosophie seines Oheims und mit seiner geheimen Lehre noch bekannter zu werden.
Uebrigens bestätiget mich jeder Besuch, den ich in der Akademie und dem Cynosarges abstatte, in der schmeichelhaften Meinung, dass, wofern ich mich je entschliessen sollte, mein bisschen Weisheit der Welt ebenfalls auf öffentlichen Strassen, Marktplätzen und Hallen, oder in Gärten, Gymnasien und Hainen aufzudringen, es sich am Ende leicht finden dürfte, dass der üppige, von seinen ehmaligen Cameraden ausgeschlossene und bei jeder gelegenheit hämisch angestochene Aristipp von Cyrene, alles gehörig zurechte gelegt, noch immer der ächteste unter allen Sokratikern ist.
Diese Zeit ist vielleicht nicht mehr weit entfernt. Ich fühle dass mir zu einer völlig behaglichen Existenz nichts abgeht, als eine bestimmte Beschäftigung, und die angenehme Selbsttäuschung, dass ich der Welt zu etwas nütze sei. Ich habe seit zehn Jahren viel gesammelt, in der Tat mehr als ich für meinen eigenen Bedarf nötig