die Götter verhüten wollen!) überleben, und wenigstens so lange dauern wird, als die Stadt Abdera auf ihren Fundamenten stehen bleibt.
Ich weiss nicht, Kleonidas, ob ich dich um Vergebung bitten muss, dass ich dich mit solchen Albernheiten unterhalte; mir ist ein Mensch wie dieser Onokradias in seiner Art eben so merkwürdig, als irgend ein anderer ausgezeichneter Mann in der seinigen. Der Fehler ist nur, dass ich dir den Ton und die Miene des ehrlichen Abderiten nicht unmittelbar darstellen kann. Gewiss, du würdest finden, dass ich nicht so Unrecht habe, diesen würdigen Abkömmling des edlen Onogelastes in mein Herz zu schliessen.
Eurybates erinnert sich euer oft und mit vielem Wohlwollen. Die schöne Droso besitzt nicht nur die Gabe glänzende Eroberungen zu machen; sie weiss sich auch in ruhigem Besitz derselben zu erhalten, und unser Freund scheint die leichten goldnen Kettchen, womit sie ihn an sich gefesselt hat, mit sehr guter Art zu tragen. Sie hat ihn mit einem Sohne beschenkt, der ihm an Gestalt und Sinnesart so ähnlich ist, dass er sich (was nicht bei allen Atenern der Fall sein soll) ohne sich selbst oder andern lächerlich desswegen vorzukommen, ganz laut zu ihm bekennen darf.
Ich brauche dir nicht zu sagen, wie gross mein Verlangen nach guten Nachrichten von meinen Geliebten in Cyrene ist, und wie sehr ich dir's danken werde, wenn du einen Weg ausfindig machst, wie wir uns oft und sicher schreiben können. Melde mir auch mit zwei Worten, wie das neue Räderwerk eurer Republik geht, und sage meinem guten Bruder viel Freundliches in meinem Namen.
23.
An Lais.
Ich bin dir, Dank sei den Göttern, wieder so nahe, meine schöne Freundin, als es die stolze Minervenstadt "dem reichen mit schönen Kindern prangenden Vorhof des Istmischen Poseidons" ist.86 Im grund tut freilich, wenn man einander nicht mit den Armen oder wenigstens mit den Augen erreichen kann, eine halbe Parasange für den Augenblick so viel wirkung als ein halbtausend: aber die Vorstellung, dass ich jetzt nur zwei Tage brauche, um in deinen Armen zu sein, ist doch etwas ganz anderes, als der trübselige Gedanke, dass eine ganze Odyssee voll Länder, Gebirge, Ströme und Meere zwischen uns liegt; was noch vor wenig Monaten der Fall deines landstreichenden Freundes war. Doch diess ist nun hinter mir, und mit jedem Mondeswechsel rückt der Augenblick näher, der mich, wenn du anders noch ebendieselbe für mich bist, für die Entbehrungen von fünf langen Jahren entschädigen wird. Ich lass' es nicht fehlen, täglich die andächtigsten Gelübde an den mächtigen Erderschütterer87 abzuschicken; und mit welchem Zauber auch die neuaufgefrischten Reize der schönen Atenä, deiner einzigen Nebenbuhlerin, auf mich wirken mögen, diessmal soll mich gewiss nichts verhindern, auf der Veilchenbank deines stillen Myrtenwäldchens den Nachtigallen an deinem Busen zuzuhören.
Uebrigens gesteh' ich gern, dass der Aufentalt zu Aten nach einer so langen Abwesenheit wieder grosse Annehmlichkeiten für mich hat. Ich lebe auf einem ganz hübschen Fuss, und mache doch einen so mässigen Aufwand, dass ich mit dreihundert Drachmen des Monats reichlich auszulangen gedenke. Wenn du dich des Rebhuhns für funfzig Drachmen noch erinnerst, so wirst du hoffentlich meiner Frugalität das gebührende Lob nicht versagen, wiewohl sie in Vergleichung mit der Genügsamkeit eines Plato und dem täglichen Triobolon des Antistenes noch immer den Vorwurf der Ueppigkeit verdient, der mir von den geschwornen Anhängern der Notphilosophie gemacht wird. Ich würde mich leicht darüber trösten, wenn mir diese Herren nur von Zeit zu Zeit die Ehre erweisen wollten, sich zur Abwechslung mit einem kleinen Symposion in Cyrenischem Geschmack von mir beköstigen zu lassen: aber da sie (den einzigen Aeschines ausgenommen) zu einer so grossen Herablassung zu stolz sind, so muss ich mich, wenn ich Gesellschaft haben will, schon mit tragischen Dichtern, Komödienmachern, Malern, Bildnern, Musikern, Kaufleuten, Seefahrern, reisenden Fremden und dergleichen, behelfen, und befinde mich, wie du mir gerne glauben wirst, nicht desto schlimmer dabei.
Indessen lass' ich mich weder die kalte Höflichkeit deines Günstlings Plato, noch die wolkenversammelnden Augenbrauen und die gerümpfte Nase des schmutzigen Antistenes abschrecken, die Spaziergänge der Akademie und das Cynosarges öfters zu besuchen, und ich habe dieser Herablassung zwei gleich sonderbare und interessante, wiewohl sehr von einander abstechende Bekanntschaften zu danken; die eine mit einem ausgemachten, übrigens sehr verständigen und witzigen – Narren; die andere mit einem jungen Hermaphroditen, der entweder eine Art von Platonischem Androgyn88, oder (was ich eher glauben möchte) weder mehr noch weniger als – ein verkleidetes Mädchen ist. Es wird dir vielleicht nicht unangenehm sein, Laiska, wenn ich auch dich ein wenig näher mit diesen Merkwürdigkeiten des Cynosarges und der Akademie bekannt mache.
Beim zweiten oder dritten Besuch, den ich dem alten Antistenes abstattete, fand ich einen jungen Mann von Sinope bei ihm, der seine schmale Lebensweise anfangs vermutlich aus blosser Not nachgeahmt haben mochte, sich aber bei der Unabhänglichkeit, die sie ihm verschaffte, so wohl befand, dass er den Sokratism in diesem Stücke noch weiter treibt, als Antistenes selbst, und sich nicht wenig damit weiss, dass er alle seine Bedürfnisse in einem kleinen Quersack immer mit sich trage. – "Und was meinst du, fragte er mich lachend, was in meinem Quersack ist? – Ein hölzerner Becher, eine halbe Metze Wolfsbohnen und ein alter schwarzgebrannter etwas gebrechlicher Napf aus der Verlassenschaft der königlichen Bettler des Euripides