nicht zuhört.
D e r F r e m d e . Wie so, wenn man fragen darf?
I c h . Weil er seine Arbeit in den nächsten Ziegelofen werfen würde, wenn er dich so reden hörte.
D e r F r e m d e . Ich dächte doch nicht dass ich etwas so Unrechtes gesagt hätte. Es verdriesst dich doch nicht, dass ich den Schlüssel zu deinem Rätsel so leicht gefunden habe?
I c h . Als ob man dir so was nicht auf den ersten blick zutraute?
D e r F r e m d e . Gar zu schmeichelhaft! Ich gebe mich für keinen Oedipus; aber das darf ich sagen, mir ist noch kein Rätsel vorgekommen, das ich nicht erraten hätte.
I c h . Mit erlaubnis, was bist du für ein Landsmann?
D e r F r e m d e . Ein Abderit, zu dienen.
I c h . So denke' ich wir lassen das Gemälde wo es ist.
D e r F r e m d e . Zum Verbrennen wär' es wirklich zu gut.
D e r A t h e n e r . Das sollt' ich auch meinen. Wenn es dir über lang oder kurz feil werden sollte, lieber Aristipp, so bitte' ich mir den Vorkauf aus. Es hat ein warmes Colorit, und sollte sich nicht übel in der Galerie ausnehmen, die ich nächstens von meinem alten Oheim, dem General, zu erben hoffe. Und hiermit schlenderten die jungen Gecken wieder fort. Das Lustigste ist, dass der Fremde (der sich Onokradias85 nennt und ein Sohn des Archon von Abdera sein soll) von dieser Stunde an eine sonderbare Anmutung zu meiner person äussert, und mich allentalben wo es nur immer angehen will, wie mein Schatten begleitet. Du wirst lachen, Kleonidas, aber ich habe wirklich grosse Lust einen Versuch zu machen, ob ich aus diesem Stück Feigenholz, wo nicht einen Mercur, wenigstens – einen leidlichen Abderiten schnitzeln könne. Der junge Mensch zeichnet sich durch eine ganz eigene Mischung von treuherziger Albernheit und plattem instinctartigen Hausverstand, mit einer Portion gutlauniger Schalkheit und angeborner Arglosigkeit versetzt, so sonderbar zu seinem Vorteil aus, dass ich mich leicht an seine Gesellschaft gewöhnen könnte. Vermutlich um sich in desto grössere achtung bei mir zu setzen, machte er mich ungefragt mit seiner ganzen Familie bekannt. Sein Vater, zur Zeit erster lebenslänglicher Vorsteher der Republik Abdera, nenne sich (sagte er) Onolaus der Zweite. Mein Grossvater, fuhr er fort, der als Nomophylax starb, führte meinen Namen, oder vielmehr ich den seinigen; denn ihm zu Ehren nannten sie mich Onokradias. Mein Aeltervater Onages folgte seinem Vater Onolaus dem ersten in der Würde eines Stadtauptmanns, und so ging's immer in aufsteigender Linie fort, so dass ich mich im Notfall rühmen könnte, von einem der ältesten und verdientesten Häuser unsrer Republik abzustammen. – Aber, fragte ich ihn, was kann wohl, wenn diese Frage nicht unbescheiden ist, die Ursache sein, warum deine Voreltern eine so sonderbare Vorliebe zu dem Wort onos gefasst haben, dass von dem Aeltervater des Aeltervaters her alle eure Namen mit onos zusammengesetzt sind? Nicht, als ob es euch in meinen Augen nicht zur Ehre gereichen sollte, dass ihr das Vorurteil verachtet, welches gewissen Namen einen gewissen Einfluss – Ich verstehe, fiel er mir lachend in die Rede: wir könnten wohl mit gutem Fug stolz darauf sein, dass wir vielleicht die Einzigen sind, die einem ungerechter Weise zurückgesetzten wackern Haustiere die ihm gebührende Ehre nicht versagen. Wenigstens sehe ich nicht, warum Löwe und Wolf, oder Pferd und Ochs, die sich in so vielen Griechischen Namen hören lassen, hierin ein Vorrecht vor dem Esel haben sollten. Aber das ist denn doch die wahre Ursache dieser sonderbaren Familiensitte unsers Hauses nicht: dieser liegt eine eben so sonderbare Begebenheit zum grund. Einer meiner Ahnherren lag an einem Brustgeschwür so krank darnieder, dass die ärzte versicherten, der Augenblick, da es aufbräche, würde der letzte seines Lebens sein. In banger Erwartung standen alle seine Kinder und Hausgenossen um ihn her, als der Kranke durch die offne Tür seines Gemachs einen Esel erblickte, der von ungefähr über einen grossen Korb voll Feigen geraten war, und während er mit der gierigsten Fresslust in dieses ihm so ungewohnte Ambrosia hineinarbeitete, sein eselhaftes Wohlbehagen durch die seltsamsten Maulverzerrungen zu erkennen gab. Dieser Anblick kam dem Kranken so possierlich vor, dass er in ein heftiges Gelächter ausbrach, wovon das besagte Geschwür so glücklich zerplatzte, dass seine Brust in wenig Augenblicken wieder frei ward, und es dem arzt nun ein Leichtes war, den Kranken in kurzer Zeit gänzlich wieder herzustellen. Sofort beschloss mein Anherr im ersten Feuer seiner Dankbarkeit, das Andenken einer so wunderbaren Rettung auch auf eine ausserordentliche Art in seiner Familie zu verewigen. Er nahm nicht nur selbst auf der Stelle den Namen Onogelastes an, sondern legte zugleich seinem Sohn und seinem Enkel die Namen Onobulus und Onomemnon bei, und verordnete als ein unverbrüchliches Familiengesetz, dass von nun an zu ewigen zeiten alle seine Abkömmlinge männlichen Geschlechts keine andern als mit onos zusammengesetzte Namen führen sollten. Ueberdiess machte er auch eine Stiftung, aus welcher, bereits über dreihundert Jahre lang, jährlich an dem Tage des besagten Wunders allen Eseln in ganz Abdera zehn trockne Feigen auf den Kopf gereicht werden; dass also das Gedächtniss dieser Begebenheit sogar die gänzliche Erlöschung unsrer Familie (welche