1800_Wieland_111_172.txt

Menschen zugleich anschaulich zu machen suchen, welcher Würde ihre eigene natur fähig sei. Verzeihe mir, Lieber, dass ich mich in meinem gerechten Unwillen so lange bei einer Sache verweile, worüber wir, deiner anscheinenden Gleichgültigkeit ungeachtet, unmöglich verschiedener Meinung sein können. Ich kann dir nicht ausdrücken, wie angenehm es mir ist, dich wieder mitten in der schönen Hellas zu wissen, in welcher ich noch immer durch die Erinnerung zur Hälfte lebe. Mir ist als ob du mir um so viel näher wärest; und auch Musarion, die Schöne und Gute, schmeichelt sich, ihre teilnehmende, wiewohl unsichtbare, Gegenwart dir und ihrer edlen Freundin bis in Aegina fühlbar zu machen.

22.

Aristipp an Kleonidas.

Schon zwei bis drei Monate, lieber Kleonidas, suche ich eine gelegenheit dich zu benachrichtigen, dass ich mich zum drittenmal wieder im Schutz der hehren Atene befinde, und durch Vorsorge unsers Freundes Eurybates eine bequeme wohnung nicht weit vom Pompeion und dem Tempel der Demeter bezogen habe. Ich bin dadurch dem Hafen um so näher, wohin mein unbescholtener Aetiopier tagtäglich zweimal traben muss, um sich zu erkundigen, ob irgend ein Fahrzeug aus euern Gegenden angekommen oder dahin abzugehen begriffen sei. Aber auch jetzt danke ich es bloss dem verwöhnten Gaumen der Atener, denen unser stinkendes Silphi zu einem unentbehrlichen Küchenbedürfniss geworden ist, dass ich endlich eine gelegenheit aufgetrieben habe, diese Epistel an dich gelangen zu lassen.

Vor allen Dingen, Freund, lass dir sagen, dass die holden Kechenäer sich wieder auf der höchsten Spitze ihres stolzen Selbstgefühls wiegen: denn, um mit Einem Wort alles zu sagen, sie haben wieder Mauern! und zwar noch höhere und festere als die alten, die ihnen Lysander vor zwölf Jahren niederreissen liess: sie haben wieder neue Mauern, und (worauf sie sich am meisten zu Gute tun) ohne dass es sie einen heller kostet. Du wunderst dich wie das zuging? Wisse also, dass der schlaue Konon, ihr zweiter Temistokles82 (wie sie ihn zu böser Vorbedeutung nennen), Konon, ein eben so gewandter Staatsmann als braver Seeofficier, seinen berühmten Sieg über die Spartaner bei Knidos durch seinen gönner den Satrapen Pharnabaz in einen so hohen Anschlag bei dem grossen Könige zu bringen gewusst hat, dass dieser eine sehr staatskluge Partei zu nehmen glaubte, wenn er den Atenern wieder zu ihrem ehmaligen Uebergewicht über Sparta, seine zeiterige Feindin, und zum ersten Rang unter den Griechischen Republiken in Europa behülflich wäre. Die Wiederherstellung der Mauern von Aten (eine Kleinigkeit für die unerschöpflichen Schatzkammern des Königs der Könige) war zu dieser Absicht, und also (wie es freilich von Seiten der Perser gemeint war) zum Dienste des Königs unumgänglich. Konon betrieb das Werk mit unsäglichem Eifer; alles was hände hatte wurde angestellt; von allen Enden Griechenlands strömten die Arbeiter schaarenweise herbei; der König bezahlte mit blanken Dariken, und der Satrap liess sich den Auftrag geben mit einer ansehnlichen Flotte, wozu die Griechischen Städte in Karien und Ionien Mannschaft und Schiffe lieferten, die Unternehmung zu beschützen.

Mehr brauchte es nicht, um den Attischen Autochtonendie, so lange ihre von Lysandern erlittne Schmach durch die Offenheit ihrer Stadt und ihres Hafens noch augenscheinlich beurkundet wurde, die Flügel ziemlich demütig sinken liessenauf Einmal ihren ganzen Uebermut wieder zu geben. Kaum erhoben sich ihre neuen Mauern, kaum hatte ihnen Konon mit der Persischen Flotte, deren Anführung ihm der Satrap überlassen hatte, wieder zu ihrer alten Tyrannie über die kleinern Inseln verholfen, so war auch alles Vergangene wieder rein vergessen; so betrachteten sie sich selbst wieder als die Herren der Welt, und den König, ihren Wohltäter, als ihren blossen Zahlmeister, der es sich noch zur höchsten Ehre rechnen müsse, der "weltberühmten, schönen, fetten, veilchenbekränzten Atenä" ihren uralten Glanz wiedergegeben zu haben, und dem sie nicht den geringsten Dank schuldig wären, wenn er ihre Mauern auch mit gediegenem Golde hätte überziehen lassen. Aus diesem Tone kann man sie wenigstens an allen öffentlichen Orten täglich blasen hören. Sie bauen nun wieder ein Nephelokokygia über das andere ins Blaue hinein, immer voraussetzend die Schätze des grossen Königs würden ihnen ewig zu Gebote stehen, ob sie es schon der Mühe nicht wert halten, sich seines Wohlwollens durch eine dauerhafte Verbindung seines Interesse mit dem ihrigen zu versichern. Was die Folgen dieses demokratischen Stolzes und der falschen Massregeln, wozu er sie verleiten wird, sein müssen, lässt sich, ohne dass man ein Tiresias zu sein braucht, leicht voraussehen. Aber die kurzsinnige Attische Aufgeblasenheit sieht nichts voraus, wird durch keine Erfahrung klüger, und begeht alle ihre grossen und kleinen Torheiten immer als ob es das erstemal wäre. – Doch, kein Wort weiter von Atenischen Staatsverhältnissen und demokratischen Albernheiten! Weiss ich denn nicht, wie widerlich und langweilig dir, mit Recht, diese Dinge sind? Auch soll es das letztemal sein, dass ich dich damit behellige! – Ein anderes wär' es, wenn ich dir von Zeit zu Zeit eine Aristophanische Komödie im Geschmack der Acharner, der Ritter und der Vögel mitzuteilen hätte, die dir ohne einen kleinen Commentar nicht immer verständlich wären. Aber solche Früchte bringt der Attische Boden nicht mehr hervor. Die Wiederherstellung der Demokratie hat zwar das Gesetz gegen den Missbrauch der ungezügelten Freiheit der alten Komödie83 ziemlich unkräftig gemacht: aber Zeit und Umstände scheinen unvermerkt auch auf diesen Zweig der öffentlichen Unterhaltung zu wirken, und ich betrachte die Komödie, wie ich sie seit meiner Zurückkunft finde,