zu sprechen. Uebrigens muss ich dir sagen, dass mein Ton ungefähr der nämliche war, worin Sokrates mit den Sophisten, und allen andern, denen es (wie er glaubte) nicht ernstlich um Wahrheit zu tun war, von solchen Dingen zu disputiren pflegte; und ich wollte diese gelegenheit nicht vorbei lassen, dir eine kleine probe zu geben, dass ich nicht drei Jahre lang mit einem solchen Meister in der subtilsten Dialektik gelebt habe, ohne ihm auch in diesem Stück etwas abzulernen; wiewohl ich gern gestehe, dass die ihm eigene ironischeinfältige Miene, die er in solchen Fällen anzunehmen wusste, schlechterdings dazu gehört, wenn diese Manier zu philosophiren ihre ganze wirkung tun soll.
Ich werde erst jetzt gewahr dass meine Erzählung unvermerkt zu einem Buch angeschwollen ist, und der Griffel in meiner Hand zu zittern anfängt. –
In wenigen Tagen, lieber Kleonidas, hoffe ich die schöne Minervenstadt wieder zu sehen, zu welcher ich mich, nach einer langen Trennung, von einer Art verliebter sehnsucht hingezogen fühle. Dass vielleicht auch die Nähe von Aegina Anteil an dieser Gemütsstimmung haben mag, warum sollt' ich es vor einem Freunde wie du verheimlichen wollen?
21.
Kleonidas an Aristipp.
Wenn ich nicht schon lange wüsste, dass du ein weiserer Mann, oder wenigstens ein nicht so heisser Liebhaber des Schönen bist als ich, so würde mich dein Benehmen gegen den leidigen Zerrbildner Diagoras davon überzeugt haben; denn ich muss gestehen, mir wäre es unmöglich gewesen, beim Anblick seiner unartigen Machwerke Geduld zu behalten. Mag doch immerhin eine Art von Genie und Kunst dazu gehören, auch an lächerlichen Carricaturen nicht über eine gewisse Gränzlinie hinauszuschweifen, und das Burleskhässliche nicht bis zum Ekelhaften, das Ueberladene und Verzerrte nicht bis zur gänzlichen Unnatur zu treiben: aber was berechtigt diesen Menschen, mit dem Mutwillen eines trunkenen Barbaren in das Heiligste der Kunst einzufallen, und, einer grillenhaften Phantasie zu Liebe, die Ideale alles Schönen, Lieblichen und Erhabenen zu verunstalten und in schmutzig possierliche Missgestalten zu verkehren, wozu er die Urbilder aus den Hefen der pöbelhaftesten natur zusammensuchen musste? Seine Götter und Göttinnen sind unstreitig die schlechteste Gesellschaft, die ein Mensch sich nur immer geben kann: aber mit welchem Recht erkühnt er sich, den Vater der Dichtkunst zu seinem Mitschuldigen zu machen? und wie kann er, ohne von seinem eigenen Gefühl Lügen gestraft zu werden, vorgeben: "seine Zerrbilder seien den Homerischen Göttern angemessener als die erhabenen Darstellungen eines Alkamenes und Phidias?" – Es ist wahr, wie hoch Homer sich auch immer über sein Zeitalter hätte schwingen mögen, bis zur göttlichen natur selbst vermocht' er sich und uns nie zu erheben. Er musste, gern oder ungern, die Götter zu uns herabziehen; aber, da er nun einmal genötigt war, sie entweder ganz aus dem Spiele zu lassen oder bloss als eine Art menschenähnlicher Wesen aufzuführen; bestand da nicht die grösste Kunst darin, sie, dessen was sie mit uns gemein haben ungeachtet, hoch genug über uns zu erheben, um einen stark in die Sinne fallenden und der Einbildung Ehrfurcht gebietenden Unterschied zu bewirken? Ich denke man kann in dieser Rücksicht mit dem, was er geleistet hat, zufrieden sein. Seine Götter nähren sich z.B. wie wir, aber weniger aus Bedürfniss als zum Vergnügen, von Ambrosia und Nektar, die ihren Leib in Unsterblichkeit und ewiger Jugend erhalten. Sie haben Leidenschaften wie wir; aber auch diese sind nur erhöhte Aeusserungen übermenschlicher Kräfte, oder Wirkungen des lebhaften Anteils, den sie an den Menschen nehmen. – Niemand wird zu läugnen begehren, dass dem Dichter der Ilias bei allem dem noch Spuren der Rohheit seines Zeitalters ankleben: indessen sollte, meines Bedünkens, auch der Umstand in Betrachtung kommen, dass, dem gemeinen Volksglauben nach, alle Heroen und Heroiden jener Zeit halbbürtige, mit Sterblichen erzeugte Götterkinder waren, und also der Abstand zwischen Göttern und Menschen bei weitem nicht so gross schien, dass es billig wäre, dem Dichter zum Vorwurf zu machen, wenn er sich hierin den Begriffen seiner Zeitgenossen fügte; zumal da er das Menschenähnliche seiner Götter fast immer dermassen zu veredeln weiss, dass in Stellen, wo sein Genius sich zum wirklichen Anschauen dieser himmlischen Naturen zu erheben scheint, selbst Pindars mächtiger Adlersflug sich nicht höher aufzuschwingen vermocht hat. Oder bedarf es etwa hiervon eines stärkern Beweises, als dass es ja eben der Homerische Götterkönig war, der den grössten Bildner unsrer Zeit mit der hohen idee begeisterte, die wir in seinem Jupiter Olympius so rein und kraftvoll dargestellt sehen, dass wir bei dessen Anblick, wie vom Schauder des gegenwärtigen Gottes ergriffen, die Augen niederzuschlagen genötigt sind und den Boden unter uns erzittern zu fühlen glauben? – Gesetzt aber auch (was kein unbefangener Leser Homers zugeben wird) der Dichter hätte durch seine Art die Götter reden und handeln zu lassen dem leichtfertigen Diagoras zu seinen Zerrbildern gelegenheit gegeben; mit welchem grund kann er es unsern grössten Meistern übel nehmen, dass sie alle Nerven ihrer Phantasie angestrengt haben, sich vermittelst dessen, was an der menschlichen natur das Schönste, Reinste und Vollkommenste ist, zu so hohen Idealen von Göttergestalten zu erheben, dass wir in ihren Werken, wie in teurgischen Erscheinungen, Götter zu sehen glauben, wiewohl wir im grund nur Menschen sehen? Ist es ihnen nicht vielmehr zum Verdienst anzurechnen, dass sie, in eben dem Augenblick da sie die Religion des Volkes durch die würdigsten Darstellungen, deren der gemeine Menschensinn fähig ist, reinigen, den