1800_Wieland_111_170.txt

um der Bequemlichkeit des gesellschaftlichen Lebens willen, vermittelst einer Art von Prosopopöie die Existenz zuzugestehen?

D i a g o r a s . Und so möchten wir, dächte ich, eben so wohl tun, wenn wir auch allen übrigen Dingen, die in unser Bewusstsein geraten, die nämliche Billigkeit widerfahren liessen?

I c h . Das könnten wir ohne Bedenken; aber was hätten wir damit gewonnen, wenn wir uns selbst von dem Grund ihres und unsres Daseins Rechenschaft geben sollten?

D i a g o r a s . Kann uns denn nicht genug sein dass wir da sind? Wozu brauchen wir nun eben den Grund zu wissen?

I c h . Diese Frage hast du dir selbst schon beantwortet, Diagoras, da du mir auf die meinige "was du an die Stelle der Götter setzest?" zur Antwort gabst: "mich selbst und alles was wirklich ist." – Es ist nun einmal in unsrer natur, sobald sich uns etwas als ausser uns darstellt, zu glauben es sei, und wissen zu wollen, was und woher und wie und warum es ist. Das kürzeste Mittel, sich hierüber zu beruhigen, schien den Menschen von jeher zu sein wenn sie Götter glaubten, in deren Macht und Willkür der Grund des Daseins und der Zusammenordnung der Dinge liege. Du willst mit diesem Behelf nichts zu tun haben, und setzest dich selbst und alles was wirklich ist an ihre Stelle. Aber bei näherer Untersuchung der Sache hat sich gefunden, dass dein eigenes Dasein eine sehr zweifelhafte Sache ist, da das Gefühl desselben lediglich auf dem vorausgesetzten Dasein anderer Dinge beruht, für deren Dasein du keine andere Gewähr hast als dein eigenes. Gesetzt aber auch es hätte mit deinem Dasein seine Richtigkeit, so ist es doch eine blosse nackte Tatsache und du hast auf die Frage: woher, wie und warum du da bist? noch immer keine Antwort. Denn dass du nicht immer da warest, und dass der Grund deines Daseins nicht in dir selbst sein kann, wirst du schwerlich in Abrede sein wollen.

D i a g o r a s . Es scheint in der Tat ich müsste auch etwas davon wissen, wenn ich immer gewesen wäre, und die Mutter die mich gebar, der Vater der mich auferzog, und der Schulmeister der mich im Homer lesen und die Melodien des alten Terpander plärren lehrte, müssten sich auf eine seltsame Weise getäuscht haben. Aber wozu braucht es aller dieser Leptologien81. Die Formel, über welche du mich schikanierst, soll nichts weiter sagen als: die natur entält alles was ist, war und sein wird, und es bedarf keines andern Grundes für mein und aller übrigen Dinge Dasein als sie.

I c h . Die natur! – Ein grosses viel umfassendes Wort! Und was denkst du dir eigentlich dabei?

D i a g o r a s . Wie ich sagte, das, woher alles was ist, war, und sein wird, seinen Ursprung und die Nahrung seines Wesens zieht.

I c h . Ich glaube die Bedeutung jedes einzelnen Wortes dieses Satzes zu wissen; aber bei dem ganzen kann ich mir nichts Deutliches denken.

D i a g o r a s . Ich, die Wahrheit zu sagen, eben so wenig.

I c h . Du hättest also ungefähr so viel als gar nichts damit gesagt?

D i a g o r a s . Ist es meine Schuld dass die natur etwas Unbegreifliches ist?

I c h . Irgend eine dunkle Vorstellung muss denn doch wohl mit diesem unbegreiflichen Worte verbunden sein. Denkst du dir die natur vielleicht als eine unendliche Reihe an einander geketteter einzelner Dinge?

D i a g o r a s . Ich sehe wohin du willst, Aristipp, und ich will dir die Mühe ersparen, mir die Ungereimteit einer unendlichen Reihe von Eiern und Hühnern darzutun. Ich denke mir die natur als das einzige, ewige, unendliche Urwesen, und alles was ist als eine Art von Erzeugnissen, die es ewig aus sich selbst hervorbringt.

I c h . Da hätten wir den Kronos der Dichter, der seine eignen Kinder aufisst, um immer neue zeugen zu können?

D i a g o r a s . Oder, wenn du lieber willst, so stelle sie dir als den Proteus vor, der sich selbst in alle möglichen Gestalten wandelt.

I c h . Für poetische Darstellungen mögen diese Bilder brauchbar genug sein; aber dem verstand erklären sie nichts, und wir sind noch um kein Haar breit weiter als anfangs. Alles was ich sehe ist, dass du dich so gut als wir andern genötigt fühlst, etwas Erstes, Unerklärbares, Unendliches, mit Einem Worte, Göttliches zu glauben, um dich nicht in einem Labyrint von fragen und Zweifeln zu verlieren, aus welchem kein Ausgang ist. –

D i a g o r a s . Und weiter wollen wir uns, wenn dir's gefällig ist, nicht versteigen.

Mit diesen Worten führte mich Diagoras zu seinen Götterbildern zurück, um (wie er sagte) die Spinneweben wieder los zu werden, womit uns der Sophistische Dialog über Sein und Nichtsein den Kopf angefüllt habe. Er liess mich eine Menge possierlicher Dinge bemerken, welche meiner Aufmerksamkeit entgangen waren, und überzeugte mich durch sein herzliches Wohlgefallen an den Missgeburten seiner witzelnden Phantasie immer mehr, wie lächerlich es von mir gewesen wäre, über einen Gegenstand, für welchen er keinen Sinn hatte, in einem ernstaftern Tone