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ist, ist ein und eben dasselbe. Indem ich, zum Beispiel, den Feigenbaum dort sehe, fühle ich dass ich ihn sehe, das ist, ich sehe ihn in mir selbst, und so fühle ich in einem und eben demselben Augenblick mein und sein Dasein.

I c h . Sein Dasein in dir, meinst du?

D i a g o r a s . Ich sehe ihn zwar in mir selbst, aber als etwas ausser mir Befindliches; und warum wäre das, wenn er nicht wirklich ausser mir wäre?

I c h . Du siehst einen Centauren, eine Sirene, auch ausser dir, und es sind doch blosse Geschöpfe deiner Phantasie. Woher weisst du, dass es mit dem Baum und allem andern, was du zu sehen meinest, nicht eben dieselbe Bewandtniss hat?

D i a g o r a s . Allerdings ist es meine Phantasie, die aus der Hälfte eines Menschen und eines Pferdes einen Centauren, und aus einem weib, einem Vogel und einem Fische eine Sirene zusammensetzt: aber das könnte sie nicht, wenn ich nicht wirklich Menschen, Pferde, Vögel und Fische gesehen hätte.

I c h . Du hältst also alles für wirklich, was du in einer lebhaften künstlerischen Begeisterung siehest? Oder warum solltest du diese Einbildungen nicht für eben so wirkliche Dinge ausser dir halten, wie die nämlichen Vorstellungen, wenn sie unter der Beglaubigung deiner Sinne in dein Bewusstsein kommen?

D i a g o r a s . Weil ich einen sehr wesentlichen Unterschied zwischen ihnen fühle. Wenn ich mir z.B. die Lemnische Venus bloss in Gedanken vorstelle, so sehe ich sie in meiner Einbildung zwar auch ausser mir, aber ungleich weniger klar und lebhaft, als wenn das Gebilde des Phidias wirklich vor mir stände; und was noch mehr ist, es hängt bloss von mir ab, ob ich das Gedankenbild sehen will oder nicht; stehe ich hingegen zu Lemnos vor dem wirklichen Bilde der Göttin, so muss ich es sehen, ich wolle oder wolle nicht.

I c h . Wie? auch wenn du die Augen zumachst?

D i a g o r a s . Welche Frage!

I c h . Ich will bloss damit sagen: was du mit deinen Augen siehest, dringt sich dir nur so lange mit Gewalt auf, als du es wirklich ansiehest. Ist es aber mit dem, was du bloss in deiner Einbildung siehest, etwa anders? Sobald die Bedingung da ist, d.i. sobald deine Einbildung dir dieses Bild darstellt, musst du es eben so wohl, obgleich weniger lebhaft, sehen, als wenn deine Augen es dir dargestellt hätten, und im letzteren Falle steht es nicht weniger bei dir, die Augen wegzuwenden oder zuzuschliessen, als im erstern deine Einbildungskraft auf etwas anderes zu richten.

D i a g o r a s . Aber setze dass du, an eine Säule gebunden, gegeisselt werdest, steht es dann auch in deinem Belieben, ob du die Pein der Geissel fühlen wollest oder nicht?

I c h . So vieler Gewalt über meine Sinne rühme ich mich keinesweges. Aber setze du dagegen einen verrückten Menschen, der sich in seinem Wahnsinn einbildet, dass er gegeisselt werde: fühlt er die Pein der bloss eingebildeten Geissel nicht eben so lebhaft als wenn sie wirklich wäre? Dem Wahnsinnigen tut seine kranke Phantasie eben dieselbe Gewalt an, welche in dem Falle, den du setztest, dem Gesunden geschieht.

D i a g o r a s . Und was schliessest du aus dem allen?

I c h . Dass du keinen hinlänglichen Grund hast, von deinem Gefühl auf die Realität dessen was du fühlst zu schliessen.

D i a g o r a s . Deiner Meinung nach gingen also alle meine Vorstellungen aus mir selbst hervor, und ich hätte keine Ursache zu glauben, dass etwas ausser mir wäre?

I c h . Ich behaupte nicht dass es wirklich so sei; aber aus dem Gesagten scheint es wenigstens so. Wie kämen auch die vermeinten Dinge ausser dir dazu, Vorstellungen in dich zu bringen, die sich nicht in deiner Seele selbst erzeugt hätten? Gesetzt aber auch, dieser Feigenbaum werfe ein kleines Bild seiner Gestalt in dein Auge, und es reflectire aus deinem auge' in deine Seele, so wäre zwischen einem solchen Bild und dem Bewusstsein, womit du es siehest, nicht das geringste Causalverhältniss; und doch wird es bloss dadurch, dass du dir bewusst bist es zu sehen, etwas in dir Wirkliches. Kurz, um Dinge ausser dir wahrzunehmen, muss deine Seele so viel tun, dass du wenigstens Ursache hast zu zweifeln, ob sie nicht alles tue.

D i a g o r a s . Aber, wie wär' es möglich, Aristipp, dass du nicht sehen solltest, in welche Ungereimteiten ein solcher Zweifel führen würde? Wenn alle meine Vorstellungen blosse Geschöpfe der denkenden Kraft in mir sind, bin ich nicht genötiget, mich für das einzige wirkliche Wesen zu halten? Nun sind aber alle andern Menschen in dem nämlichen Falle, und wenn sie alle so räsonniren wollten, was sollte aus dreissig oder vierzigtausend Miriaden Narren werden, deren jeder sich einbildete, alle übrigen seien nichts als in ihm selbst erzeugte Gedankenbilder?

I c h . Es käme darauf an dass sie sich darüber mit einander verglichen. Da einer so viel Recht hätte als der andere, warum sollten sie nicht in Güte übereinkommen können, einander,