die Atener (um ihr ungerechtes und grausames Verfahren – vor sich selbst zu rechtfertigen) auf alle Melier geworfen hatten, desto schwerer gebüsst haben, wenn mein gutes Glück mir nicht wenige Tage vor dem Ausbruch des Ungewitters, das sich seit einiger Zeit über mir zusammenzog, einen Weg zur Flucht eröffnet hätte. Denn ich wurde gleich nach meiner Entfernung von den Eumolpiden79 gerichtlich angeklagt, die heiligen Mysterien verraten, und die Jugend von der Initiation abgehalten zu haben. Beide Beschuldigungen wurden gerichtlich erwiesen, und hätten in der Tat nicht geläugnet werden können; und so würde, anstatt dass ich jetzt in dieser stillen Freistätte sicher atme, der Sturz in das furchtbare Baratron80 mein los gewesen sein, wenn ich mich nicht lieber auf die Behendigkeit meiner Fersen verlassen hätte, als auf die Güte meiner Sache, von welcher ich meine Richter schwerlich hätte überzeugen können.
Diagoras endigte hier seinen Bericht, und du wirst vermutlich gern sehen, dass ich ebenfalls eine Pause in meiner Erzählung mache.
Ich wage es, lieber Kleonidas, in Hoffnung dir durch die Länge dieser Epistel nicht lästig zu sein, in meiner angefangenen Erzählung fortzufahren. Sollte sie dich nicht müssig genug antreffen, um sie nicht zu lang zu finden, so kannst du sie ja bei Seite legen. Es gibt auch in dem tätigsten und genussreichsten Leben doch zuweilen eine Stunde, mit der man nichts anzufangen weiss, und es müsste nicht gut sein, wenn sie dir in einer solchen Stunde nicht einige Unterhaltung verschaffen könnte.
Mein alter Wirt schien sich das Betragen, welches ihm die Verbannung aus allen Griechischen Staaten zugezogen hatte, so wenig gereuen zu lassen, und sich bei seiner Ohngötterei so wohl zu befinden, dass mir nicht einfallen konnte, ihn darüber anzufechten. Meine Denkart über diese Dinge ist ungefähr dieselbe, wozu der Weise von Abdera ihn vergeblich zu bereden gesucht hatte. Es würde zu nichts geholfen haben, die seinige mit den nämlichen Gründen zu bestreiten; zumal da er, in seiner gegenwärtigen Abgeschiedenheit, von den Menschen eben so wenig zu besorgen hat, als von den Göttern; und überhaupt ist es einer meiner Grundsätze, mit niemanden über das, was er von den überirdischen und dämonischen Dingen glaubt, oder nicht glaubt, zu hadern. Uns in allen den Gesetzen und Gebräuchen der Völker, unter welchen wir wohnen, zu unterwerfen, oder wenigstens nicht mit dem Kopf vorwärts gegen sie anzurennen, macht uns schon die blosse Urbanität zur Pflicht, wenn es auch die sorge für unsre eigene Ruhe nicht so gebieterisch forderte. Wer sich, wie Diagoras, den Hass der Priesterschaft geflissentlich zuziehen will, tut wohl, wenn er die unangenehmen Folgen desselben auch wie Diagoras trägt, als etwas das eben so unfehlbar zu erwarten war, als dass man gebrannt wird, wenn man dem Feuer zu nahe kommt. Will er es demungeachtet darauf ankommen lassen, wer kann's ihm wehren? Wie gleichgültig mir also in dieser Rücksicht die Religion des Diagoras sein konnte, so hatte doch ein Wort, das ihm im Lauf seiner Erzählung entfallen war, meine Neugier rege gemacht: und da wir einmal auf dieser Materie waren, erinnerte ich ihn jenes Wortes, woraus ich schliessen müsste, sein Ateism sei nicht so unbedingt, dass er allen Glauben an etwas Göttliches aufhebe. Du scheinst, sagte ich, in deinem Gedankensystem an die Stelle der Götter, die du läugnest, etwas anderes zu setzen. Darf man fragen was?
D i a g o r a s . Mich selbst, und alles was wirklich ist, erwiderte er.
I c h . Das ist viel auf einmal gesagt, Diagoras! woher weisst du dass etwas wirklich ist?
D i a g o r a s . Weil ich weiss dass ich selbst bin.
I c h . Und woher kannst du wissen dass du selbst bist?
Mein Mann schien ein wenig zu stutzen. – Eine seltsame Frage, sagte er lachend.
I c h . Es wäre noch seltsamer, wenn sie dir nie aufgestossen wäre.
D i a g o r a s . Nie in meinem ganzen Leben. Aber die Antwort ist auch so leicht, dass sie mir bloss desswegen nicht sogleich beifiel. Ich weiss dass ich bin, weil ich sehe, höre, fühle, denke, mich selbst bewege, und – zwar nicht alles, aber doch sehr vieles kann, was ich will.
I c h . Könntest du das alles, wenn du nicht schon da wärest?
D i a g o r a s . Schwerlich!
I c h . Und wenn die Dinge nicht da wären, die dir zu diesen Aeusserungen deines Daseins Anlass geben? –
D i a g o r a s . Ohne Zweifel, nein.
I c h . Du weisst also, dass du bist, weil es Dinge ausser dir gibt, die dieses Selbstbewusstsein in dir erwecken; du könntest aber nicht wissen, dass es Dinge ausser dir gebe, wenn du nicht wüsstest, dass du selbst bist. Diess, dünkt mich, heisst sich in einem Kreise herum drehen, der weder Anfang noch Ende hat, und du hast also keinen hinlänglichen Grund zu glauben, dass du selbst bist.
D i a g o r a s . Pure Sophistereien! Ich glaube nicht dass ich bin, und, genau zu reden, weiss ich es auch nicht; aber ich fühl' es, und das ist genug. Dieses Selbstgefühl, und das Gefühl dass etwas ausser mir