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stärksten Bande der Ordnung und Sittlichkeit war, in dieser Eigenschaft noch nicht alle Kraft verloren hat, soll sie, denke ich, von den Weisen geschont und geachtet werden; wie löblich und nötig es auch übrigens ist, den Aberglauben durch kluge Verbreitung richtiger Begriffe von der natur der Dinge nach und nach dermassen zu entkräften, dass er, wie die Spulwürmer durch gewisse Arzneien, zuletzt unvermerkt und ohne Beschwerde, gleichsam von selbst von den Menschen abgeht. Du erlaubst mir alles, erwiderte ich, indem du mir das Recht zugestehst gegen den Aberglauben zu arbeiten. Denn was ist unsre Volksreligion anders als der gröbste und lächerlichste Aberglaube? Ich läugne nicht, dass er noch wirksam ist; aber dass er den wohltätigen sittlichen Einfluss, den er ehemals gehabt haben soll, noch in unsern Tagen habe, das ist was ich ihm gänzlich abspreche. Was hilft z.B. der Glaube an Zeus den Rächer des Meineides? Der ehrliche Mann schwört keinen falschen Eid, nicht weil er den Donner des Horkios72 fürchtet, sondern weil er ein ehrlicher Mann ist; und wer es nicht ist, sieht so viele Meineidige unangedonnert herumgehen, und findet überdiess bei den Priestern so viel Bereitwilligkeit ihn für die Gebühr mit Jupiter Horkios auszusöhnen, dass die Furcht vor seinen Donnerkeilen ihn keinen Augenblick zurückhält. Der noch immer im Schwange gehende Glaube an die Orakel, und die Vorbedeutungen die man aus den Eingeweiden der Opfertiere nimmt, ist, wenigstens auf Seiten unsrer bürgerlichen Obrigkeiten und Kriegsbefehlshaber, pure Heuchelei, und kann also weder Gehorsam gegen göttliche Winke noch Zuversicht auf göttlichen Beistand wirken. Man hat schon lange Mittel gefunden, die Pytia sagen zu lassen was man will; oder ihre Aussprüche sind so geflissentlich rätselhaft und vieldeutig, dass man sie nach eignem Gefallen deuten kann; und wenn die Milzen und Lebern der Opfertiere nicht günstig sind, so schlachtet man so lange andre, bis die Vorbedeutung endlich nach Wunsch ausfällt. Demokritus behauptete: in den Händen kluger Regenten und Heerführer könne dieser Aberglaube, so lang' er noch seine wirkung auf die Menge tue, in vielen Fällen den glücklichen Ausgang einer Unternehmung entscheiden, oder grosses Unheil verhüten; und was ich ihm auch entgegen hielt, immer kam er auf den Grundsatz zurück: es sei unweislich gehandelt, ein durch die Länge der Zeit ehrwürdig gewordenes Institut zu vernichten, bevor man gewiss sei, etwas Besseres an seine Stelle gesetzt zu haben. Ist das Bessere wirklich da, sagte er, so wird das Schlechtere von selbst fallen. Wer wird fortfahren wollen, in einem morschen, täglich den Einsturz drohenden haus zu wohnen, wenn es nur auf ihn ankommt, ein bequemeres neugebautes zu beziehen? Aber ehe man sich Wetter und Winden unter freiem Himmel preisgibt, behilft man sich lieber in einem baufälligen haus, und stützt und flickt so lange daran als es gehen will.

Da es bei Streitigkeiten dieser Art beiden Teilen nie an Antwort fehlt, so erneuerten wir den Kampf bei jeder gelegenheit, und Demokritus, der mir ernstlich wohl wollte, gab sich viele Mühe, mich zu bewegen, dass ich dem Gedanken, den Göttern und Priestern öffentlich den Krieg anzukündigen, auf immer Abschied geben möchte. Aber der Hass, den die Betrügereien der letzteren und der vielfache Missbrauch ihres Einflusses auf den grossen und kleinen Pöbel in mir angezündet hatten, war ein Feuer, das sich nicht lange heimlich im Busen herum tragen liess; und kaum hatte ich mich von meinem weisern Freunde wieder getrennt, so warf ich die Larve, die zu meinem Zwecke bisher nötig gewesen war, von mir, und zeigte mich überall in meiner wahren Gestalt. Alles was seine Warnungen über mich gewonnen hatten, war, dass ich anfangs mit einiger Behutsamkeit zu Werke ging. Indem ich alle Arten von Aberglauben teils zu untergraben, teils geradezu lächerlich zu machen suchte, schonte ich wenigstens die Polias73 zu Aten, die Juno zu Argos und Samos74, den Apollo zu Delphi75, und Jupitern überall76. Nirgends gelang mir diess besser als zu Aten, wo der glückliche Erfolg des ungezügelten Mutwillens, womit Aristophanes77 Götter und Menschen dem Gelächter des Pöbels preisgab, mich aufmunterte, mir grössere Freiheiten herauszunehmen. Wirklich können die Atener, denen ein witziger Einfall über alles geht, viel mehr ertragen als andere Griechen, und so lange ich mich begnügte über Götter, Orakel und Orgien nur zu scherzen, liess man meine Einfälle für absichtlose Ergiessungen einer komischen Laune gelten, wobei mehr Unbesonnenheit als böser Wille sei. Als ich aber immer kühner ward, und meine Lehrsätze und Meinungen, nicht nur in vertrautern Gesellschaften sondern sogar auf öffentlichen Versammlungsplätzen, in einem ernstaften Tone zu behaupten anfing; geschah, was ich hätte voraussehen können, und was mir Demokritus mehr als einmal vorher gesagt hatte. Ich bekam zwar einen Anhang von Jünglingen, für welche die blosse Kühnheit einer Philosophie, die sich über alle Vorurteile hinwegsetzt, und auf das, was andern das Ehrwürdigste ist, mit tiefer Verachtung herabsieht, schon die Kraft des vollständigsten Beweises hatte: aber gerade dieser Umstand verschlimmerte meine Sache in den Augen der Alten. Die Priester fingen an zu murren, und ehe ich mir's versah, erklärte sich beinahe ganz Aten gegen den Melier78, der die Vermessenheit hatte, von Göttern, welche ein uralter Besitz gegen alle Beeinträchtigungen sicher stellte, zu fordern, dass sie die Titel der Rechtmässigkeit desselben vorzeigen sollten. Zu allem diesem kam endlich noch das bekannte Unglück meiner armen Vaterstadt, und unfehlbar würde ich den Hass, den