und späterer, einheimischer und ausländischer Sagen herschreibt, wozu die fremden Colonisten die Veranlassung gegeben haben mögen. Nichtsdestoweniger setze ich die dritte Epoche unsers alten Religionswesens in die Zeit des Aegyptiers Cekrops, insofern ich ihn als den wahren Stifter der Eleusinischen Mysterien betrachte, von welchen alle übrigen, (die Aegyptischen des Osiris und der Isis, welche jenen selbst zum Muster dienten, ausgenommen) blosse Nachahmungen sind. Bis dahin war die Religion unsrer teils wild gebliebenen, teils nach und nach wieder verwilderten Griechen blosse Deisidämonie gewesen; und wiewohl zu glauben ist, dass wenigstens die Schutzgötter jedes Volkes, Stammes und Ortes schon lange vor Cekrops und Kadmus öffentliche Altäre, Tempel und Priester hatten, so findet sich doch keine Ursache, auch nur zu vermuten, dass man bei den Opfern und Gelübden, die man ihnen darbrachte, etwas anders abgezielt habe, als sich ihrer Gnade und ihres Schutzes zu versichern, oder ihren Zorn, welchem man alle physischen und moralischen Uebel zuschrieb, zu besänftigen. Der Glaube, dass Zeus selbst unmittelbarer Schirmherr des gastlichen Rechts und Rächer des Meineides sei, und dass jeder, sogar unvorsetzliche Mord von den Erinnyen rastlos verfolgt werde, war damals alles, was die Religion zu Beförderung der Humanität unter den ungeschlachten Horden, welche nach und nach mit vieler Schwierigkeit zum bürgerlichen Leben vermocht worden waren, beitrug. Aber die neuen Gesetzgeber fanden (den Begriffen gemäss, die sie aus ihrem land mitgebracht), teils zur Erhaltung und Aufnahme ihrer neuerrichteten Colonien, teils überhaupt zur Befestigung der bürgerlichen Ordnung unter einem ungeschlachten volk nötig, das schwache Ansehen der gesetz durch den Glauben zu stützen, "dass die Götter unmittelbare Kundschaft von dem Tun und Lassen der Menschen nehmen, und, nicht zufrieden schon in diesem Leben die Bösen zu strafen und die Guten zu belohnen, auch die Seelen der Verstorbenen vor ein unerbittlich strenges Gericht forderten, und je nachdem sie entweder unsträflich gelebt, oder sich mit noch ungebüssten Verbrechen befleckt hätten, in jenem Falle in einen wonnevollen Zustand versetzten, in diesem durch die schrecklichsten Peinigungen zur Strafe zögen." Diese Lehre, dem Volk als Glaubenspunkte bloss durch mündlichen Vortrag eingeschärft, würde wenig Eindruck gemacht haben: aber durch die Mysterien symbolisirt, und unter einer Menge Ehrfurcht gebietender Feierlichkeiten den Sinnen selbst unmittelbar dargestellt, musste sie auf äusserst sinnliche und abergläubische Menschen, die man in den unterirdischen Wölbungen des Tempels zu Eleusis durch künstliche Täuschungen erst in den Tartarus, dann in die Elysischen Haine versetzte, die grösste wirkung tun. Du wirst nicht vergessen haben, Diagoras, wie dir selbst, trotz deinem Unglauben, dabei zu Mute war, und du kannst von dem Eindruck, den das, was du hörtest und sahest, auf deine Einbildung machte, auf denjenigen schliessen, den solche Anschauungen auf ungebildete Menschen machen mussten, die sich nicht, wie du, in ein Schauspiel, sondern übernatürlicher Weise in die wirkliche Unterwelt versetzt glaubten. Ich gestehe, sagte ich, dass sich, bei dem feierlich langsamen Durchgang durch die labyrintischen Windungen des Tartarus, über das was ich hörte, und in einer durch zuckende Blitze und wirbelnde Rauch- und Flammenwellen erleuchteten sichtbaren Dunkelheit zu sehen glaubte, alle Haarspitzen auf meinem kopf und an meinem ganzen leib empor richteten. Aber freilich wird der Eindruck, den diess allenfalls auf ein weiches Gemüt machen könnte, durch den geheimen Unterricht, den man bei der zweiten grossen Weihe empfängt, wieder rein ausgelöscht. Daher, sagte Demokritus, wurden ehmals keine andern zu dieser hohen Weihe zugelassen, als Männer, die man stark genug glaubte starke Wahrheiten zu ertragen, und edel genug, sie gehörig zu gebrauchen. Ueberdiess zweifle ich nicht, dass die zweite Initiation bei den Eleusinischen Mysterien in ihrem Ursprung entweder noch gar nicht stattgefunden, oder wenigstens eine andere, der Einfalt jener zeiten angemessenere Beschaffenheit gehabt habe.
Wenn ich dir alles zugebe, versetzte ich, was du mit vieler Scheinbarkeit von den drei Epochen der Religion unserer Väter gesagt hast, was gewinnt sie dabei in ihrem dermaligen Zustande? Wir leben in einer vierten Epoche, wo kein gebildeter Mensch mehr an Götter glaubt die nie gewesen sind, und unsre eben so ungläubigen Priester, mit den reichen Einkünften, die jedem sein Gott verschafft, zufrieden, sich eher um alles andere bekümmern, als um den sittlichen Einfluss, den die Religion auf das Gemüt der Menschen haben könnte.
Es sollte mir nicht schwer sein, dir beides streitig zu machen, erwiderte Demokritus: aber, wenn ich dir auch gestehe, dass mir gerade kein Priester beifällt, den ich deiner Behauptung entgegenzustellen wagen möchte; so ist doch die anhänglichkeit des grossen Haufens an den Glauben ihrer Voreltern noch immer so augenscheinlich, dass ich niemand raten wollte, ihn auf die probe zu setzen. Sogar unter den ersten Männern unsrer Zeit kenne ich mehr als Einen, der so stark als seine Grossmutter an Orakel, Vögel und Opferlebern glaubt, vor einer Mondfinsterniss oder einer Doppelsonne wie vor einem Unglückszeichen erschrickt, und mit dem grössten Ernst einem ganzen Senat oder den versammelten Befehlshabern eines Kriegsheers erzählt, was ihm diese Nacht geträumt hat. Macht diess die Sache unserer Priester nicht besser, so beweiset es wenigstens: dass unser alter Volksglaube noch bei weitem nicht so unwirksam ist als du dir einzubilden scheinst; und ich ziehe daraus die Folge, dass es, sowohl für einzelne Personen als für den Staat selbst, gefährlich wäre, sich über diesen Punkt zu täuschen. So lange die Religion, die bei Errichtung der bürgerlichen Gesellschaft eines der