, da mir, bei aller Aufklärung die ich über unsre Mysterien erhalten habe, der Hauptpunkt noch immer unbegreiflich geblieben ist. – Was könnte diess wohl sein? fragte Demokritus. – Weiter nichts, als wie es möglich ist, dass bei der unendlichen Menge von – Iniziirten, es noch einen einzigen vernünftigen Menschen geben kann, der sich durch ein so grobes Gewebe von Betrug, Gaukelei, Kindermährchen und Kinderpossen, wie die Religion unsrer Väter ist, noch einen Augenblick täuschen lassen kann. Denn wirklich tut die Priesterschaft ihr Möglichstes uns die Augen zu öffnen. – Ich sehe, erwiderte er, dass du mit allen deinen Nachforschungen noch immer nicht auf den Grund der Sache gekommen bist. Wir machen uns fast allemal einer Ungerechtigkeit schuldig, wenn wir irgend etwas Menschliches, sei es – Glaube, Gewohnheit, Sitte, oder – Lehre, Gesetz, Institut, eher für ganz ungereimt und verwerflich erklären, bevor wir unbefangen erforscht haben, ob es nicht in seinem Ursprung, zu seiner Zeit und in seiner ersten Gestalt, gut, schicklich und zweckmässig war. Ich bin gänzlich deiner Meinung, dass der Gebrauch, den die Priesterschaft heutzutage von ihren Orakeln und Mysterien macht, die Verachtung, die du dagegen gefasst hast, mehr als zu sehr rechtfertigt: nichtsdestoweniger scheinen mir beide zur Zeit ihrer Einsetzung schickliche Mittel zu einem löblichen Zweck gewesen zu sein, und um dieser Ursache willen einige Schonung zu verdienen. Die undurchdringliche Finsterniss, die auf der ältesten geschichte aller Völker liegt, hat mich nicht abgeschreckt, in den Altertümern des unsrigen so weit zu forschen als irgend ein hier und da hervorbrechender Lichtpunkt mir vorzudringen erlaubte. Dem, was ich darin wahrzunehmen glaubte, zufolge, nehme ich drei verschiedene Epochen an, in welchen unsre Volksreligion sich nach und nach zu dem, was sie noch zu unsrer Väter Zeit war, gestaltet hat. Denn über das, was sie jetzt ist, sind wir, denke ich, ziemlich einverstanden. Der erste dieser Zeitpunkte ist der, da unser Land noch von ganz rohen Naturmenschen, oder richtiger gesagt, Tiermenschen bewohnt war. So lange der Mensch auf dieser untersten Stufe steht, kann man von ihm so wenig, als von irgend einem andern Tiere, sagen, dass er eine Religion habe: es ist etwas der Religion Aehnliches, wie man einigen Tieren etwas der Vernunft Aehnliches zuschreibt. Ein dumpfes Gefühl der gewaltigen, ihm unbegreiflichen Kräfte der natur, das bei ungewöhnlichen, vorzüglich bei furchtbaren Naturbegebenheiten in ihm erregt wird, ist der rohe Stoff, woraus der finstre, schwermütige und schreckhafte Aberglaube, in welchem wir die Kindheit des Menschengeschlechts befangen sehen, sich nach und nach hervorarbeitet. Das Wort Deisidämonie scheint in unsrer Sprache ganz eigentlich für diesen Zustand gemacht zu sein; etwas Bestimmteres von der besonderen Gestalt, welche dieser noch so sehr unförmliche, dem Zufall und einer ungebändigten Einbildungskraft gänzlich überlass'ne Dämonism70, unter den Autochtonen71 unsers Landes angenommen haben mag, weiss ich nicht zu sagen.
Die zweite Epoche scheint mir die ebenfalls unbestimmbare, uralte Zeit zu sein, da die Titanen, vermutlich vom Kaukasus her, sich eines grossen Teils der nachmaligen Hellas bemächtigten, und ein Reich stifteten, das von keiner langen Dauer gewesen zu sein, aber doch den ersten Grund zur Civilisirung dieser Gegenden gelegt zu haben scheint. Durch die Länge der Zeit musste unter einem volk, dem die Kunst, Gedanken und Worte mittelst einer leichten Art von Bezeichnung zu verkörpern und festzuhalten, noch unbekannt war, die geschichte der Titanen, durch blosse mündliche Ueberlieferung fortgepflanzt, nach und nach zu Sagen, und, durch eine Kette von Veränderungen, Revolutionen und zufälligen Ursachen aller Art, endlich zu Volksmährchen werden, wovon unsre übelzusammenhängende ältere Götterund Heroengeschichte ein verworrenes Chaos ist. Unzählige Spuren setzen indessen ihr ehemaliges Dasein und ihre Verdienste um die ältesten Bewohner Griechenlands ausser allen Zweifel. Mit ihnen kamen die zu einem menschlichen Leben unentbehrlichen Künste zuerst in diese Gegenden; und, aller Wahrscheinlichkeit nach, schreibt sich auch die Einführung der ältesten Religion des obern Asiens, die Verehrung des himmels und der Erde, der Sonne und des Mondes von ihnen her. Wie es nun zuging, dass in der Folge die Titanen selbst für Söhne des himmels und der Erde gehalten und kraft eines Erbrechtes, das ihnen von niemand streitig gemacht wurde, teils an die Stelle der Sonne und des Mondes, teils in den Besitz der Oberherrschaft über Luft und Erde, wasser und Feuer gesetzt, teils, als die Urheber der ersten Anfänge des bürgerlichen Lebens, des Feldbaues und der dazu nötigen Künste, lange nach ihrem tod göttlich verehrt wurden; ingleichem wie die Regierungsveränderungen, die sich in diesem vergötterten Geschlechte ereignet haben sollen, zu erklären sind, übergehe ich, als zu dem, wovon jetzt die Rede ist, nicht gehörig, und bemerke nur, dass die spätern Aegyptischen und Phönicischen Stifter oder Wiederhersteller der Städte Aten und Teben, Cekrops und Kadmus, als sie nach Griechenland kamen, unsre vornehmsten Götter, Zeus und Here, Poseidon, Apollo und Artemis, Pallas Atene und Aphrodite, Demeter und Persephone, Ares, Hermes und Hephästos (sämmtlich aus dem Titanengeschlechte) vermutlich schon im Besitz der öffentlichen Anbetung gefunden und um so mehr ungestört darin gelassen haben, da sie ihre eigenen Götter, nur unter andern Namen, in ihnen wiederfanden; wiewohl ich nicht zweifle, dass ein grosser teil der Verwirrungen und Widersprüche, die in der Genealogie und geschichte der Griechischen Götter herrschen, sich von den mannichfaltigen Vermischungen älterer