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den sie genommen zu verfolgen, und nicht eher zu ruhen, bis mir in diesem Fache nichts mehr zu ergründen übrig wäre. Ich führte diesen Plan aus, sobald ich durch den Tod meines Vaters das Vermögen dazu bekam. Ich brachte mehrere Jahre damit zu; und da wir natürlicherweise nach dem, was an uns in die Augen fällt, beurteilt werden, so konnte' es nicht fehlen dass ich mir durch eine so ungewöhnliche Anwendung meiner Zeit und meines Vermögens den Ruf eines bis zur Schwärmerei religiösen Menschen zuzog; einen Ruf, den ich selbst, so lang' er meinen Absichten beförderlich sein konnte, auf alle Weise zu unterhalten beflissen war."

"Auf der letzten Reise, die ich zu Vollendung meines Plans zu machen hatte, ward ich zufälligerweise mit dem berühmten Abderiten Demokritus bekannt, den eine ähnliche Wissbegierde seit vielen Jahren in der Welt herum trieb; nur dass seine Absicht mehr auf Naturgeschichte, und auf die physischen, astronomischen und medicinischen Geheimnisse der Aegyptischen Priester, Magier und Orphiker, als auf die religiösen gerichtet war. Wer die Mitbürger dieses ausserordentlichen Mannes kennt, sollte glauben, sein Genius habe Mittel gefunden, sich alles Verstandes, den die natur unter die Bewohner von Abdera verteilen wollte, für ihn allein zu bemächtigen. Mir wenigstens ist unter so vielen merkwürdigen Männern, deren Bekanntschaft zu machen meine Reisen mir gelegenheit verschafften, keiner vorgekommen, der mit einem so hellen und so viel umfassenden Geist einen so unermüdeten Fleiss in Erforschung der natur, und mit beidem so viel Gutlaunigkeit und Anmut im Umgang vereinigte wie Demokritus. Von der ersten Stunde unsrer Bekanntschaft an fühlte ich mich so stark von ihm angezogen, dass ich nie wieder von ihm getrennt zu werden wünschte; und auch er fasste so viele Zuneigung für mich, dass er mir nicht nur erlaubte ihn auf seinen übrigen Wanderungen zu begleiten, sondern auch Vergnügen daran fand, mich in seinen eigenen Mysterien einzuweihen, welche mir, wie du gerne glauben wirst, eine ganz andere Befriedigung gaben als die priesterlichen, womit ich einige der besten Jahre meines Lebens vertändelt hatte. Die Bekanntschaft mit diesem mann hätte mir viel Ungemach und die notwendigkeit, mein Dasein in einer Felsenkluft zu verheimlichen, ersparen mögen, wenn ein Mensch seinem Schicksal entgehen könnte, oder richtiger zu reden, wenn ich meinen Eifer, die Menschen vernünftiger zu machen als sie zu sein fähig sind, im Zaume zu halten gewusst hätte."

Was du mir da sagst, fiel ich ein, setzt mich desto mehr in Verwunderung, da ich nach dem Ruf, worin Demokritus steht, eher alles andere als einen Sachwalter der Götter von ihm erwartet hätte.

Der war er denn auch so eigentlich nicht, versetzte Diagoras; aber er hatte sich über diesen Punkt ein System gemacht, wobei er seine Vernunft zu retten glaubte, ohne mit den Priestern und Mystagogen, die den Glauben an ihre Götter und Mysterien zu einer Bürgerpflicht zu erheben gewusst haben, jemals in offne Fehde zu geraten.

Du würdest mich verbinden, sagte ich, wenn du mich mit seiner Denkart über diesen Gegenstand näher bekannt machen wolltest. – Diess kann nicht besser geschehen, erwiderte Diagoras, als wenn ich dir eine Unterredung mitteile die über diese Materie zwischen uns vorfiel.

Du bist, sagte Demokritus zu mir, vermutlich der einzige Mensch in der Welt, der so viel Zeit und Geld aufgewandt hat, um hinter die Geheimnisse der Priesterschaft zu kommen: darf ich fragen, was der reine Gewinn deiner Entdeckungen ist? – Immer so viel (war meine Antwort) dass ich die Unkosten nicht bereue. Ich weiss nun mit einer Gewissheit69, die ich schwerlich auf einem andern Weg erlangt hätte: dass Götter und Priester Synonymen sind; dass alle unsre Götter (die bloss allegorischen ausgenommen) Menschen waren, die ihre Standeserhöhung und den ihnen angewiesenen Anteil an der Weltregierung den Priestern, durch welche sie regieren, zu danken haben; und dass der Tartarus mit allen seinen Feuerströmen und Schreckgespenstern, so wie die Inseln der Seligen mit aller ihrer Wonne, schlaue Erfindungen sind, wodurch die Priesterschaft sich der beiden mächtigsten Leidenschaften und durch sie der herrschaft über die Welt bemächtigt hat. Ich begreife nun wie der Götter und der Menschen Vater Zeus zu Kreta geboren und begraben sein kann; warum Delos die Wiege des Apollo und der Artemis ist, und woher die unendliche Menge von Söhnen und Töchtern kommt, womit unsre Götter und Göttinnen die ganze Hellas so überschwänglich bevölkert haben, dass keine alte Familie ist, die ihr Stammregister nicht mit irgend einem göttlichen Bastard anzufangen die Ehre hätte. Ich begreife nun, warum eine Religion, die in sich selbst so übel zusammenhängt, und deren höchstes geheimnis ist dass die Götter Nicht-Götter sind, so wenig zur Veredlung der Menschheit beitragen kann. Und wenn auch das alles nicht wäre (setzte ich hinzu) rechnest du etwa für nichts, dass ich weiss wohin Isis ihren Sohn Horus vor dem wütenden Typhon verbarg, was das alte Mütterchen Baubo der Ceres zeigte, um sie in der höchsten Betrübniss zum lachen zu bringen, und was in dem verdeckten Korbe war, den Pallas Atene den Töchtern des Cekrops in Verwahrung gab? – O gewiss, versetzte Demokritus lachend, zu diesen Wissenschaften hättest du schwerlich auf einem andern Wege gelangen können; aber alles übrige war wohlfeiler zu haben. – Ich muss bekennen, sagte ich, dass mir die Wissenschaftnichts oder was wenig besser als nichts ist, zu wissen, hoch genug zu stehen kommt; zumal