, anstatt den Dieb gerichtlich zu belangen, mein Recht an sie dadurch bewiesen haben, dass ich noch bessere gemacht hätte. Und gesetzt endlich, ich hätte mich in der ersten Hitze zu einem Rechtshandel gegen den Räuber hinreissen lassen, so würde ich wenigstens nicht so albern gewesen sein, zu verlangen dass Jupiter, – der, um den Erdboden nicht gänzlich zu entvölkern, so viele tausend falsche Eide ungestraft lassen muss, – nun gerade meiner Verse wegen eine Ausnahme machen sollte. Wahrlich wäre der sparsame Gebrauch der Donnerkeile, und die Art, wie die Welt regiert wird, überhaupt die schwächste Seite der Götter, sie würden von mir immer unangefochten geblieben sein! Denn ich wüsste wirklich nicht wie sie es angreifen müssten, um die ungeheure Menge von Narren, Toren und Schelmen, womit die Erde überdeckt ist, besser zu regieren, als wir im Ganzen regiert werden; aber eben daraus, dass wir so gut regiert werden, als es unsre Narrheit und Verkehrteit nur immer zulässt, schliesse ich, die Welt werde nicht von unsern Göttern regiert. Denn, nach der probe zu urteilen, die sie in Homers Ilias abgelegt haben, müsste es noch zehnmal toller zugehen, wenn die Zügel der Weltregierung in den Händen so selbstsüchtiger, launischer, ungerechter, stolzer, rachgieriger, wollüstiger und grausamer Despoten lägen, als der alte Sänger uns diese nämlichen Götter schildert, die in allen Städten Griechenlands Tempel, Altäre und Priester haben. Ich sagte ihm: auch mir wäre jene Sage von der Ursache seines Götterhasses zu lächerlich vorgekommen, um den mindesten Glauben zu verdienen. Aber was ich mir nicht zu erklären gewusst hätte, wäre der Hang zu den geheimen Gottesdiensten, der bei ihm (wie man versichert) ehmals bis zur leidenschaft gegangen sei. Es war eine Zeit, sagt man, wo Diagoras im Glauben an Teophanien68, Orakel und Wunderdinge aller Art eher zu viel als zu wenig tat, und man weiss dass er den grössten teil seines Vermögens aufgeopfert hat, um in der ganzen bewohnten Welt herumzureisen, und sich in alle Mysterien, so viele er deren ausspähen konnte, einführen zu lassen. Wie ein Mann, der die Religiosität bis zu diesem Grade von Schwärmerei getrieben, auf einmal zum entgegen gesetzten Aeussersten habe überspringen können, schien etwas so Unnatürliches, dass man sich geneigt fühlte, selbst die ungereimteste Erklärung, die ein solches Wunder einigermassen begreiflich machte, für gut gelten zu lassen.
Dir, versetzte Diagoras, hoffe ich, ohne deiner Vernunft etwas Ungebührliches zuzumuten, ziemlich begreiflich zu machen, wie ich gerade durch die vollständigste Befriedigung der besagten Schwärmerei zu dem Ateism gekommen bin, dessen ich mit und ohne Grund, je nachdem man's nimmt, beschuldiget werde. Alle Menschenkinder kommen, denke ich, mit mehr oder weniger Hang zum Wunderbaren auf die Welt. Bei mir äusserte sich dieser Naturtrieb von früher Jugend an sehr lebhaft, aber mit einer Gegenwirkung verbunden, die ihm alle seine Schädlichkeit benahm. Ich horchte nämlich mit dem grössten Vergnügen auf alle Erzählungen dieser Art; Milesische Mährchen, Zauber- und Gespenstergeschichten, teurgische Wunder, Teophanien, und alle die übernatürlichen Dinge, die sich täglich ereignet haben sollen als die Götter noch unter den Menschen wandelten, und die Erde mit ihren Söhnen und Töchtern erfüllten, kurz, alle diese Kindereien, wovon die Griechen immer so grosse Liebhaber waren, hatten auch für mich einen ungemeinen Reiz; aber ich glaubte kein Wort davon. Sie belustigten und beschäftigten bloss meine Einbildungskraft und meinen Witz; jenes desto mehr, je unglaublicher sie waren; dieses, indem sie mich zum Nachdenken anreizten, wie es mit diesen Dingen natürlich habe zugehen können, d.i. woher wohl die dabei vorwaltende Täuschung gekommen, und wie es möglich gewesen, solche Albernheiten selbst den einfältigsten Menschen weiss zu machen. Diese Anlage bei mir vorausgesetzt, wird dir alles Uebrige sehr begreiflich werden. Ich hatte von Kindheit an viel von Orakeln, besonders von dem zu Delphi, gehört; als ich heran gewachsen war, hörte ich auch zuweilen, wiewohl immer mit geheimnissvoller Zurückhaltung, von den Eleusinischen und andern Mysterien reden. Dieses Geheimtun der Eingeweihten reizte meinen Vorwitz, hinter die wunderbaren Dinge zu kommen, die, wie ich nicht zweifelte, in diesen Mysterien zu sehen und zu hören sein müssten. Ich versuchte es auf alle Weise, fand aber, dass ich auf keinem andern Wege zu meinem Zweck gelangen würde, als wenn ich mich selbst in diesen geheimen Gottesdiensten iniziiren liesse. An Gelegenheiten dazu konnte mir's nicht fehlen. Mein Vater war einer der ansehnlichsten Handelsleute in Melos. Er schickte von Zeit zu Zeit Schiffe nach den vornehmsten Häfen des Aegeischen, Ionischen und Karpatischen Meeres, und hatte allentalben Correspondenten, mit denen er in gastfreundlicher Verbindung stand. Frühzeitig mit dieser Art von Geschäften bekannt gemacht, wurde ich von meinem zwanzigsten Jahre an, unter der Führung eines alten Dieners bald dahin bald dortin verschickt. Diese Reisen gaben mir gelegenheit, mich mit den Orgien von Lemnos, Kreta und Cypern bekannt zu machen: aber was ich dadurch erfuhr, war so unbedeutend, dass es zu nichts diente, als meine Begierde nach wichtigern Entdeckungen desto stärker anzufeuern. Ich machte mir einen Plan, meine Nachforschungen bei den Priestern zu Memphis und Sais (welche nach dem gemeinen Wahn der Griechen in uraltem Besitz einer geheimen teurgischen Weisheit sind) anzufangen, sodann die von ihnen nach und nach zu den Persern, Syrern, Phöniciern und Griechen übergegangenen Mysterien auf dem Wege