Erderschütterer Poseidon und Zeus dem Retter zuwinselten, ohne Rettung zu grund ging.
Jetzt ward mir alles klar, was mich bisher an meinem Wirte befremdet hatte, und nun erst erinnerte ich mich, was mir gestern nicht aufgefallen war, dass er bei Tische die gewöhnliche Libation vorbeiging, die kein Grieche, bevor er trinkt, aus der Acht lässt.
Diagoras erzählte mir nun, mit welcher Mühe, Gefahr und Not er sich in allerlei Verkleidungen von einer Insel des Aegeischen Meeres zur andern bis nach Lemnos geflüchtet, wo er zufälligerweise erfahren, dass die Atener eine grosse Belohnung für den, der ihn tot oder lebendig liefern würde, durch ganz Griechenland ausrufen lassen; wie er, aus Furcht zu Lemnos entdeckt zu werden, etliche Monate sich in Wäldern und Bergklüften verbergen, und sein Leben kümmerlich mit rohen Wurzeln und wilden Früchten habe fristen müssen, und wie er endlich unverhofft in einem Schiffe aufgenommen worden, das für Byzanz befrachtet war, aber das Unglück hatte, von einem Sturm an die Tracische Küste geworfen zu werden, und nicht weit von Abdera zu scheitern. Diagoras, der sich durch Schwimmen ans Land gerettet hatte, erinnerte sich jetzt seines Freundes Demokritus, bei welchem er Rat und Unterstützung zu finden gewiss war: als er sich aber zu Abdera nach ihm erkundigte, hiess es, er sei schon vor geraumer Zeit weggezogen, ohne dass man wisse was aus ihm geworden sei. Zu gutem Glücke traf er auf einen seiner ehmaligen Jugendfreunde, der indessen ein bedeutender Mann in Abdera geworden war, und sich seiner sehr lebhaft annahm. Das Decret der Atener war auch hier bereits angekommen, und von den Abderiten, zum Beweis ihres Eifers für die Sache der Götter, öffentlich bekannt gemacht worden. Da sich nun leicht jemand finden konnte, der die ausgesetzte Belohnung hätte verdienen mögen, so verbarg ihn sein Freund sorgfältig auf einem seiner Landgüter im Macedonischen; und weil Diagoras keinen andern Wunsch mehr hatte, als sein übriges Leben in gänzlicher Verborgenheit zuzubringen, kamen sie nach Verfluss einiger Zeit auf den Gedanken, ihm in Tessalien, auf einem der wildesten und unzugangbarsten Teile des Ossa, wo ihn niemand suchen würde, eine wohnung zu verschaffen. Es fand sich eine geräumige Felsenhöhle, welche mit geringer Mühe zu einer Einsiedlerei, wie er sie nötig hatte, zugerichtet werden konnte, und in ein von steilen Klippen umgürtetes Tal auslief, wo er sich mit Anpflanzung und Wartung eines Gartens beschäftigen konnte. Das ganze Wesen wurde der Gemeine des nächstgelegnen Dorfes, deren Eigentum dieser teil des Gebirges ist, abgekauft, und Diagoras, unter dem Namen Agenor, mit einer Tracischen Sklavin, die ihm sein Freund überliess, in den Besitz desselben gesetzt. Agenor gilt (wie er mir sagte) unter den benachbarten Hirten und Landleuten, einer dem Tessalischen volk gemeinen Vorstellungsart zufolge, für einen mächtigen Zauberer, in dessen Ungnade zu fallen jedermann sich sorgfältig hütet; und er lässt sie um so lieber in diesem Wahn, da er sich, durch die gute wirkung einiger von Demokritus gelernten Heilungsmittel für Menschen und Vieh, ihr Zutrauen erworben hat. Auch seine Unsichtbarkeit trägt zu der Ehrfurcht, die der Name Agenor einflösst, das Ihrige bei; denn niemand kann sich rühmen, ihn jemals in der Nähe gesehen zu haben, und alles, was er mit ihnen zu verkehren hat, geht durch den Mund und die hände seiner getreuen Sklavin.
Diagoras verlangte von mir zu hören, ob zur Zeit meines Aufentalts in Aten noch die Rede von ihm gewesen sei, und was für eine Vorstellung ich mir, nach den Gerüchten die über ihn herumgegangen, von ihm gemacht hätte. Ich antwortete, alles, was ich für und wider ihn gehört, wäre mir so übel zusammenhangend und widersinnisch vorgekommen, dass ich, in der Ungewissheit was ich davon denken sollte, nur die vermeinte Unmöglichkeit beklagt hätte, die Wahrheit von ihm selbst zu erfahren. So hätte ich z.B. die Sage von der wahren Ursache seiner Ateisterei gar zu ungereimt gefunden, – O, die möchte' ich doch hören, fiel er mir ins Wort; ich bitte dich, was sagte die Sage? – "Es hiess, die eigentliche Veranlassung zu deiner erklärten Feindschaft gegen die Götter sei ein Rechtshandel gewesen, in welchen du mit einem gewissen Menschen geraten, der dir ein ihm anvertrautes Gedicht unterschlagen und den Empfang desselben mit einem förmlichen Eide vor Gericht abgeläugnet, aber, nachdem er frei gesprochen worden, das Gedicht als sein eigenes Werk mit grossem Beifall bekannt gemacht habe. Dieser Handel, sagte man, hätte dich so tief gekränkt, dass du den Göttern nicht hättest verzeihen können, dass sie nicht auf der Stelle ein Zeichen an dem Meineidigen getan; kurz, das erlittene Unrecht hätte dich in deinem Glauben so irre gemacht, dass du endlich auf den Gedanken verfallen seiest: da die Götter, wofern Götter wären, einen solchen Frevel unmöglich ungestraft lassen könnten, so müssten nur gar keine Götter sein. Das ist lustig, sagte Diagoras: man muss gestehen, für ein so witziges Volk, wie die Atener sind, räsonniren sie zuweilen erbärmlich; und überhaupt ist nichts so ungereimt, das sie sich nicht weiss machen liessen, sobald es auf andrer Leute Kosten geht. Fürs erste, habe ich in meinem Leben (wenigstens seitdem ich nicht mehr in die Schule gehe) nichts gemacht das einem Gedicht ähnlich sähe. Hätte ich aber auch das Talent, Verse zu machen die gestohlen zu werden verdienten, so würde ich