erfordern sie vielleicht mehr Genialität und eine noch keckere Hand, als Werke, die nach einem bestimmten Kanon der schönsten Formen gearbeitet sind. Und hierin scheinen mir diese hier alles zu übertreffen, was ich jemals in ihrer Art gesehen habe.
E r . Es ist mir also gelungen. Denn alle diese närrischen Unkepunze (μορμολυκεια) sind meine eigene Arbeit, und ihnen hab' ich es zu danken, dass mir die lange Zeit, die ich hier gelebt habe, und mit der ich sonst nichts anzufangen wusste, ziemlich kurz geworden ist. Denn du begreifst leicht, dass ich fleissig sein musste, um in achtzehn Jahren damit fertig zu werden. Ich hatte von Kindheit an viel Geschick für diese Art von Bildnerei; und das Mechanische, welches dazu erfordert wird, lernte ich in meiner Jugend von einem ziemlich mittelmässigen Xyloglyphen64 in meiner Vaterstadt.
I c h . Aber was haben dir die Götter getan, das dich reizen konnte, eine so unbarmherzige Rache an ihnen zu nehmen?
E r . Was sie mir getan haben? Wahrlich, ich habe von ihnen, oder (was am Ende auf Eins hinausläuft) von ihren Priestern mehr als zu viel gelitten! Und doch ist diess nicht was meine Galle gegen sie gereizt hat. Denn ich muss gestehen, in der Fehde, worin wir mit einander befangen sind, war ich der angreifende teil. Aber ich ärgerte mich, wenn ich so manchen grossen Künstler allen seine Kräfte aufbieten sah, für diese unsittlichen Idole, in welchen der schnödeste Betrug und der sinnloseste Aberglaube alle Unarten und Torheiten der menschlichen natur vergöttert hat, schöne und grosse mehr als menschliche Formen zu erfinden, um sie in prachtvollen Tempeln dem dummen Haufen zur Anbetung aufzustellen. Musst du nicht gestehen, dass meine Carricaturen den Göttern Homers viel angemess'ner sind, als die erhabenen Gestalten eines Phidias und Alkamenes? Wer kann sich den brünstigen Jupiter auf Ida, oder seine Gemahlin, die den armen Priamus und seine Söhne mit allen übrigen Trojanern lieber roh auffressen möchte, unter der Gestalt des Olympischen Jupiters und der Samischen Juno65 denken?
I c h . Es sollte mir eben nicht schwer sein, den Sachwalter des Homerischen Zeus, wenigstens in der ehlichen Scene auf dem Gargaros die dir so anstössig ist, zu machen, und ganz stattliche Ursachen anzugeben, warum er sich seiner vielen trefflichen Bastarde und der schönen Erdentöchter und Göttinnen, die ihm diese Helden erzeugen halfen, mit so vielem Wohlbehagen erinnert. Indessen, weil du bei einer scharfen Untersuchung am Ende doch wohl Recht behalten möchtest, gebe ich den Wolkenversammler mit seiner stieräugigen Gemahlin, und meinetalben alle andern unsterblichen Olympier der verdienten Züchtigung preis. Aber wenigstens hättest du der holden Musen, die uns aus dem stand der rohen Tierheit gezogen und den Keim der Humanität in uns entwickelt haben, schonen sollen.
Wie? (rief er in angenommenem komisch-zürnendem Tone) haben sie ihre Strafe nicht schon dadurch allein reichlich verdient, dass sie dem alten blinden Sänger so viel tolles und ungebührliches Zeug auf Kosten der armen Götter weiss gemacht haben? Denn, da er uns nichts singt als was sie ihm vorgesungen, fällt nicht billig alle Schuld auf sie? Doch, wenn auch dieser Vorwurf nicht träfe, um eurer Allegorien willen kann ich keine Ausnahmen machen; nicht einmal zu Gunsten der Grazien, die der feile Pindar den Orchomeniern zu Gefallen66 so hoch erhebt, und die du dort, nicht weit von der hochgeschürzten Austernymphe von Cytere, in Gestalt böotischer Kühmägde sich mit Faunen und Bocksfüsslern herumdrehen siehest. Hier ist nichts zu schonen! Ich bin meines Daseins nicht gewisser als der traurigen Wahrheit, dass der blosse Aberglaube dem Menschengeschlecht mehr Schaden zugefügt hat, als alle unsre übrigen Schwachheiten, Narrheiten und Laster zusammen genommen. Ich habe also Göttern und Priestern ewige Fehde angekündiget, und ich wundre mich nicht, dass mir, wiewohl ich nur ein Pfuscher in der Kunst bin, diese Zerrbilder so wohl geraten sind: denn ich habe (was vielleicht ohne Beispiel ist) zugleich mit Liebe und mit Grimm daran gearbeitet, mit Liebe zum Werke selbst, und mit immer steigendem Grimm über die Gegenstände. Alles diess, lieber Aristipp, wird dich nicht länger befremden, sobald ich dir sage: dass der Mann, den du vor dir siehst, Diagoras der Melier67 ist, von dem du, bei gelegenheit, in der ganzen Hellas als einem Ateisten mit Abscheu und Schaudern reden gehört haben wirst, und der doch wahrlich diesen ehrenvollen Beinamen, so viel in seinen Kräften ist, zu verdienen suchen muss.
Wie? Ist's möglich? rief ich: du Diagoras? eben dieser Diagoras, der seit mehr als zwanzig Jahren für tot gehalten wird, und, wie die gemeine Sage geht, von der Rache der Götter überall verfolgt, in einem Schiffbruch unterging!
Sprich, versetzte er, von der Rache der Priester verfolgt, so hast du die Wahrheit gesagt; ihrer Götter halben wollt' ich mich in einem Kornsieb auf den Ocean wagen. Was ich dir sage; ich, wie du mich hier siehest, bin dieser von den Atenern geachtete und durch ein fürchterliches Decret in allen Teilen Griechenlands verfolgte Diagoras von Melos, der, auf seiner Flucht nach Tracien, an der Küste der Abderiten Schiffbruch litt, und, zum redenden Beweise wie mächtig die Götter der Griechen sind, allein am Leben blieb, als das Schiff mit allen übrigen, die es am Bord hatte trotz der heissen Gelübde, die sie dem