mein Unglück gewesen. Sie haben mich ausgestossen, verbannt, einen Preis auf meinen Kopf gesetzt, und bloss um kein Schlachtopfer ihrer Wut zu werden, hab' ich mich in eine Höhle des Ossa verbergen müssen. – Du wunderst dich was ich verbrochen haben könne, um die Menschen, mit denen ich einst lebte, so heftig gegen mich aufzubringen? Ich wollte sie weiser machen als sie ertragen können. – Bei diesem Worte hielt er inne und seine Stirn verfinsterte sich einige Augenblicke so sehr, dass ich Bedenken trug, ihm zu zeigen, wie sehr er durch diese Worte meine Neugier gespannt hatte.
Wir waren indessen unvermerkt auf eine Anhöhe gekommen, die, in einem Kreise von ungefähr dreihundert Schritten, mit einer dreifachen Reihe von Pappeln, und zwischen den Bäumen mit hölzernen Schnitzbildern besetzt war. Aber was für Bildern! Nie ist mir etwas Auffallenderes in meinem Leben vorgekommen, als diese in ihrer Art gewiss einzige Bildergalerie; man müsste sie aber selbst gesehen haben, um sich die wirkung vorzustellen, die der Ueberblick des Ganzen auf einen keines Argen sich vorsehenden Anschauer macht. Doch, du bist ein Künstler, mein Kleonidas, und deine Phantasie wird ohnehin das Beste bei meiner Beschreibung tun müssen. Bilde dir also ein, du sehest alle Götter der Griechen, vom Zeus Olympius bis zum bocksfüssigen Pan, und von der weissarmigen Herrscherin Here bis zu den schlangenhaarigen Erinnyen, einzeln und gruppenweise, unter Beibehaltung einer gewissen Aehnlichkeit mit ihren gewöhnlichen Darstellungen, in die pöbelhaftesten Missgestalten travestirt, aber mit einer so komischen Laune in der Art der Ausführung, dass es mir bei ihrem Anblick eben so unmöglich war, mich des Lachens als des Unwillens zu erwehren. So zeigten sich (um dir nur etliche Beispiele zu geben) Jupiter auf der einen Seite, wie er, in Gestalt eines erbosten vierschrötigen Sackträgers, im Begriff ist, seine eheliche Widerbellerin mit einem Amboss an jedem Fuss in die Luft herabzuhängen; auf der andern, wie er sich auf dem Gipfel des Ida von der listigen Matrone, im Costume einer nächtlichen Gassenschwärmerin, zu einer Torheit verführen lässt, für welche die armen Trojaner übel büssen werden. Du kennst die sonderbare Art, wie Homer seinen unbefangenen und von der Zaubergewalt des Gürtels der Venus unwissend überwältigten Zeus der schönen Dame die wirkung, die sie auf ihn macht, zu erkennen geben lässt: aber von der energischen Art, wie dieser in einen brünstigen Centaur übersetzte Jupiter sein Anliegen vorträgt, hat eine so wohlgeordnete Einbildung wie die deinige keine Ahnung. In dieser Manier kommt nun die ganze Göttersippschaft an den Reihen. Hier sind Pallas Atene und der hinkende Hephästos, dieser in Gestalt eines alten Kesselflickers, jene im Charakter einer derben Marketenderin, in dem zweideutigen Kampfe, dem der drachenfüssige Erichtonius entsprang, begriffen; dort tanzt Cyterea, als eine halbtrunkne Austernymphe, mit einem bengelhaften Adonis den leichtfertigsten Kordax61, der je getanzt worden ist, und Phoibos Apollo, als blinder Leiermann mit den neun Schwestern als musikmachende Bettlerinnen, arbeiten aus allen Kräften auf der Leier, dem Triangel, der Schellentrommel und dem Dudelsack dazu. In zwiefacher Trunkenheit taumelt Bacchus in die plumpen arme einer weinseligen Ariadne; Mercur zieht dem Plutus mit der behendesten Gewandteit einen Beutel aus dem Busen, Apollo dem Satyr Marsyas das zottelige Fell über die Ohren. über sie alle erhebt sich der langöhrige Schutzgott von Lampsakus, und scheint als der wahre Götterkönig mit gewaltigem Scepter über den Olympus zu herrschen. Vorzüglich nimmt sich ein Jupiter in einer grotesken Gestalt aus, woran nichts als der Kopf sein eigen, alles übrige hingegen aus den verschiedenen Tieren, in welche ihn seine Gynäkomanie62 verwandelte, aus Stier, Adler, Bock, Schwan, Schlange, Wachtel und Ameise seltsam genug zusammengesetzt ist. Das grosse Kunstwerk aber, worin der Meister sich selber übertroffen hat, ist die Darstellung der berühmten Scene aus dem Gesang des blinden Demodokos in der Odyssee, wo der ehrliche Vulcan, nachdem er seine Gemahlin mit ihrem Liebhaber Ares in einem unsichtbaren und unzerreisslichen Netze gefangen hat, alle Götter zusammenruft, um Zeugen seines lächerlichen Unglücks zu sein. Kurz, weiter kann weder die Kunst der Carricatur, noch der Mutwille und die Verachtung der Homerischen Götter getrieben werden, als in dieser grossen Composition von Gruppen, die den innersten Cirkel des grünen Amphiteaters einnimmt. Der Alte, der mich von einer Figur zur andern herumführte, ergötzte sich, wie es schien, stillschweigend an meiner Verlegenheit, und an dem Sardonischen Lachen63, welches mir seine zur niedrigsten Menschenclasse herabgesetzten Götter wider Willen abnötigten. Was denkst du, sprach er endlich mit einem selbstzufriednen blick, zu der guten Gesellschaft, die ich mir in meiner Einsamkeit zu verschaffen gewusst habe?
I c h . Ich denke, wie du wohl zu dieser guten Gesellschaft gekommen sein kannst; denn unter den Bildschnitzern, die ich kenne (und ich kenne ungefähr alle, die in einigem Rufe stehen), wüsste ich keinen, den ich für den Schöpfer dieser sonderbaren Kunstwerke halten könnte.
E r . Das will ich wohl glauben.
I c h . Gleichwohl kann sie kein Stümper gemacht haben. Sie sind zwar grösstenteils etwas roh, und mit einer gewissen Nachlässigkeit gearbeitet, auch hat ein Carricaturenschnitzer den Vorteil, sich viele Willkürlichkeit erlauben zu dürfen; indessen bleibt die natur doch immer seine Regel; auch die überladensten Zerrbilder müssen eine aus Harmonie mit sich selbst entspringende Wahrheit haben; und da bei ihnen alles auf eine starke und geistvolle Bezeichnung des Charakteristischen in ziemlich willkürlichen Formen ankommt, so