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andern eine hülfe schaffen zu können; aber ich studirte die natur, und versäumte selten eine gelegenheit, meine Kenntniss von den Pflanzen und ihren Eigenschaften und Kräften zu erweitern. Wenn diess ist, erwiderte er mit zusehends sich erheiternder Miene, so kannst du dich auch wohl eine Nacht bei einem mann behelfen, der dir nichts als das Unentbehrlichste anbieten kann, zumal da du es in diesem Gebirge nirgends besser finden würdest; auch wär' es schon zu spät, um dich auf dem Pfade nicht zu verirren, der nach den nächsten Hirtenwohnungen führt. Da ich sein Anerbieten mit Dank und Freude annahm, schlug er mit seinem Stab an eine kleine Glocke, und eine reinlich gekleidete Sklavin von mittlerem Alter und guter Gestalt kam aus dem inneren der Höhle hervor, und entfernte sich wieder, sobald er ihr etliche leise Worte gesagt hatte. Bald darauf führte er mich durch einen ziemlich dunkeln krummen gang, von ungefähr zwanzig Schritten, in einen geräumigen gewölbten Saal, der gegen einen grossen, unregelmässigen, und ringsum von schroffen Felsen eingeschloss'nen Garten offen war. Hier setzten wir uns zwischen zwei ziemlich roh gearbeiteten Säulen nieder, das Gesicht gegen den Garten gekehrt, den ich mit fruchtbaren Bäumen und mancherlei essbaren Gewächsen und Kräutern bepflanzt, und dem Ansehen nach gut gewartet sah. Mein Alter ward zusehends immer heitrer, sprach aber wenig, meistens nur in fragen, auf deren Beantwortung er mir seine Zufriedenheit mit Kopfnicken oder einzelnen Sylben zu erkennen gab. Ungefähr nach einer Stunde rüstete die Sklavin einen kleinen Tisch, und setzte uns eine Schüssel gekochtes Ziegenfleisch, mit feinen Wurzeln und Kräutern wohlschmeckend zubereitet, und zum Nachtisch trockne Feigen, eine leichte Art von Kuchen, und einen Krug des besten Weins von Tasos vor. Meine Esslust vergnügte meinen alten Wirt, wie es schien, nicht weniger als mein übriges Wesen und Benehmen; und nachdem er den dritten Becher auf unsre neue Bekanntschaft geleert hatte, ward er selbst gesprächiger, und sagte traulich mir die Hand schüttelnd: "Wundre dich nicht, Fremdling, dass du mich so wenig reden hörst. Ich war nicht immer so wortarm; aber seit zwanzig Jahren bist du, ausser einem alten Freunde, der mich immer zur Zeit der Pytischen Spiele zu besuchen pflegt, und der Trazierin, die für meine Bedürfnisse sorgt, das einzige menschliche Wesen, mit dem ich mehr als ein paar einsylbige Worte gewechselt habe. Du siehst, dass diess der gerade Weg ist, das Reden zu verlernen, wenn man auch der redseligste aller Atener gewesen wäre. Wohl möchte mir's übrigens bekommen sein, wenn ich mich immer mit Ja und Nein zu behelfen gewusst hätte. Denn dass du mich hier siehest, kommt allein daher, dass ich ehmals meiner Zunge mehr Freiheit liess als einem klugen mann ziemt."

Du kannst dir leicht vorstellen, Kleonidas, dass ich meinen Wirt nach dieser Rede schärfer als zuvor ins Auge fasste. Du wohnst schon zwanzig Jahre hier? fragte ich. – "Nicht völlig so viel; aber vorher lebte ich einige Zeit auf dem Landgute eines Freundes so sorgfältig versteckt, dass ich ausser ihm selbst keine Seele zu gesicht bekam." – Das muss eine schlimme Race von Menschen sein, vor welchen ein Mann wie du sich so verstecken muss, sagte ich. – Ich sehe dass du mich näher kennen möchtest, erwiderte er. Wenn deine Neugier nicht schwächer ist als meine Neigung mich dir zu entdecken, so bleibst du ein paar Tage bei mir, um mich wieder reden zu lehren, und du sollst allerlei erfahren, das vielleicht dieses Opfers wert ist.

Mein Wirt kam durch diese Einladung einem Wunsch entgegen, den ich nicht gewagt hätte laut werden zu lassen. Wir redeten nun von andern Dingen, und wiewohl er sich noch immer sehr lakonisch ausdrückte, so verriet doch das Wenige was er sagte einen Mann von freiem Geist, vieler Erfahrung und ausgebreiteter Menschenkunde. Als die Zeit zum Schlafengehen gekommen war, führte er mich in eine kleine, mit Binsenmatten behangene und belegte Schlafkammer, und liess mich allein. Hier konnte' ich mich der Torheit nicht erwehren, hin und her zu sinnen, wer der sonderbare Alte sein könne, mit dem ich auf dem Ossa so unvermutet in Bekanntschaft geraten war; aber alles Nachsinnen war umsonst. Ich ergab mich also in die notwendigkeit meine Neugier bis morgen einzuschläfern, und sie schlief so gut, dass die Sonne schon über der Spitze des Atos schwebte, als ich in dem Saal erschien, wo mir mein Alter, in einen langen Pelz gehüllt, so munter entgegenkam, dass ich errötete, mich in einer Tugend, die meinen Jahren besser ziemte als den seinigen, von ihm übertroffen zu sehen. Er führte mich sogleich in den Garten, wo ein sanfter, wiewohl etwas scharfer Morgenwind die Luft mit dem lieblichen Atem der Kräuter und Blumen durchwürzte. Ich habe, fing er an, mehr als die Hälfte meines Lebens mit Beobachtung aller Arten von Menschen zugebracht, und besitze einige Fertigkeit in der Kunst das Innere einer person aus ihrer Gesichtsbildung und Miene zu erraten. Deine Physiognomie hat dir mein Zutrauen auf den ersten blick erworben; ich wünsche von dir gekannt zu sein, und überlasse mich ohne Bedenken dem Vergnügen, nach einer so langen unfreiwilligen Verborgenheit einen Menschen gefunden zu haben, dem ich mich aufschliessen darf. Ich bin kein Menschenhasser, wie du aus meiner seltsamen Lebensweise vermuten musst; im Gegenteil, dass ich es zu gut mit den Menschen meinte, ist