'nen Phormion, meinem alten Hausverwalter zu Aten, aufgetragen, mir, wo möglich in der Nähe vom Pompeion58, eine wohnung, wie ich sie nötig habe, zu mieten; das ist, ein paar Schlafkammern, einen Speisesaal und eine Galerie neben etlichen Reihen schattengebender Bäume. Erweise mir die Freundschaft, dich der Sache anzunehmen, und dem ehrlichen Phormion merken zu lassen, dass es dir angenehm sein werde, wenn er sich meines Auftrags mit Verstand erlediget.
Ich werde mich so lange, bis du mir meldest dass ich kommen könne, bei einem Freunde zu Tanagra59 aufhalten, und nicht vergessen, dir den stattlichsten Kampfhahn mitzubringen, der in der ganzen Stadt aufzutreiben sein wird.
20.
An Kleonidas.
Nach Vollendung meines grossen Kreislaufs durch alle Hellenischen Colonien in Asien habe ich noch einige Monate zugebracht, die südliche Küste von Tracien und Macedonien, und die Landschaft Tessalien und Phocis zu besuchen, und befinde mich jetzt, bis meine künftige wohnung in Aten eingerichtet ist, bei einem Freunde zu Tanagra. Ich habe, wie Odysseus, auf meiner langen Wanderschaft vieler Menschen Städte und Sinnesart kennen gelernt; auch hat es mir, wie dem herrlichen Dulder, nicht an mancherlei fröhlichen und unfröhlichen Abenteuern gefehlt, die uns dereinst, wenn uns eine freundliche Gotteit wieder in Cyrene vereiniget, reichen Stoff zu kurzweiligen Unterhaltungen geben sollen. Nur das Neueste, was mir in Tessalien aufstiess, schickt sich, denke ich, besser für eine schriftliche Erzählung, zumal da ich den Kopf noch so voll davon habe, dass ich für nötig halte mich dessen zu entladen, bevor ich nach Aten zurückkehre, wo es nicht ratsam wäre viel davon zu sprechen. Um keine täuschenden Erwartungen bei dir zu erregen, schreite ich ohne weitere Vorrede zur Sache.
Nachdem ich mich zu Potidäa über den Termaischen Meerbusen an die Tessalische Küste hatte übersetzen lassen, war mein Erstes, das berühmte Tempe60 zu besuchen, wovon ich, seit ich unter den Griechen lebe, so oft mit Entzücken reden gehört hatte. Denn ein Grieche, der Olympia und Delphi nicht gesehen, und sich nicht wenigstens einmal in seinem Leben in Tempe erlustiget hätte, würde an einem sehr unglücklichen Tage geboren zu sein glauben. Dieses Tal, das sich einige Stunden von Larissa zwischen dem Olympus und Ossa in sanften Krümmungen bis an die See hinzieht, ist in der Tat vielleicht der reizendste Winkel des ganzen Erdbodens. Es würde der fruchtbarsten Phantasie eines Malers oder Dichters schwer werden, mehr Schönheit und Anmut mit grössrer Abwechslung und Mannichfaltigkeit in einen engern Raum zusammen zu zaubern und mit dem Erhabensten und Grauenvollsten in einem anmutendern Contrast zu sehen, als hier ohne alle Nachhülfe der Kunst (wie es scheint) natur und Zufall allein bewerkstelliget haben. Ich brachte zwei der angenehmsten Tage meines Lebens in diesem oberirdischen Elysium zu, und zum höchsten Lebensgenuss fehlte mir nichts, als die heilige Trias meiner Geliebtesten, Lais, Kleonidas und Musarion. Ich vermisste euch um so viel stärker, weil sich's zufälliger Weise traf, dass ich (was hier selten begegnet) diese zwei Tage über der einzige fremde Bewohner von Tempe war.
Ungeteiltes, allein genoss'nes Vergnügen, wie ungemein es auch sei, verliert gar bald seinen süssesten Reiz, und eine geheime Unruhe, deren Ursache wir uns nicht immer bewusst sind, treibt uns zu neuen Gegenständen. Am dritten Morgen kam mich die Lust an, den benachbarten Ossa zu besteigen, teils um meine Augen an den herrlichen Aussichten zu weiden, die er über die umliegenden Täler, Hügel und Landschaften und über den Termaischen Meerbusen bis an die Küste von Pallene hin, gewährt, teils in Hoffnung einige mir noch unbekannte Arten von Steinen und Pflanzen auf diesem wilden Gebirge aufzufinden. Ich liess meinen alten Xantias mit einem jungen Sklaven bei den Maultieren im Tal zurück, bestieg einen Gipfel des berges nach dem andern, und fand überall so viel zu sehen und zu sammeln, dass die Sonne sich unvermerkt zum Untergange neigte, bevor ich gewahr wurde, dass keine Hoffnung übrig sei, die Herberge wieder zu erreichen, wo ich meine Leute gelassen hatte. Schon fing ich an, unter den häufigen Schluchten und Klüften, wovon dieses durch mächtige Erderschütterungen zerriss'ne Gebirg allentalben voll ist, mich nach irgend einer Höhle zum Nachtlager umzusehen, als ich, beim Umwenden um die scharfe Ecke eines struppigen Felsen, im Eingang einer durch Menschenhände (wie es schien) bewohnbar gemachten Höhle, einen Mann sitzen sah, der anfangs über meinen Anblick noch mehr als ich über den seinigen betroffen schien, aber (da er keine Ursache sah mir Arges zuzutrauen) sich schnell genug fasste, um einige Schritte auf mich zuzugehen. Es war ein langer hagerer Mann, dem Ansehen nach nicht viel über Sechzig; noch fest und lebhaft, von vielsagender Gesichtsbildung, aber finsterm blick unter einer Stirn, durch welche schmerzliche Erfahrungen tiefe Furchen gezogen zu haben schienen. Ich näherte mich ihm mit Zuversicht und Ehrerbietung, eröffnete ihm mein Anliegen, und erkundigte mich, ob nicht irgend eine Herberge im Gebirge anzutreffen sei, die ich vor Einbruch der Nacht noch erreichen könnte. Du scheinst ein Arzt zu sein, und dich im Botanisiren so tief in diese Wildniss gewagt zu haben, versetzte der Alte. Er schloss diess vermutlich aus einem ziemlichen Bund Kräuter und Blumen, den ich unter dem arme trug. Ich antwortete: ich wäre zwar kein Arzt, als etwa in Notfällen, wo jeder Mensch so viel wissen sollte, um sich selbst und