und brennenden Wetteifer mit denen, die ich anfangs nur nachzuahmen suchte. Und was den Massstab der Grade des Schönen betrifft, wozu bedürfte ich eines andern als der bestimmten Gestalten einer kleinen Anzahl von Personen, die in ihrer Art für vorzüglich schön gelten, und des feinen Gefühls des Gehörigen, Gefälligen und Genugsamen, das durch beständige Uebung des Kunstsinns an der natur selbst erworben wird? Ich habe, wiewohl ich noch nicht dreissig Jahre zähle, das Schönste gesehen, was in den vornehmsten Städten der Griechen zu sehen ist; aber ich erinnere mich nicht, irgendwo ein Bild eines Gottes, eines Homerischen Helden, einer Göttin oder Nymphe gesehen zu haben, welches (das Conventionelle abgerechnet) schöner wäre, als gewisse Personen, die ich kenne. So ist z.B. dieser Faun nach einem jungen Arkadischen Ziegenhirten – dieser Bacchus nach einem sehr schönen Jüngling, mit welchem ich zu Sicyon öfters badete, und die schlummernde Mänas nach einer Sklavin der Frau dieses Hauses gebildet. – Und diess weisst du so gewiss? fragte Speusipp. – "So gewiss, als dass nicht der berühmte Alexis von Sicyon, wie Lais im Scherz vorgab, sondern der noch unberühmte Euphranor von Korint diese Gruppe, die du selbst mit deinem Beifall beehrtest, gearbeitet hat. Hätte ich eine mit dem Gürtel der Venus geschmückte Juno zu malen, so weiss ich sehr wohl, an welche sichtbare Göttin ich meine Gelübde richten würde." – In der Tat, sagte Speusipp mit der Attischen Miene, die du als ein Vorrecht der edlen Teseiden51 kennst, es ist nicht zu läugnen, dass wir ein wenig lächerlich sind, indem wir uns an der Tafel der schönsten Frau in Griechenland die Köpfe darüber zerbrechen was schön sei; denn, welche Bewandtniss es auch mit dieser Frage haben mag, diess ist gewiss, dass jeder, der sie sieht, seine höchste idee der Schönheit in ihr verkörpert finden wird.
Sobald das Gespräch eine solche Wendung nahm, war es hohe Zeit, ihm ein Ende zu machen. Auf einen Wink, den ich kurz zuvor einer Aufwärterin gegeben hatte, trat in dem Augenblick, da Speusipp das letzte Wort aussprach, die schöne Lastenia an der Spitze meiner oben erwähnten jungen Nymphen in den Saal, um die Gesellschaft mit Musik und Tanz zu unterhalten; und bevor eine Stunde vergangen war, glaubte ich zu bemerken, dass meine junge Philosophin den Platoniker (der, wie die Aphyen52, nur Feuer zu sehen braucht um zu kochen) unvermerkt immer näher an sich zog. Bei euch Männern wird die gefälligste zuletzt immer über die schönste den Sieg erhalten. Es ist ein unglücklicher Vorzug der Weiber, dass die leidenschaft der Liebe bei ihnen von der Gegenliebe ganz unabhängig und desto hartnäckiger ist, je weniger sie Hoffnung hat erwiedert zu werden.
Ich sehe zu spät, dass ich dir ein Buch statt eines Briefes geschrieben habe. Möchtest du mich mit einem noch grösseren für meine Unbescheidenheit bestrafen! Sage mir doch ein paar Worte, wie dir's zu Rhodus geht, was du treibst, und ob man hoffen darf, deine ehmalige Andacht zu dem Erderschütterer Poseidon wieder einst erwachen zu sehen?
18.
Aristipp an Lais.
Darf ich dir, im Vertrauen auf die Rechte einer zehnjährigen Freundschaft, gestehen, schöne Lais, wie mir deine jetzige Lebensweise vorkommt? Betrachte ich sie als einen blossen Uebergang von der Glorie einer unumschränkten Gebieterin über die person und die Schätze eines Persischen Grossen, zu der glücklichern aber weniger schimmernden und prunkenden Lebensart, die einer Einwohnerin von Korint geziemt, so wünsche ich bloss, dass du dich entschliessen mögest, zwar nicht gar zu hastig, aber doch lieber zu schnell als zu langsam, von der Höhe herabzusteigen, die du mit der freiesten Besonnenheit verlassen hast. Was die stolzen Korintier in die Laune setzt, dir, wie einer fremden Fürstin, welche sich eine Zeit lang unter ihnen aufhalten wollte, eine Art von glänzendem Hof zu machen, ist (ausser dem Reiz, den die Neuheit der Sache für sie hat) hauptsächlich die Hoffnung, womit jeder sich schmeichelt, den Vorzug endlich bei dir zu erringen, nach welchem sie alle trachten. Da du nicht sehr geneigt scheinst so viel Glückseligkeit um dich her zu verbreiten, so würde es deiner Ruhe schwerlich zuträglich sein, wenn du den süssen Wahn einer so grossen Menge von Aspiranten allzu lange nähren wolltest. Das Ratsamste wäre also, dich selbst von der hohen Lydischen Tonart53 allmählich zu der gewohnten Dorischen herabzustimmen; und dazu, däucht mich, würden deine kleinen Abendgesellschaften ein sehr gutes Mittel sein, wenn du ihnen so viel Geschmack abgewinnen könntest, deine gesellschaftliche Mitteilung allein, oder doch beinahe allein auf diese den Musen vorzüglich geheiligten Orgien einzuschränken; an welchen ich nichts auszusetzen habe, als dass ich durch eine Entfernung von drittalbtausend Stadien davon ausgeschlossen bin. Doch, du willst mir ja gelegenheit geben auch abwesend an ihnen teil zu nehmen, da du mich aufforderst, dir meine Gedanken über euer neuliches Tischgespräch mitzuteilen. Ich bin nicht eitel genug mir einzubilden, dass ich über diesen Gegenstand etwas zu sagen hätte, das für dich neu wäre; und überhaupt gehört, meiner Meinung nach, das Schöne unter die unaussprechlichen Dinge – der natur, und lässt sich besser fühlen und geniessen, als zergliedern und erklären. – "Aber (wirst du sagen) diese unaussprechlichen Dinge sind ja eben was uns am stärksten anmutet, und worüber wir am liebsten vernünfteln – oder irre reden mögen." –