die du einem Atener und einem Neffen Platons zutrauen wirst. Mich dünkt, fuhr er fort, wir haben uns bisher immer um einen dunkeln Begriff des Schönen, dessen Dasein wir voraussetzen, herumgedreht, ohne ihm selbst näher gekommen zu sein. Sinne und Einbildungskraft stellen uns nichts als einzelne Dinge dar, die wir, wenn ihre Gestalt uns gefällt, schön nennen, wiewohl uns immer eines schöner als das andere däucht. Auch die Kunst zeigt uns, sogar in ihren idealisirten Werken, nur einzelne Gestalten, einen Ringer, Wettläufer oder Faustkämpfer, einen Achilles, Ajax oder Ulysses, einen Zeus, Apollo, Mercur, Bacchus u.s.w., nie den Menschen, den Helden oder den Gott, der so schön ist, als Mensch, Held oder Gott gedacht werden kann. Daher sind die Eleer und Atener nie sicher, dass nicht ein Bildner aufstehe, der einen noch schönern Jupiter als ihren Olympischen, eine schönere Aphrodite als die des Alkamenes in den Gärten darstelle. Aber wie könnten wir urteilen, dass irgend ein einzelnes Ding schöner sei als ein anderes in seiner Art, wenn die idee des allgemeinen Schönen nicht bereits in unsrer Seele läge, welche gleichsam der Massstab ist, woran wir das einzelne Schöne in der natur und Kunst messen? Diese idee ist es was wir suchen, ohne zu wissen dass wir sie schon haben, wiewohl es uns eben darum, weil sie eine idee ist, an Mitteln fehlt, sie auf eine andere Art sinnlich darzustellen als im Einzelnen, das ist, durch blosse Annäherungen, wobei immer die Möglichkeit eines Schönern bleibt, weil das Schönste, die idee selbst, im Einzelnen erreichen zu wollen, eben so viel wäre als das Unendliche in einen beschränkten Raum zu fassen.
Also sprach er – und ergötzte sich, wie es schien, an dem Erstaunen, das in unser aller weit offnen Augen zu lesen war. Eine allgemeine Stille ruhte eine Weile auf der ganzen Tischgesellschaft; es war uns allen, denke ich, als ob uns etwas geoffenbaret worden wäre, und wir wunderten uns, allmählich gewahr zu werden, dass wir im grund nicht mehr von der Sache wussten als vorher. Epigenes war der erste, der das heilige Schweigen brach. Wir sind dem Speusippus nicht wenig Dank schuldig (sagte er mit einem Ernst, der das eben ausbrechen wollende lachen von den Lippen deiner mutwilligen Freundin zurückschreckte), dass er uns einen blick in die erhabensten Mysterien seines berühmten Oheims tun liess, und uns das unaussprechliche Wort seiner Philosophie50 vertraute. Denn die idee ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen der natur in und ausser dem Menschen. – Ich gestehe mit Beschämung, sagte Euphranor, dass dieser Schlüssel mir nichts aufschliesst. Ich begreife nichts von einer idee, die ich in mir trage, ohne zu wissen weder dass ich sie besitze noch wie ich zu ihr gekommen bin, also auch ohne gewiss zu sein, dass ich sie habe. – Wundert dich diess, Euphranor? versetzte der junge Atener lächelnd; du hast also, wie es scheint, nie wahrgenommen, wie vieles in dir ist, dessen Dasein und Beschaffenheit dir nur durch seine Wirkungen offenbar wird? Die ungelehrtesten Menschen empfinden, erinnern sich des Empfundenen, vergleichen und unterscheiden, bilden sich Begriffe und machen Schlüsse, ohne zu wissen, wie sie dabei zu Werke gehen; und der gelehrteste weiss im grund nicht viel mehr davon als sie. Die idee des Schönen erweiset sich in dir und in uns allen durch ihre Wirkungen; sie selbst ist so wenig anschaulich, als es z.B. die Kraft ist, mit welcher du urteilst, ob du zu dem, was du malen willst, einen feinern oder gröbern Pinsel nehmen und ihn in diese oder jene Farbenmuschel tauchen sollest. – Es mag vielleicht sein wie du sagst, erwiderte Euphranor: aber wessen ich sehr gewiss bin, ist, dass ich mich, wenn ich eine Galatea malen oder einen Mercur bilden sollte, auf eine idee, die ich in mir herumtrage, ohne es zu wissen, nicht verlassen dürfte. Dass ich die Verhältnisse und Formen des männlichen und weiblichen Körpers, die bei den Griechen für die schönsten gelten, studirt habe; dass ich genau weiss, wie ein Arm oder Schenkel gestaltet sein muss, um von jedermann für schön erkannt zu werden, und wie jedes Gliedmass nebst allen übrigen, die mit ihm in Verbindung stehen, sowohl in Ruhe als in jeder Art von Bewegung und Stellung, aus jedem Gesichtspunkt betrachtet erscheinen muss; dass ich weiss, wie man den Pinsel und den Meissel handhaben muss; dass ich, wenn ich male, jedem gegenstand seine wahre Gestalt, Farbe und Haltung, Charakter und Ausdruck, jedem teil sein rechtes verhältnis zu den übrigen, jedem Muskel sein gehöriges Spiel zu geben, Licht, Farben und Schatten richtig und zweckmässig zu verteilen, und das Ganze auf seinen gehörigen Ton zu stimmen weiss: alles das sind Dinge, deren ich mir sehr klar bewusst bin, wovon ich Rechenschaft geben kann, und ohne welche ich nichts machen könnte, das des Sehens wert wäre. Auch bin ich mir eben so klar bewusst, wie ich zu dem, was ich weiss und kann, gelangt bin: nämlich nicht durch den magischen Einfluss einer idee, die mir selbst unsichtbar ist, sondern durch emsiges forschendes Betrachten der natur und der Kunstwerke trefflicher Meister, öfteres Besuchen der Gymnasien und Kampfspiele, hartnäckigen Fleiss, viele Uebung, Liebe zur Kunst,