zurück, dass jedes Ding schön ist, wenn es das ist, was es seiner natur und seinem Zwecke nach, sein soll?
E p i g e n e s . Wenn diess keine Ausnahmen leidet, so würde der Elephant, der Dachs und die Fledermaus eben so wohl an Schönheit Anspruch zu machen haben, als der Onager43, das Reh und der Fasan.
L a i s . Warum nicht, wenn wir dem unerschöpflichen Erfindungsgeiste der göttlichen Bildnerin natur nicht unbefugte Schranken setzen, und durch eigensinnige Vorliebe für gewisse uns vorzüglich gefällige Gestalten uns zu kleinlichen einseitigen Urteilen verleiten lassen wollen?
E u p h r a n o r . Mit allem Respect, den ich dir und der göttlichen Bildnerin schuldig bin, verzweifle ich doch es jemals so weit zu bringen, dass mir die Fledermaus oder der Krokodil schön vorkomme, und ich glaube hierin die Augen aller Menschen, und die deinigen zuerst, auf meiner Seite zu haben. Auch sehe ich nicht, warum alles, was die natur hervorbringt, gerade für unsern Schönheitssinn gebildet sein müsste; und da es uns an Worten nicht mangelt, warum muss denn etwas, das nur dem verstand schön ist, mit einem Worte bezeichnet werden, welches in seiner eigentlichen Bedeutung vorzüglich solchen Dingen zukommt, die durch Formen und Farben, harmonische Verhältnisse und Symmetrie unsre Augen, oder vielmehr den inneren Sinn, dessen Werkzeug sie sind, vergnügen? Die meisten Schöpfungen der natur haben diese Eigenschaft in höhern und mindern Graden. Ich zweifle sehr, dass ein Mensch in der Welt ist, der nicht auf den ersten Anblick die Gans schöner als die Ente, den Schwan schöner als die Gans, den Pfau schöner als den Schwan finden sollte: aber vor der Fledermaus schaudert jeder, der sie erblickt, zurück.
L a i s . Wiewohl die Unverschämteit zu Aten eine Göttin ist, so verlasse ich mich doch nicht genug auf ihren Beistand, um dir hierin zu widersprechen; sie könnte mich hässlich im Stiche lassen, wenn einer dieser schönen Nachtvögel unversehens daher geschossen käme, um sich für die unverdiente Ehre zu bedanken, die ich ihm erwiesen habe.
Dieser unzeitige Scherz stimmte sogleich die ganze Gesellschaft auf einen andern Ton. Die Atener erhielten ziemlich zweideutige Lobsprüche über ihre ausserordentliche Gottesfurcht; und da sie eben nicht im Ruf sind, sich durch die Tugenden der Bescheidenheit und Scham unter den Griechen auszuzeichnen, so meinte Learchus, sie hätten wohl getan, der Anädeia44 für die guten Dienste, die sie ihnen bei mehr als Einer gelegenheit geleistet, eine Capelle zu bauen, und sich dadurch ihres Beistandes auf immer zu versichern. Der gute Speusipp, wiewohl er zu viel Urbanität besitzt, um von solchen Scherzen beleidiget zu werden, glaubte doch zuletzt, er müsse sich seiner bedrängten Vaterstadt annehmen, und bemühte sich, uns (etwas ernstafter als nötig war) darzutun: dass es einem so religiösen volk, wie die Atener von jeher gewesen, zumal in jenen zeiten einer noch sehr grossen Einfalt der Begriffe und Sitten, keineswegs zu verdenken sei, dass sie sich von einem Mystagogen45, der in einem so hohen Ruf der Heiligkeit und Weisheit in den göttlichen Dingen gestanden, wie Epimenides46, hätten bewegen lassen, der Hybris47 und der Anädeia eigene Tempel zu widmen, in der Absicht diese übeltätigen Dämonen dadurch zu besänftigen und zur Schonung zu bewegen; zumal da die entgegen gesetzten guten Dämonen, Eleos und Aido48, bereits öffentliche Altäre zu Aten hatten, und jene, wenn sie vernachlässigt worden wären, eine solche Parteilichkeit sehr ungnädig hätten aufnehmen können. Die Atener (meinte er) befänden sich mit der Göttin Unverschämteit in dem nämlichen Falle wie die Spartaner mit ihrem Gotte Furcht, welcher von Alters her sehr andächtig von ihnen verehrt worden sei, ohne dass es jemals einem Menschen eingefallen, ihre Tapferkeit desswegen in den mindesten Zweifel zu ziehen.
Es wäre nicht artig gewesen, einem Abkömmling des weisen Solon wegen dieser Apologie seiner Mitbürger ins Gesicht zu lachen. Ich versicherte ihn also in unser aller Namen, dass wir weit entfernt seien, diese Sache in einem andern Lichte zu sehen; und da die ganze Gesellschaft zu bedauern schien, dass wir den Gegenstand unsers Gesprächs darüber aus dem gesicht verloren, setzte ich hinzu: ich würde für meinen unzeitigen Scherz zu hart bestraft sein, wenn wir des Vergnügens entbehren müssten, zu hören, wie Speusipp, wenn ich recht in seinen Augen gelesen hätte, im Begriff gewesen sei, den Knoten zu entschlingen, der, meines Erachtens, bisher unter unsern Händen eher noch mehr verwickelt als aufgelöst worden. Du musst wissen, dass dieser Speusipp, einen schwachen Anstrich von Platonischer Pedanterei abgerechnet, ein sehr feiner Jüngling ist, und (unter uns gesagt) ohne meine Schuld einen der Pfeile, welche der Sohn Cyterens aus meinen Augen links und rechts, wohin es trifft, zu schiessen beschuldigt wird, ziemlich tief in der Leber stecken zu haben scheint. Ich bin nicht gesonnen zu seiner Heilung den geringsten Aufwand zu machen; sollte aber das Uebel gar zu ernstaft werden, so verlasse ich mich auf die kleine Lastenia49, die seit einiger Zeit die Stelle der schönen Droso bei mir eingenommen, und eine so schwärmerische Liebe für die Platonische Philosophie gefasst hat, dass Speusipp, wofern er noch einige Tage hier verweilt, notwendig davon gerührt werden muss. – Doch wieder zur Sache!
Der junge Mann antwortete auf meine Einladung, nicht ohne bis in die Augen rot zu werden, mit aller Grazie und Zuversicht,