1800_Wieland_111_149.txt

Denn bei weitem die meisten meiner Anbeter unterliegen am Ende doch der Versuchung, sich bei ihnen, wie die Freier der Penelope beiden gefälligen Hofmägden des Ulyssischen Hauses, für ihre bei mir verlorne Zeit und Mühe zu entschädigen. Indessen muss ich gestehen, dass die Verbindlichkeit, die sie mir von dieser Seite schuldig sind, vielleicht doch einige Einschränkung leiden mag. Die Sache ist, dass ich, teils um mir selbst die Pflichten der Frau des Hauses zu erleichtern, teils (wenn du willst) aus Guterzigkeit, einige schöne junge Mädchen zu mir genommen habe, die zwar Korintische Bürgerinnen sind, aber aus Mangel an Vermögen und Unterstützung wahrscheinlich sich genötigt gesehen hätten, ihren Unterhalt der Aphrodite Pandemos39 abzuverdienen. Diese lasse ich von den geschicktesten Lehrmeistern im Lesen der Dichter, in der Musik und in der Tanzkunst unterrichten, und mache mir, nach dem Beispiele der schönen Aspasia, selbst ein Geschäft daraus, sie zu angenehmen Gesellschafterinnen für mich und andere zu bilden. Könnte ich ihnen mit meinen grundsätzen auch zugleich meine Sinnesart einflössen, so würde meine Absicht vollkommen erreicht. Da sich aber darauf nicht rechnen lässt, so bin ich zufrieden, ihnen so viel achtung gegen sich selbst und so viel Misstrauen gegen euer übermütiges Geschlecht beizubringen, als einem Mädchen nötig ist, das sich in den gehörigen Respect bei euch setzen, und wenn sie, unglücklicherweise, der Liebe sich nicht gänzlich erwehren kann, wenigstens keinem andern Amor unterliegen will, als jenem Anakreontischen, den die Musen

Mit Blumenkränzen gebunden

Der Schönheit zum Sklaven gegeben.

Du kannst dir leicht vorstellen, lieber Aristipp, was für eine alberne Celebrität ich mir durch diese, den Söhnen und Töchtern der Achäer so ungewohnte und so vielerlei Vorurteile vor die Stirne stossende, Lebensart zuziehen werde. Diess ist eben nicht was ich wünsche; aber ich sehe nicht wie ich es vermeiden könnte: wer schwimmen will, muss sich gefallen lassen nass zu werden.

Ich habe die traulichen kleinen Symposien, die ich zu Milet bei mir eingeführt hatte, wobei eine freie muntre Unterhaltung über interessante Gegenstände die bessere Hälfte der Bewirtung ausmachte, auch hier wieder in den gang gebracht; wiewohl die Korintier überhaupt genommen keine Liebhaber von so nüchternen Gastmählern sind. Bilde dir darum nicht ein, dass mein Koch sich dabei vernachlässigen dürfe. Wenige Schüsseln, aber das Beste der Jahrszeit aufs feinste zubereitet; kleine Becher, aber die edelsten Weine Cyperns und Siciliens, – darin besteht meine dir selbst abgelernt habe. Zu Aten reicht man damit aus und erhält noch Lob und Dank: aber so genügsam sind unsre Korintischen Kalokagaten nicht. Ausser deinem Freunde Learchus, und einem viel versprechenden jungen Künstler, Namens Euphranor (der, im Vorbeigehen gesagt, einer meiner wärmsten und hoffnungsvollsten Anbeter ist), sind es daher fast lauter Fremde, die sich um den Zutritt zu meinen Aristippischen Orgien40 (wie ich sie dir zu Ehren nennen möchte) bewerben, oder von freien Stücken dazu eingeladen werden. Die Unterhaltung gewinnet nicht wenig dadurch, und ich denke es sollte sich aus unsern Tischreden etwas ganz Artiges machen lassen, wenn sie, von einem Geschwindschreiber aufgefasst, als blosser Stoff einem Meister wie Xenophon oder Plato in die hände fielen. Nicht selten wagen wir uns, auf die Leichtigkeit unsrer Hand vertrauend, sogar an die verschlungensten Knoten der Philosophie; und wenn uns die Entwicklung zu langweilig werden will, ziehen wir uns zuweilen auf die kürzeste Art aus der Sache, und kommen der Subtilität unsrer Fingermit der Scheere zu hülfe. Gestern z.B. erwähnte Einer zufälligerweise, dass Sokrates das Schöne und Gute für einerlei gehalten, und also nichts für schön habe gelten lassen wollen, wenn es nicht zugleich gut, d.i. nützlich, ja sogar nur insofern es nützlich sei. Diess veranlasste einen Dialog, wovon ich dir, weil ich gerade zum Schreiben aufgelegt bin und (die Wahrheit zu gestehen) deine eigene Meinung von der Sache wissen möchte, so viel als mir davon erinnerlich ist, mitteilen will, wenn du anders Lust und Musse hast weiter zu lesen.

Die Hauptpersonen des Gesprächs waren der junge Speusipp41 (Platons Neffe von seiner ältern Schwester, einer der liebenswürdigsten Atener die ich noch gesehen habe), ein gewisser Epigenes von Trözen, der seine Geistesbildung vornehmlich von den Sophisten Prodikus und Protagoras erhalten zu haben vorgibt, und Euphranor, welchem, da er Maler und Bildner zugleich ist, ein unstreitiges Recht zukam, mit zur Sache zu sprechen. Dass die Frau des Hauses sich ein paarmal in das Gespräch mischte, wirst du einer so erklärten Liebhaberin alles Schönen zu keiner Unbescheidenheit auslegen.

Mich dünkt (sagte Epigenes, der zu dieser Erörterung den Anlass gegeben hatte), ehe wir uns auf die Frage "was das Schöne sei?" einlassen, wäre wohl getan, den Sprachgebrauch um die Bedeutung des Wortes zu fragen, da es so vielerlei, zum teil ganz ungleichartigen Dingen beigelegt wird, dass der allgemeine Begriff, der mit diesem Worte verbunden zu werden pflegt, nicht leicht zu finden sein dürfte. Wir sagen: ein schöner Himmel, eine schöne Gegend, ein schöner Baum, eine schöne Blume, ein schönes Pferd, ein schönes Gebäude, ein schönes Gedicht, eine schöne Tat. Man sagt: dieser Wein hat eine schöne Farbe, dieser Sänger eine schöne stimme, diese Tänzerin tanzt schön, dieser Reiter sitzt schön zu Pferde. Ich würde nicht fertig, wenn ich alle die körperlichen, geistigen und sittlichen Gegenstände, Bewegungen und Handlungsweisen