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Aten und Syrakus beneiden, des Glücks, die schöne Lais, nach einer mehr als vierjährigen Abwesenheit, wieder in unsern Mauern zu besitzen; wenn anders die erlaubnis, seine Augen unentgeltlich an ihrem Anschauen zu weiden, für eine Art von gemeinsamen Besitz gelten kann. Diess ist ein Recht, oder vielmehr eine Wohltat, die sie, gleich der Sonne, allen Augen zugesteht, die es auf die Gefahr, eben so wie von einem blick in die Sonne geblendet zu werden, wagen wollen in die ihrigen zu sehen. Irgend einer höhern oder geheimern Gunst kann sich unter allen, die sich darum zu beeifern scheinen, bis jetzt noch keiner rühmen: aber auch diese ist schon so gross, dass einige Zeit hingehen dürfte, bis irgend ein Uebermütiger sich erdreisten wird, über die Unzulänglichkeit einer so geistigen Nahrung der ungenügsamsten aller Leidenschaften zu knurren. In der Tat ist ihre Schönheit noch immer im Zunehmen, und scheint sogar, anstatt durch die Zeit das Geringste von ihrer frischen Blüte verloren, im Gegenteil in der Blende, worin sie zu Sardes gestanden, einen noch höhern Glanz gewonnen zu haben, – etwas Gebieterisches, Königliches möchte' ich sagen, das in die Länge kaum erträglich wäre, wenn sie es nicht durch die liebenswürdigste Anmut der Sitten und das gefälligste Benehmen im Umgang zu mildern wüsste. Bei allem dem lebt sie auf einem so fürstlichen Fuss zu Korint, dass zu besorgen ist, falls auch sie selbst reich genug wäre, es immer auszuhalten, die Korintier möchten nicht artig oder demütig genug sein, es lange gut zu finden. Indessen, bis jetzt geht noch alles als ob es nicht anders sein könnte. Das Volk, dem der Schein immer für das Wesentliche gilt, wird durch den Schimmer, womit sie sich umgibt, und ihre grosse Manier das Persische Gold in Umlauf zu setzen, im Respect erhalten; unsre Patricier hingegen trösten sich mit dem Gedanken, dass eine solche Lebensart der geradeste Weg sei, die stolze Göttin desto eher zu humanisiren und endlich so geschmeidig zu machen, als jeder sie, wenigstens für sich selbst, zu finden wünscht. Da diess aber ganz und gar nicht in den Plan der Dame zu passen scheint, so würde, däucht mich, ein warnender Wink von einem vertrauten Freunde nicht überflüssig und vielleicht von guter wirkung sein. Ich selbst bin zwar so glücklich sie öfters zu sehen, und sogar zu dem engern Ausschuss ihrer Gesellschafter zu gehören: aber, wenn ich auch grossmütig genug sein wollte, gewissermassen gegen meinen eigenen Vorteil zu handeln, so ist doch mein verhältnis zu ihr nicht von solcher Art, dass ich mir ohne Zudringlichkeit das Amt eines Erinnerers herausnehmen dürfte. Auf jeden Fall, lieber Aristipp, wäre wohl das Beste, wenn du dich entschliessen könntest, dich den Reizen der schönen Rhodos zu entreissen, und mit der ersten guten gelegenheit nach Korint zu kommen. Lais scheint beinahe gewiss darauf zu rechnen, und dein gastfreundliches Gemach im haus deines Learch ist zu allen Stunden für deine Aufnahme ausgeschmückt.

L.W.

17.

Lais an Aristipp.

Verzeihe, mein Lieber, wenn ich dich länger als recht ist auf Nachricht warten liess, wie deiner Freundin die Luft des Istmus wieder bekommt, und wie sie nach einer so langen Abwesenheit von den Korintiern aufgenommen worden. Jene hat mir mit dem ersten Atemzug alle meine vorige Leichtigkeit und Unbefangenheit wiedergegeben; diese benehmen sich so artig und anständig, als es die etwas zweideutige witwe eines noch vollauf lebenden Persischen Fürstensohns nur immer verlangen kann. Ich mache ein ziemlich grosses Haus, lebe wieder so frei wie die Vögel des himmels nach meiner eigenen gewohnten Weise, und erinnere mich zuweilen des Aufentalts zu Sardes, und aller seiner Herrlichkeiten, als eines seltsamen Morgentraums, der im Erwachen unvermerkt an der aufgehenden Sonne zerrinnt, und, wie angenehm er auch war, kein Bedauern dass er ausgeträumt ist in der Seele zurücklässt. Freilich befinde ich mich in dem ungewöhnlichen Fall einer person, die im Traum einen grossen Schatz erhoben hätte, und beim Erwachen wirklich einen kleinen Berg von Goldstükken vor ihrem Bette aufgeschüttet fände; und wenn du glaubst, dass dieser Umstand nicht wenig zu der Ruhe, deren ich mich rühme, beitragen könnte, so will ich so ehrlich sein und gestehen, dass du es nahezu erraten hast.

Ich lebe hier ungefähr auf eben demselben Fuss wie zu Milet. Mein Haus ist, zwar nicht zu allen Stunden, aber doch in den gewöhnlichen, wo man Gesellschaft sieht, allen offen, die man zu Aten Kalokagaten38 nennt. Eupatriden, staates- und Kriegsmänner, Dichter, Sophisten und Künstler, alte und junge, reiche und arme, fremde und einheimische, jedermann, der sich in guter Gesellschaft mit Anstand zeigen kann, ist gern gesehen; nur dass immer zwei oder drei mit einander kommen müssen: denn die Unterhaltungen unter vier Augen sind nur den vertrautern Freunden, lauter Männern, die meine Väter sein könnten, vorbehalten, und unter den jüngern, höchstens Einem, den die Götter etwa in besondere Gunst genommen haben; dir, zum Beispiel, wenn du hier wärest, zumal da sich bisher noch keiner gefunden hat, der mich vergessen machen könnte, dass du es nicht bist.

Es ist wohl kein Zweifel, dass ich mich durch diese Lebensordnung weder den Matronen noch den Hetären (deren Orden hier sehr zahlreich und begünstigt ist) sonderlich empfehle; wiewohl die letzteren mehr Ursache hätten, mich für eine Wohltäterin als für eine Conkurrentin anzusehen.