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alles für eine Erscheinung aus der Geisterwelt zu halten geneigt sein? Wenigstens bin ich versichert, dass unter zehntausend, denen ein solches Abenteuer begegnete, nicht Einer wäre, der es für etwas anders nähme. Ich kenne sehr verständige Leute, die, wenn von solchen Wunderdingen die Rede war, gegen alles, was von Andern erzählt wurde, die erheblichsten Einwendungen zu machen hatten, aber immer damit aufhörten, mit der grössten überzeugung von der historischen Wahrheit der Sache, irgend eine Gespenster- oder Zaubergeschichte zu erzählen, von welcher sie sich selbst als Augenzeugen aufstellten. Noch einmal also, ich sehe nicht was für Ursache du hättest es dich verdriessen zu lassen, dass du der schönen Lais nicht durch unzeitige Besonnenheit einen Spass verderbt hast, um dessentwillen sie sich eine Reise von dreizehnhundert Stadien zu Land und zu wasser nicht verdriessen liess. Ich kann mir zwar wohl einen Menschen denken, der auf dem Wege des philosophischen Todes, den uns Plato in seinem Phädon empfiehltdadurch, dass er den Sinnen, der Phantasie und allen Trieben und Leidenschaften der menschlichen natur schon bei lebendigem leib abgestorben istsich in die Unmöglichkeit gesetzt hat, von ihnen getäuscht zu werden: aber ich weiss dass ich dieser Mensch nicht sein möchte, und wünsche dir Glück dass du es eben so wenig bist als ich.

Den andern Punkt betreffend, hätte sich, dünkt mich, jeder Mann, der nicht von allem Gefühl des Schicklichen und aller achtung gegen sich selbst verlassen wäre, eben so, wie du, benehmen müssen; überdiess lag es wohl nicht an deinem guten Willen, wenn du dich am Ende mit einem Kuss abfinden lassen musstest. Man ist freilich auf eine so sonderbare Grille nicht gefasst, wie diese war, die Reise von Sardes nach Rhodus zu machen, um einem guten Freund einen Kuss zu geben; indessen hängt es immer von einer Schönen ab, wie viel Wert sie auf ihre Gunsterweisungen legen will, und der Kuss, den du zur Entschädigung erhalten hast, war nach deinem eigenen geständnis so viel wert, dass du ihn nicht zu teuer erkauft hättest, wenn du ihm bis zu den Hyperboreern hättest entgegen reisen müssen. Die Wahrheit zu sagen bin ich mit dir weit besser zufrieden als mit der Dame, die mir in den zwei Jahren ihrer unumschränkten herrschaft über den königlichen Arasambes von Seiten des Charakters mehr verloren als gewonnen zu haben scheint. Ich fürchte sie hat sich durch die fliegende Eile, womit jeder ihrer Winke befolgt werden musste, durch die unermüdete Aufmerksamkeit, womit ein eben so grossmütiger als vielvermögender Liebhaber allen ihren Wünschen zuvorkam, kurz, durch die grobe Abgötterei, die zu Sardes mit ihr getrieben wurde, die böse Gewohnheit zugezogen, jede Phantasie, die ihr zu kopf steigt, auf der Stelle zu befriedigen, und zu erwarten dass man sich alles, was sie zu sagen und zu tun beliebt, wohl gefallen lasse. Mit Einem Wort, Aristipp, dein weiblicher Alcibiades ist das wahre Wort des Rätsels. geben die Götter, dass die Aehnlichkeit sich nicht bis auf den Ausgang der Abenteuer erstrecke, in welche sie sich mit einem solchen Charakter noch verwickeln könnte.

Das zarte dankbare Herz meiner Musarion leidet nicht wenig bei der Freiheit, die wir uns in unsern Urteilen über ihre geliebte Pflegemutter heraus nehmen. Sie möchte sich selbst gerne verbergen, dass wir Recht haben, und würde uns zürnen, wenn sie zürnen könnte, dass wir alles im vollen Sonnenlichte sehen, was sie selbst nur in dem sanft verhüllenden und verwischenden Mondlicht, oder in der verschönernden Beleuchtung der Abendsonne sehen will. Demungeachtet bittet sie mich, dir in ihrem Namen für die freundliche Art zu danken, wie du ihrer gegen Lais erwähnt hast. Das holdselige Weibchen gibt mir täglich neue Ursache, mich in ihrem Besitz glücklich zu fühlen. Ich weiss nicht ob du dich erinnerst, dass ich eine Schwester habe, die bei deiner ersten Abreise von Cyrene noch ein Kind von vier bis fünf Jahren war? Da wir vor einiger Zeit das Unglück hatten unsre gute Mutter zu verlieren, bat Musarion meinen Vater, dass er ihr die junge Kleone anvertrauen möchte, die jetzt gerade in die Jahre tritt, wo die Aufsicht und Leitung einer mütterlichen Freundin einem Mädchen am nötigsten ist. Du zweifelst nicht, dass es ihr mit der besten Art zugestanden wurde; und so habe ich schon seit mehreren Wochen das Vergnügen, eine Schwester, die ich nach Musarion über alles liebe, unter ihren Augen, gleich einer lieblichen noch ganz unversehrten Rosenknospe unter den schirmenden Blättern des mütterlichen Stockes, allmählich zur schönsten Blüte sich entfalten zu sehen.

Gedenkst du dich noch lange zu Rhodus zu verweilen, Aristipp? – Wie gerne wir dir auch die mannichfaltigen Genüsse gönnen, die dir in dem land, welches sich Minerva und Apollo mit den Musen und Grazien zu ihrem eigenen Sitz erkoren haben, von allen Seiten zuströmen, so gibt es doch Tage und Stunden (und es sind gerade die seligsten unsers glücklichen Familienlebens), wo wir uns alle nach dir sehnen, und die Atener und Korintier, Milesier und Rhodierund wer kann sie alle zählen, die uns das Glück, dich zu besitzen, vorentalten? – so herzlich darum beneiden, dass es ihnen unmöglich wohl bekommen kann.

15.

An Kleonidas.

Die sittenrichterliche Miene, womit du die scherzhaften Stellen meines letzten Briefes beinahe gar zu ernstaft beantwortest, lieber Kleonidas, lässt dir so gut, dass ich nicht ungehalten über dich werden könnte, wenn ich auch