lieber Aristipp, scheint mir dein Aufentalt unter den weichlichen Asiaten deine Nerven ein wenig abgespannt zu haben: nicht, weil dir so gut als einem andern etwas Menschliches begegnen kann; und noch weniger, weil du die schöne Lais wieder gehen liessest wie sie gekommen war; – wie hättest du es anders machen können? Sie ist doch wohl keine person, mit der man ungestraft den Satyr spielen dürfte? – sondern weil du nicht gewahr worden bist, dass die Schwachheit, deren du dich selbst beschuldigest, bloss darin liegt, dass du dich schämest wo sich nichts zu schämen ist.
Ich weiss nicht wo ihr Philosophen die Einbildung her nehmt, ihr müsstet etwas mehr als menschliche Menschen sein, oder wir andern sollten wenigstens so gutmütig sein, euch auf euer Wort dafür gelten zu lassen. Ich für meine person finde in deiner Gespenstergeschichte nichts, was nicht ganz natürlich wäre, und dem weisen Sokrates selbst so gut hätte begegnen können wie dir. Du befindest dich in einer mondhellen Nacht allein in einem Garten; alles schlummert weit umher; Nacht, Einsamkeit und allgemeine Stille stimmen dich zu dem, was man wachend träumen nennen könnte. Der Mondschein allein versetzt uns schon in eine andere, oder vielmehr in die nämliche Welt, die den gemeinen Vorstellungen vom Hades zum Urbild gedient hat; in eine Welt, wo alles sich dem Auge ganz anders darstellt, als wir es bei Tage sehen; wo wir Mühe haben in den zweifelhaften farbenlosen Gestalten, die ein mattes oft unterbrochnes Schattenlicht bald erscheinen bald wieder verschwinden lässt, die gewohntesten Gegenstände wieder zu erkennen; wo es ohne hülfe des Gefühls fast immer unmöglich ist, Schatten und Körper nicht zu verwechseln; kurz, in eine von der Sonnenwelt so verschiedene Zauberwelt, dass der Einbildungskraft bei der geringsten Veranlassung nichts leichter ist, als Gegenstände des Homerischen Schattenreichs dem, was wir wirklich sehen, unterzuschieben. In dieser Lage stellt sich dir auf einmal die Gestalt einer person dar, für welche du seit mehrern Jahren eine besondere Anmutung fühlst, und mit welcher du dich unmittelbar zuvor in Gedanken unterhalten hattest; eine person, die, deiner gegründeten Meinung nach, jetzt zu Milet sein muss, und die du dir in diesem Augenblick so wenig in Rhodus, als dich selbst in Milet, denken kannst. Was ist da natürlicher, als dass du, bei dieser Disposition deiner Sinne und – deiner Einbildung, nicht – was du in diesem Momente für unmöglich hältst – diese person selbst im Leben, sondern die blosse wesenlose Gestalt der nicht mehr Lebenden zu sehen wähntest? Denn, wie viel auch die Philosophie gegen dergleichen Erscheinungen einzuwenden hat, ihre Unmöglichkeit kann sie nicht beweisen; und wenn gleich deine Vernunft die Gespenstergeschichten, die du von Kindheit auf erzählen hörtest, aus ihrem eigenen Kreise verwiesen hat, aus deiner Seele konnte sie dieselben nicht hinausbannen; sie zogen sich in die nächtlichste Region deiner Phantasie zurück, und es brauchte nichts als das zeugnis deiner Augen, die dir die Gestalt einer weit entfernt geglaubten person unmittelbar darstellten, um nicht nur deine Phantasie plötzlich ins Spiel zu setzen, sondern deine Vernunft selbst zu einem Trugschluss zu verleiten, dessen Täuschung sie keine Zeit hatte wahrzunehmen. Du wirst sagen: eben darum, weil ich die Gestalt der Lais auf mich zugehen sah, hätte ich sogleich gewiss sein sollen, dass sie es selbst sei: denn es war doch unendlichmal wahrscheinlicher, dass sie ihren Reiseplan geändert, und anstatt nach Milet zu gehen, den Weg nach Rhodus genommen, meine wohnung ausgekundschaftet, und sich vielleicht ein Vergnügen daraus gemacht habe, mich unversehens zu überraschen. Ich antworte: alles diess war vernünftiger Weise nichts weniger als wahrscheinlich; wenn du es aber auch bei ruhiger überlegung wahrscheinlicher hättest finden müssen, als die Erscheinung eines Geistes, so bedenke, dass die Phantasie in einem solchen Augenblick ihr Gaukelspiel viel zu behende macht, als dass sie dir Zeit zu Abwägung der Wahrscheinlichkeiten gelassen hätte. Das zeugnis der Augen, das Vorurteil, was du sahst könne nicht Lais selbst sein, und die Einbildung es müsse also ihr Geist sein, wirkten so unendlich schnell zusammen, dass alle drei in eine einzige sinnliche Vorstellung, deren du dir klar bewusst warst, zerflossen; und, wie gesagt, eben dasselbe wäre jedem andern an deiner Stelle begegnet. Ich wenigstens stehe dir nicht dafür, dass mir selbst, ungeachtet ich durch dein Beispiel gewarnt bin, mit Musarion oder dir nicht eben dasselbe begegnen könnte, wenn ich euch zu einer Zeit, da ich euch weit von mir entfernt wüsste, unter ähnlichen Umständen, plötzlich auf mich zuschleichen sähe. Denn freilich gehört auch der langsame gespenstmässige gang und das weissgraue Gewand so gut zur Sache als Einsamkeit, Mondschein und nächtliche Stille.
Um dir meine Behauptung noch einleuchtender zu machen, frage ich dich: wenn du die schöne Lais nicht umarmt, nicht mit ihr gesprochen, und dich also nicht durch Gefühl und Ohr von ihrer Körperlichkeit hättest überzeugen können; – wenn zum Beispiel (was wenigstens an einem andern dazu geschickten Orte durch künstliche Veranstaltungen hätte bewirkt werden können), wenn, einen Augenblick zuvor ehe du ihr in die arme fielst, plötzlich eine Flamme zwischen dir und ihr aufgefahren, und ein dichter Rauch, unter einem vermeinten Donnerschlag, ihre Gestalt deinen Augen plötzlich entzogen hätte, – würdest du (vorausgesetzt dass diess alles täuschend genug ausgeführt und der Betrug dir nicht von Lais selbst entdeckt worden wäre) nicht vielleicht noch jetzt deinen Sinnen mehr glauben als deiner Philosophie, und