Sardes eingefallen Königin zu werden, sie wäre nach Susa gegangen, und hätte den Artaxerxes zu ihrem Sklaven gemacht. Dass sie es nicht versucht hat, kommt bloss daher, weil sie zu fahrlässig dazu ist, und weil ihr Stolz Befriedigung genug in dem Gedanken findet, schon als Lais alles zu sein was sie will. Mit einem andern Temperamente wäre sie vielleicht die ausgelassenste aller Hetären; aber ich fürchte sie ist fähig, es aus blosser Eitelkeit zu werden, wenn sie sich's jemals in den Kopf setzen sollte, auch hierin unübertrefflich zu sein.
Diese Betrachtungen machten mich unvermerkt wehmütig; die blosse Möglichkeit, dass die Liebenswürdigste ihres Geschlechts dereinst noch unglücklich sein, und vielleicht sogar unter sich selbst herabsinken könnte, war mir peinlich, und ich verlor mich im Nachdenken, ob dieser weibliche Alcibiades nicht wenigstens in eine Art von Aspasia zu verwandeln sein möchte – als ich auf einmal eine hohe Gestalt in einem langen weissgrauen Gewande zwischen den Cypressen langsam gegen mich herschweben sah, in welcher ich beim ersten Anblick die Gestalt und den Anstand der Freundin zu sehen wähnte, welche mich schon eine Stunde lang in Gedanken beschäftigte. Ich gestehe dir, dass ich zusammenfuhr, aber nichtsdestoweniger, zwischen Grauen und Neugier was daraus werden würde, die Augen starr auf die wunderbare Erscheinung heftete. Noch schwebte die Gestalt immer vorwärts; aber in dem Augenblick, da sie eine vom einfallenden Mondlicht stark beleuchtete Stelle betrat, blieb sie ohne Bewegung stehen, und nun war es unmöglich zu zweifeln, dass ich die Gestalt der Lais vor mir sehe. Aber wie sollte sie selbst auf einmal hierher gekommen sein? Da es unläugbar ihre Gestalt war, was konnte' es anders sein als eine Erscheinung, die mir sagen sollte, dass sie selbst nicht mehr lebe; es sei nun, dass Arasambes sie in einem Anfall von Eifersucht ermordet, oder dass sie auf der Rückreise nach Griechenland Schiffbruch gelitten, oder sonst durch einen Zufall das Leben verloren hatte. Diese Gedanken blitzten so schnell in meiner Seele auf, dass meiner Philosophie nicht Zeit genug blieb, sie in Untersuchung zu nehmen; und ich bekenne dir unverhohlen, dass mir ungefähr eben so zu Mute war, wie einem jeden sein mag, der einen abgeschiedenen Geist zu sehen glaubt. Ich wollte von meinem Ruhebettchen aufstehen, aber meine Füsse waren mit Blei ausgegossen, und meine arme ohne Kraft; so dass ein ziemliches Weilchen verging, bis ich wieder einige Gewalt über meinen Körper erhielt. Die Gestalt stand noch immer unbeweglich, und ich konnte deutlich sehen, dass sie einen zärtlich ernsten blick auf mich heftete. Die immer zunehmende Gewissheit, dass es der Schatten meiner Freundin sei, brachte nun mein stockendes Blut wieder in Bewegung; mir ward warm ums Herz, und eine unaufhaltsame Gewalt riss mich zu dem geliebten Schatten hin. Mit weit ausgebreiteten Armen flog ich auf sie zu, aber die Ausrufung, "bist du es, liebste Lais?" blieb mir am Gaumen kleben. Doch im nämlichen Augenblick, da ich mit ausgespannten Armen auf sie zueilte, öffnete sie auch die ihrigen, und einen Augenblick darauf fühlte ich, mit unaussprechlichem Entzücken, dass ein warmer elastischer Körper meine arme füllte, dass ihr Busen an dem meinigen überwallte, kurz, dass das vermeinte Gespenst – Lais selbst war. Die Seligkeit dieses Augenblicks fühlst du, indem du dich an meine Stelle denkst, viel besser, als wenn ich das Unbeschreibliche zu beschreiben versuchen wollte. Alles, was ich davon sagen kann, ist, dass es der längste und kürzeste meines Lebens war; denn er könnte eine Stunde gedauert haben, und hätte mir doch nur ein Augenblick gedäucht. Mir war, als ob ich mit ihr zusammenwachsen müsste, um mich ihres Daseins recht gewiss zu machen.
Lais gestand mir, dass sie sich ein eigenes Vergnügen daraus gemacht habe, meine Philosophie sowohl als meine Freundschaft auf diese probe zu setzen, und mich die Gunst eines so unerwarteten Besuchs mit einer kleinen Angst erkaufen zu lassen, die den Wert derselben erhöhen würde. Es freut mich, setzte sie hinzu, dass ich meine Absicht, dir den Genuss eines noch unbekannten Wonnegefühls zu gewähren, so glücklich erreicht habe: und ich hoffe du wirst dich desto leichter in die notwendigkeit fügen, dich eben so unvermutet wieder von mir zu trennen als du mich gesehen hast; denn in einer Stunde muss ich wieder am Bord sein. Ich komme gerades Weges von Sardes; meine vorgegebene Reise nach Milet sollte dir bloss verbergen, was ich damals schon beschlossen hatte. Der nämliche Eilbote, der dir meinen Brief überbrachte, hatte den Auftrag, mir ein eigenes Schiff zu mieten, welches mich sobald als möglich zu den Poseidonien nach Aegina bringen soll. Alles ist zur Abfahrt bereit, der Wind ist günstig, und die Seeleute sind, wie du weisst, harterzige Leute.
Du zweifelst wohl nicht, Kleonidas, dass mir diese Nachricht etwas unerwartet kam; ich hatte mir wenigstens auf etliche Tage Hoffnung gemacht. Aber du kennst auch das unwiderstehliche Gemisch von Anmut und Majestät, womit diese Zaubrerin ihre Willenserklärungen als unwiderrufliche Beschlüsse des Schicksals anzukündigen pflegt. Es fand nicht nur weder Einwendung noch Bitte gegen diese Verfügung statt, sondern dein armer Freund musste sich auch bequemen, diese ganze kostbare Stunde über in dem langen Cypressengang mit ihr auf und ab zu schlendern, und sich einen kurzen Auszug ihrer geschichte seitdem wir uns nicht gesehen hatten, erzählen zu lassen, die ein paar Stunden später unendlich unterhaltend gewesen wäre