, die, gleichsam in den Schatten ihrer ehmaligen Gestalt eingehüllt, sich entweder von freien Stücken zeigen, oder durch magische Mittel zu erscheinen genötiget werden, immer für das, was sie sind, gehalten, und die Furcht vor allen diesen Ausgeburten eigner oder fremder Einbildung für eine der lächerlichsten Schwachheiten erklärt habe. Gleichwohl hab' ich mich selbst unvermuteter Weise über dieser ziemlich allgemeinen menschlichen Schwachheit ertappt, und finde mich jetzt durch eigene Erfahrung sehr geneigt duldsamer gegen andere zu sein, da ich mich immer mehr überzeuge, dass kein Mensch so viel vor allen andern voraus hat, dass er sich vor irgend etwas, wozu Wahn und leidenschaft einen Menschen bringen können, völlig sicher halten darf. Höre also, was mir in der vorgestrigen Nacht begegnet ist.
Das Haus, das ich hier bewohne, liegt zwischen dem Hafen und der Stadt, mitten in einem ziemlich grossen Garten, der auf der Ostseite die Aussicht ins Meer hat, und gegen Mittag in einen kleinen den Nymphen geheiligten Hain von Buschholz ausläuft, den ein langer gang von hohen Cypressen in zwei gleiche Teile schneidet. Die Rhodier sind überhaupt an eine Lebensordnung gewöhnt, von welcher sie selten abweichen. Eine Stunde nach Sonnenuntergang ist in den Häusern und auf den Strassen alles still; denn mit der ersten Morgenröte ist auch schon alles wieder munter; sogar die Frauen würden sich's zur Schande rechnen, von dem Sonnengotte (der hier vorzüglich verehrt wird) in den Armen des Schlafs überrascht zu werden. Wir Cyrener sind einer andern Lebensart gewohnt, und ich bringe daher in mondhellen Nächten, wenn schon alles weit um mich her im ersten Schlafe versunken ist, gewöhnlich noch ein paar Stunden allein in einem Gartensaale zu, der in Gestalt eines kleinen Tempels dem Cypressengange gegenüber steht, und von etlichen Reihen prächtiger Ahornbäume umschattet wird. Diese einsamen nächtlichen Stunden sind es, worin ich mich aus den Zerstreuungen des Tages in mich selbst zurückziehe, und nach Pytagorischer Weise mir selbst Rechenschaft darüber ablege, was ich getan oder verabsäumt, um was ich besser oder schlechter geworden, was ich gesehen, gehört oder gelesen habe, das des Nachdenkens und Aufbehaltens wert ist, und was ich morgen vorzunehmen oder zu besorgen gedenke; kurz, es sind, wenn ich so sagen kann, die Digestionsstunden meines Geistes, die mir zu meiner Lebensordnung so notwendig sind, dass ich mir nur selten erlaube, ihnen eine andere Anwendung zu geben.
Ich weiss nicht wie es kam, dass gerade an diesem Abend die Erinnerung an Lais alle andern Gedanken in mir verdrängte. Ich hatte ungefähr acht Tage vorher einen Brief von ihr erhalten, worin sie mir ihre Trennung von Arasambes berichtete, und dass sie im Begriff sei nach Milet abzugehen. Welche seltsame Unruhe des Geistes, dachte ich, treibt sie aus einer beneidenswürdigen Lage heraus, um des eingebildeten Glücks einer unbeschränkten Freiheit zu geniessen, die ihr am Ende vielleicht doch nur zur Fallgrube werden könnte! Sie vermochte alles über Arasambes; es stand in ihrer Macht ihn auf immer an sich zu fesseln; und mit welchem Mutwillen zerbricht sie ihren eigenen Zauberstab! Wie leichtsinnig treibt sie wieder in den Ocean des Lebens hinaus, ohne Plan und Zweck, wohin Zufall und Laune des Augenblicks sie führen werden! Was wird endlich das Schicksal dieses ausserordentlichen Weibes sein, in welchem die natur alle Reize ihres Geschlechts mit den glänzendsten Vorzügen des männlichen so sonderbar zusammengeschmelzt hat?
Der Charakter der schönen Lais war mir immer ein Rätsel gewesen, dessen Auflösung ich vergeblich gesucht hatte. Indem ich mich jetzt von neuem bemühte, alle die reizenden Widersprüche, woraus er zusammengesetzt ist, und in deren Verbindung gerade der Zauber ihrer unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit liegt, unter Einen Begriff zu bringen, fiel mir plötzlich die grosse Aehnlichkeit auf, die ich zwischen ihr und dem ausserordentlichsten mann unsrer Zeit, dem ehemaligen grossen Liebling des Sokrates, zu sehen glaubte. Sie ist, sagte ich zu mir selbst, unter den Frauen, was Alcibiades unter den Männern war. In beiden hat die natur alle ihre Gaben mit üppiger Verschwendung aufgehäuft. Wohin er kam, war er der erste und einzige; wo sie erscheint, wird sie immer die erste und einzige sei. Er würde die Welt erobert haben, wenn er nicht so gewiss gewesen wäre dass er es könne: sie würde sich überall alle Herzen unterwerfen, wenn sie es nur der Mühe wert hielte. Ein allzu lebhaftes Selbstgefühl war die Quelle aller seiner Ausschweifungen, Fehler und falschen Schritte: eben diess ist und wird immer die Quelle der ihrigen sein. Wäre er zwanzig Jahre später in die Welt gekommen, und sie wären einander (wie nicht zu zweifeln ist) begegnet, sie würden sich vereiniget, und, wie Platons Doppelmenschen33, unglaubliche Dinge getan haben. Aber nur zu wahrscheinlich bereitet sie sich ein ähnliches Schicksal. Dieses innige Gefühl dessen was sie ist, und was sie sein kann sobald sie will, würde sie wahrscheinlich antreiben irgend eine grosse Rolle zu spielen, wenn es nicht bei ihr, wie bei Alcibiades, mit der Indolenz eines kaltblütigen Temperaments verbunden wäre, die der Energie ihrer Einbildungskraft das Gegengewicht hält, und die Ursache ist, warum sie mit den grössten Kräften nie etwas Grosses unternehmen, oder, wenn sie es begonnen hätte, nie zu stand bringen wird. Daher dieser übermütige Leichtsinn, der sich über alles wegsetzen kann, sich aus allem ein Spiel macht, und, weil ihm nichts gross genug ist, notwendig alles klein finden muss. Wär' es ihr zu